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BÖRSE Totes Gewässer

Ausländische Kapitalgesellschaften drängen an Westdeutschlands Börsen. Sie erhoffen sich Vorteile auf dem deutschen Kapitalmarkt.
• aus DER SPIEGEL 44/1973
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Der Ruf Düsseldorfs und Frankfurts als zwei der führenden Finanzzentren der Welt«, schmeichelte Shizuo Hayase, Vizepräsident der japanischen Wertpapier-Bank Nikko Securities Company. kürzlich westdeutschen Bankern und Börsianern, habe ihn getrieben, Nikko-Aktien auch außerhalb Japans zunächst in Deutschland einzuführen.

Der japanische Aktien-Geschäftsmann, dessen Firma im vergangenen Jahr für 80 Milliarden Mark -- doppelt soviel wie an sämtlichen deutschen Börsenplätzen zusammen -- umwälzte, wird von westdeutschen Börsianern hoch gefeiert. Denn ohne Auslandsaktien. so Bonns Kapitalmarkt-Experte Hermann Beyer-Fehling. droht die deutsche Börse »zu einem toten Gewässer zu erstarren«.

Von Jahr zu Jahr bieten die acht bundesdeutschen Wertpapier-Börsen weniger heimische Aktien an. Der Kurszettel verbreitet zudem überwiegend Notizen aus der Provinz mit geringen Umsätzen. Nur bei 40 deutschen Industrie-, Handels- und Bankanteilen lohnt es sich, täglich die Börsenumsätze zu nennen.

Fusionen und Umwandlungen in die für den Börsenhandel untaugliche Rechtsform einer GmbH haben die Sterberaten an deutschen Wertpapieren rasch hochschnellen lassen. Ihnen stehen nur sehr wenige Neu-Emissionen entgegen, von denen manche rasch Danebengingen -- so die Einführung der Charterflug-Aktie Atlantis und des Papiers der Deutschen Klinik für Diagnostik. Besitzer dieser Werte mußten ihre Einlage schon bald nahezu voll abbuchen.

Fälle wie Atlantis und Diagnostik Klinik brachten die westdeutschen Börsen in den Ruch. sich Glücksrittern allzu leichtfertig zu öffnen. Seriöse Auslands-Papiere sollen nun das lädierte Ansehen bessern und Ausgleich für den Emissionsschwund bringen.

Ähnlich Nikko haben in diesem Jahr bereits 21 andere Auslandsfirmen ihre Anteile zum amtlichen Handel in der Bundesrepublik angemeldet. Weitere 12 Anwärter auf einen Platz im deutschen Kurszettel stehen auf der Warteliste. Zum Jahresende, so prognostizierten Börsianer. werde bereits jede fünfte in Frankfurt oder Düsseldorf gehandelte Aktie aus dem Ausland stammen (siehe Graphik).

»Die deutschen Aktienbörsen polieren derzeit mit rasantem Schwung ihr internationales Image auf«, folgerte die Frankfurter »Börsen-Zeitung«. Nicht selten freilich bereiteten Auslandswerte deutschen Börsenkunden wenig Freude. So erlebte vor drei Jahren die Dresdner Bank mit der zu teuren Einführung der Aktie des japanischen Elektroriesen Mitsumi einen Reinfall. Das Papier stürzte auf ein Viertel seines Emissionspreises.

Selbst Zertifikate über Stammanteile des amerikanischen Automobilgiganten General Motors. eines Nobel-Papiers vom US-Markt, brachten kaum Umsatz. Lediglich der IBM-Computer-Trust schaffte im letzten Jahr in Frankfurt einen Börsenumsatz von 144 Millionen Mark -- Spitze unter den in Deutschland gehandelten Auslandswerten.

Doch selbst dieser Umsatz ist gering im Vergleich zum gesamten Börsenwert des Konzerns von etwa 100 Milliarden Mark. Erst der Verkauf sämtlicher deutscher Aktien würde nach Berechnungen des schweizerischen Dienstes »Capital International Perspectiv« ausreichen, den Börsen-Riesen IBM zu übernehmen. Der IBM-Run geht denn auch zum großen Teil auf Belegschaftsaktien der IBM-Bediensteten zurück.

Neben diesen Fremd-Werten sind vor allem die Aktien des kalifornischen Mischkonzerns Litton Industries und des holländischen Philips-Konzerns einigermaßen beliebt, letztere vor allem an der grenznäheren Rheinisch-Westfälischen Börse. »In Frankfurt gehen die Amerikaner besser, bei uns die Holländer. in Hamburg die Skandinavier«, beschrieb Otto Lersch, Hauptgeschäftsführer der Düsseldorfer Börse, den Publikumsgeschmack

Börsen-Baisse und Währungsverluste durch häufige Aufwertungen der Mark haben deutschen Anlegern in den letzten Jahren den Spaß am Spiel mit Auslandsaktien nachhaltig verdorben. Wer vor etwa vier Jahren amerikanische Aktien kaufte und für einen Dollar vier Mark einzahlen mußte, würde jetzt bei einem Verkauf allenfalls 2,40 Mark pro eingesetzten Dollar zurückerhalten. Der Kurs hätte schon auf das Doppelte steigen müssen, um bei US-Werten den gleichen Ertrag herauszuholen wie bei festverzinslichen Wertpapieren aus Deutschland.

Nicht der westdeutsche Aktienkäufer ist denn auch für die multinationalen Imperien der Ausländer das Motiv zum Einstieg in die deutsche Börse, sondern die Angst vor der Einschränkung des freien Kapitalverkehrs: Sie wollen auf jedem Geldmarkt der Welt präsent sein.

Andreas Kleffel, Vorstand der Deutschen Bank, sah bei der Börseneinführung für den amerikanischen Vervielfältigungskonzern Xerox Corporation denn auch weniger das Käuferpublikum als den »langfristigen Aspekt, die Gesellschaft deutschen Finanzkreisen näherzubringen«. Und Börsengeschäftsführer Otto Lersch sekundierte: »Wer seine Aktie hier notieren läßt, kann dann auch leichter mal eine Anleihe in Deutschland aufnehmen.«

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