POST Totes System
Im Umgang mit den Regierenden ist Siemens-Chef Karlheinz Kaske ganz behutsam: »Bei denen trompete ich nicht viel.«
Seinen persönlichen Einsatz in Bonn beschränkt der Chef des mit rund 50 Milliarden Mark Umsatz inzwischen größten deutschen Konzerns »aufs Allernotwendigste«. Das aber ist, wie Kaske jetzt lernen mußte, nicht immer genug.
Ausgerechnet der Postminister ist offenbar nicht hinreichend umworben worden. Seit Jahrzehnten läuft kaum ein Großauftrag der Bundespost an Siemens vorbei. Der Konzern liefert Telephone und Telefax-Geräte, Kabel und Computer, Vermittlungsanlagen und Fernschreibsysteme im Wert von jährlich zwei Milliarden Mark.
Doch plötzlich sind die Leitungen zum Großkunden gestört: Bei einem der ehrgeizigsten Modernisierungsprojekte der Post fällt für Siemens nicht viel ab.
In letzter Minute noch intervenierte Kaske bei Postminister Christian Schwarz-Schilling. Doch es war zu spät: Mit einem Investitionsaufwand von rund einer halben Milliarde Mark will die Post ihre Ämter auf Elektronik umrüsten - und die Aufträge gehen überwiegend an die Siemens-Konkurrenz.
Bis 1990 werden hinter den 20 000 Schaltern in den Postämtern die antiquierten Rechenmaschinen durch Computer ersetzt. Buchungen im Giro- und im Sparbuchverkehr sollen künftig über Terminals laufen. Damit entsteht Europas größtes Kommunikationsnetz. Der erste Schritt ist bereits getan: Zentralämter und Oberpostdirektionen sind schon mit Großrechnern ausgestattet.
Die Nummer eins unter den Computer-Herstellern, der IBM-Konzern, hat die meisten dieser Geräte geliefert. Nur der kleinere Teil kommt von Siemens - Geräte des japanischen Kooperationspartners Fujitsu. Für die zweite Stufe der Postumrüstung hatte sich Siemens mit seinen mittelgroßen Computern die besten Chancen ausgerechnet. Es ging um 400 Rechner im Wert von rund hundert Millionen Mark.
Den Zuschlag bekam wieder die IBM. Die abgeschlagenen Mitbewerber erfuhren es von den Postmännern per Telephon.
Daß ausgerechnet der US-Konzern, der mit seinen Computern mehr als die Hälfte des Weltmarktes beherrscht, in Bonn das Rennen machte, grämt die Siemens-Leute besonders. »Das Kunststück, etwa den Franzosen oder Briten ein ausländisches System zu verkaufen«, klagt Kaske, »bringt keiner fertig.«
In der Tat schaffte es selbst IBM beispielsweise nicht, über einen Kooperationspakt mit der British Telecom die englische Post als Großkunden zu gewinnen. Margaret Thatchers Regierung stoppte das Vorhaben.
Schwarz-Schilling denkt da anders. Die Entscheidung zugunsten des US-Riesen, so erklärt das Postministerium, sei auf den »technischen Vorsprung« von IBM zurückzuführen. Kein anderes Unternehmen könnte ähnlich gute Systeme bieten wie der US-Konzern.
Die Experten bei Siemens und anderen Mitbewerbern wollen diese Begründung
nicht akzeptieren. Der sieben Jahre alte IBM-Computer 8100, den die Post nun anschafft, sei ein Auslaufmodell, das etwa Marc Butlein, ein ehemaliger hoher IBM-Mitarbeiter, bereits als ein »totes System« bezeichnet habe. Weil es allerdings erprobt sei, so mutmaßen die unterlegenen Firmen, habe Schwarz-Schilling den bequemeren Weg gewählt.
Den letzten Ausschlag für die Entscheidung, so meinen Insider, habe aber Siemens vielleicht selbst gegeben: Eine Anzeige der Münchner habe die Postler verärgert. Noch während die Post die Angebotsunterlagen prüfte, hatte Siemens auf ganzseitigen Annoncen in bundesdeutschen Tageszeitungen seine Computer mit der Aufforderung »Bleibe im Lande ...« angepriesen.
Doch offenbar hat Schwarz-Schilling einmal mehr eine falsche Entscheidung getroffen. Kollegen aus dem Bonner Kabinett, einige europäische Regierungen und Computer-Hersteller halten die Bevorzugung des US-Multis »schlichtweg für eine Provokation«, wie Franz Scherer, Chef der deutschen Tochterfirma des französischen Computer-Konzerns Bull, meint. Die Europäer seien in ihren jahrelangen Bemühungen um ein Gegengewicht gegen die Vorherrschaft von IBM zurückgeworfen worden.
Vor anderthalb Jahren hatten sich zwölf europäische Produzenten der Kommunikationsindustrie, darunter Siemens, Nixdorf, Philips, Olivetti, Bull und ICL, zusammengefunden, um eine einheitliche Computer-Sprache zu entwickeln. Alle Rechner sollten nach einem normierten System miteinander verbunden werden können.
Das war bisher nicht möglich, weil der IBM-Konzern mit seinem hauseigenen Übertragungsstandard SNA (Systems Network Architecture) den Weltmarkt diktierte. Wer irgendwo bei einer Auftragsvergabe mit dabeisein wollte, mußte seine Produkte auf SNA abstellen.
Die Europäer einigten sich auf eine neue Norm, die Open Systems Interconnect (OSI). Auch Europas Postverwaltungen, die EG-Behörde und die Regierungen unterstützen die Hersteller. Das Bundesforschungsministerium zahlte bereits mehrere Millionen Mark für die Entwicklung. Im November 1984 legte sich auch Bonn auf die OSI-Norm fest.
Doch Schwarz-Schilling scherte sich nicht darum. Als IBM auch für die zweite Ausbaustufe des Modernisierungsprogramms den Zuschlag bekam, hatte sich die Post gegen OSI entschieden. Der Auftrag für die dritte Stufe der Umrüstung - die Ausstattung der Postschalter mit Terminals - blieb zwar im Lande: Nixdorf wird für 300 Millionen Mark die Geräte liefern. Aber Sieger ist IBM.
Nixdorf nämlich kann mit der europäischen OSI-Norm nichts anfangen, weil in der Post dann überall die großen IBM-Computer stehen: Er muß seine Geräte auf die amerikanische Norm polen.