GROSSBRITANNIEN Tragischer Tag
Es war der bislang blamabelste Tag für Britanniens Regierungs-Chefin Margaret Thatcher.
»Das Datum 26. Januar 1982«, erregte sich David Basnett, der Chef-Ökonom des Gewerkschafts-Dachverbandes Trades Union Congress, »wird für immer als der schlimmste Tag in der Nachkriegsgeschichte unserer Nation in Erinnerung bleiben.«
Labour-Politiker Eric Varley griff sogar noch auf die Vorkriegszeit zurück. »Dies ist der tragischste Tag in Friedenszeiten«, klagte der Beschäftigungs-Experte im Schattenkabinett der größten britischen Oppositions-Partei, »den Britannien seit einem halben Jahrhundert gesehen hat.«
Und der Labour-Abgeordnete Dennis Skinner sparte nicht einmal den Zweiten Weltkrieg aus. Margaret Thatcher habe »die britische Wirtschaft stärker verheert«, wütete der wegen seiner rüden Attacken gefürchtete Labour-Linksaußen im Unterhaus, als es dem »Oberkommando der deutschen Wehrmacht während des gesamten letzten Krieges« gelungen sei.
Grund für die Rage der Thatcher-Gegner: Am Dienstagmorgen vergangener Woche hatte die Regierung bekanntgegeben, daß die Zahl der britischen Arbeitslosen im Januar die Drei-Millionen-Marke überschritt.
Mit exakt 3 070 621 Männern, Frauen und Jugendlichen waren am Januar-Stichtag in Großbritannien so viele Arbeitslose registriert wie noch nie zuvor. Jeder achte arbeitsfähige Brite ist nun ohne Job.
Seit dem Amtsantritt der konservativen Premier-Ministerin im Frühjahr 1979 hat sich die Arbeitslosigkeit im Vereinigten Königreich mehr als verdoppelt. Seit Beginn der siebziger Jahre hat die Erwerbslosen-Zahl sich gar verfünffacht (siehe Graphik).
Selbst auf dem Tiefpunkt der Großen Depression im Januar 1933 hatte die Zahl der registrierten Arbeitslosen in Großbritannien die Drei-Millionen Marke nicht ganz erreicht. Allerdings war das gesamte Arbeitskräfte-Reservoir damals noch weit kleiner, und Schulabgänger, öffentlich Bedienstete sowie höhere Angestellte ohne Job wurden zu jener Zeit statistisch noch nicht als arbeitslos erfaßt.
Ein Tag des schlimmen Superlativs wird der Dienstag vergangener Woche allerdings nicht lange bleiben. Es wird demnächst noch um einiges böser kommen.
Denn selbst Margaret Thatchers Arbeitsminister Norman Tebbit warnt davor, daß der Gipfel der Arbeitslosigkeit noch nicht erreicht sei. Die Experten im britischen Arbeitsministerium rechnen damit, daß die Zahl der Joblosen noch bis weit ins Jahr 1983 hinein steigen wird.
Die Wirtschaftsforscher des unabhängigen National Institute of Economic and Social Research (NIESR) sagen gar voraus, daß die Arbeitslosigkeit noch bis Ende 1986 weitersteigen wird. Laut NIESR-Prognose werden dann noch rund 600 000 Briten mehr ohne Arbeit S.117 sein als heute - die arbeitslosen Schulabgänger dabei noch nicht einmal eingerechnet.
Behalten die NIESR-Forscher recht, werden weite Teile des Vereinigten Königreichs zu dauerhaften Elends-Regionen verkommen. Denn schon heute ist im schlimmsten Krisen-Gebiet, in Nordirland, fast jeder fünfte Erwerbsfähige arbeitslos. In Wales, Nordengland und Schottland sucht jeder sechste vergebens einen Arbeitsplatz.
Doch auch bei solchen fatalen Aussichten vermag Maggie Thatcher, die Britanniens Wirtschaft vor allem durch eine zu starre Geldpolitik strangulierte, durchaus noch »ermutigende Zahlen« zu entdecken.
So stellte sie bei ihrem ersten Auftritt im Unterhaus nach Bekanntgabe der neuesten Arbeitslosen-Statistik fest, es habe ja immerhin auch die Zahl der Überstunden und die der offenen Stellen zugenommen. Labour-Führer Michael Foot hielt der Premierministerin entgegen, dies sei »eine Beleidigung« für alle Arbeitslosen.
Einen anderen Lichtblick entdeckte Großbritanniens Premierministerin jenseits des Kanals: Den Deutschen gehe es auch nicht besser.
Die Arbeitslosigkeit in Großbritannien sei vergangenes Jahr mit 651 000 zusätzlichen Erwerbslosen kaum rascher gewachsen als in der Bundesrepublik, wo 586 000 neue Arbeitslose gezählt worden seien. Überdies wachse die Arbeitsproduktivität in Großbritannien derzeit schneller als in allen anderen großen Industrienationen.
Gerade darin aber liegt für die britischen Arbeitslosen wenig Trost. Denn schnelles Produktivitäts-Wachstum bringt - zumindest kurzfristig - keine Arbeitsplätze, sondern vernichtet diese nur: Je mehr die einzelnen Beschäftigten schaffen, desto weniger Arbeiter und Angestellte sind in Englands Fabriken und Büros nötig, um ein bestimmtes Sozialprodukt zu erwirtschaften.
Erst langfristig - wann immer das sein wird - nimmt über die steigende Produktivität womöglich auch wieder das Angebot an Arbeitsplätzen in Großbritannien zu: Die höhere Produktivität senkt die Arbeitskosten; dies wiederum stärkt die internationale Konkurrenzfähigkeit Großbritanniens; das Ausland kauft mehr britische Produkte ein; die Unternehmer erweitern ihre Kapazitäten und stellen neue Arbeitskräfte ein.
Doch dies wird wohl erst dann auf den britischen Arbeitsmarkt durchschlagen, wenn Margaret Thatcher ihren Amtssitz in Londons Downing Street Nr. 10 längst geräumt hat: Spätestens für das Frühjahr 1984 muß die Chef-Konservative Neuwahlen ausschreiben.
Den neuen Beinamen, den ihr die Opposition vergangene Woche verpaßte, wird sie bis zu jenem Termin jedenfalls schwerlich loswerden: »Mrs. Three Million«.