BAUWIRTSCHAFT Treffen am Golf
Max Werhahn, Senior des mit den Adenauers versippten rheinischen Industriellen-Clans, machte es geheimnisvoll: »Das Geheimnis unseres Erfolges geben wir nicht preis.«
Kleinaktionäre des Kölner Bau-Konzerns Strabag hatten vom Aufsichtsrats-Chef wissen wollen, wie die Firma ausgerechnet im Krisenjahr 1976 den Rekordgewinn von 36 Millionen Mark gemacht hatte. Werhahn wortkarg: »Ein Produkt aus Fleiß und Sorgfalt.«
Die Börse weiß dieses Produkt seit Monaten zu schätzen. Der Aktienkurs der von der Werhahn-Sippe und den Kölner Privatbankiers Oppenheim beherrschten Baugruppe sprang in einem Jahr von 145 auf über 300 Mark. Und daran wird sich so bald kaum etwas ändern. »Wir sind«, meinte Werhahn« »für zwei Jahre versorgt.«
Mitten in der flauen westdeutschen Wirtschaftslage, mitten in der miesen Baukonjunktur sind die Auftragsbücher der großen Baukonzerne ansehnlich wie selten. Der Orderbestand des Esseners Branchenführers Hochtief etwa stieg per Jahresultimo um 41 Prozent, der Düsseldorfer Konzern Beton- und Monierbau (BUM) reicherte sein Auftragspolster um 72 Prozent an, und der Frankfurter Bauriese Philipp Holzmann legte gar 75 Prozent zu. Die Firma erreichte einen Vorrat von über fünf Milliarden Mark.
Dennoch jammert das Gewerbe. Die Lage sei, so Verbands-Präsident August Hackert, »nach wie vor außerordentlich schlecht«. Beton- und Monierbau-Chef Heinz-Friedrich Hoppe behauptet gar, daß der Krisensektor Bau -- allein in den letzten vier Jahren gingen über 3600 Baufirmen mit über 350 000 Arbeitsplätzen ein -- auch künftig auf wackligem Fundament steht: »Die Pleitewelle wird mindestens noch zwei Jahre weiterlaufen.«
Beide haben nicht einmal unrecht. So hektisch das Auslandsgeschäft lief, so dürftig blieben die Inlandsaufträge« insbesondere die Staatsorders. »Das Volumen der Baugenehmigungen im öffentlichen Hochbau«, so diagnostizierte das Münchner Ifo-Institut, »geht seit dem Frühjahr laufend zurück.«
Allein die Ölländer des Nahen Ostens, die ihre Petrodollars außer in Industrie-Projekte und Firmen-Beteiligungen schließlich auch in prestigeträchtige Großbauten investierten, sorgten für den »lebensnotwendigen Ausgleich« (Hoppe).
So baut Dyckerhoff & Widmann das von den deutschen KWU-Reaktorbauern kontrahierte Iran-Kernkraftwerk Buscher am Persischen Golf. Die Kolonnen der Kölner Strabag gossen dem Sultan von Oman 750 Kilometer Schnellstraßen durch Wüsten und Wadis. Und Nahostpionier Philipp Holzmann klotzt in Saudi-Arabien mit einem kompletten Hafen für 1,6 Milliarden und fünf Krankenhäusern für nochmals 1,1 Milliarden Mark.
Den dicksten Auftrag jedoch holten die Hochtief-Manager herein, die ihre Erfahrungen bei Mammut-Projekten wie den Staudämmen Cahora Bassa in Mocambique und Tarbela in Pakistan sammelten. Die Essener übernahmen den kompletten Auftrag für den Bau des saudiarabischen Großflughafens Dschidda International. Wert: vier Milliarden Mark.
Dieser Orderboom hat allerdings seine Schönheitsfehler: Die Baukonzerne wurden in eine Auslands-Abhängigkeit gedrängt, die selbst exportlastige Industrie-Multis wie Bayer und Siemens nicht erreichen. Vom Auftragsbestand der Mannheimer Baugruppe Bilfinger + Berger (Hauptaktionär: Dresdner Bank) etwa entfallen 73 Prozent aufs Ausland, der Holzmann-Konzern (Deutsche Bank und Westdeutsche Landesbank) kommt auf 80 Prozent und Beton- und Monierbau gar auf 81 Prozent.
Diese Quoten könnten gar weiter wachsen. Der von Gerichten und Bürgerinitiativen durchgesetzte Kernkraftstopp blockiert derzeit ein Bauvolumen von 1,6 Milliarden Mark im Jahr und über 20 000 Arbeitsplätze. Allein Hochtief könnte 4000 neue Arbeiter auf die Baustellen schicken. Hochtief-Chef Albrecht Schumann: »Wir müssen um unsere mit großen Anstrengungen über viele Jahre aufgebauten Kapazitäten bangen.«
Notgedrungen buhlen die Auslandsmanager der vom deutschen Bauboden abgedrängten Bauriesen deshalb hei Schah und Scheichen, bei Exzellenzen und Emiren um weiteren Zuschlag. Sie bewarben sich um Aufträge für Meerwasser-Entsalzungsanlagen und Wohnsiedlungen in Saudi-Arabien, Universitätsgebäude im libyschen Tripolis, mehrere Fabriken in Algerien und andere Projekte im Gesamtwert von gut zehn Milliarden Mark.
Doch auch die auslandserfahrenen Konzern-Experten tun sich schwer, die Ölmilliarden anzuzapfen: »Inzwischen treffen sich die Baufirmen aus ganz Asien am Golf«, klagt Rolf Bollinger, Auslandsbeobachter im Wiesbadener Bau-Verband.
Die komplette Konkurrenz fühlt sich von den Südkoreanern bedrängt, die mit niedrigen Löhnen und harter Arbeitsdisziplin antreten. Erst letzte Woche eroberte Koreas Baugigant gegen japanische und bundesdeutsche Mitbewerber den Auftrag für die größte Zementfabrik des Nahen Ostens, in Saudi-Arabien. Projektpreis: 520 Millionen Mark.
Mit ihrer üppigen Preiskalkulation brachten europäische Konzerne ihre asiatischen Gegenspieler sogar noch zusätzlich ins Geschäft. Weil ihm die Preisofferten deutscher, französischer und holländischer Anbieter für fünf Großprojekte überzogen schienen, strich Saudi-Arabiens Industrie-Minister erst jüngst eine Ausschreibung und brachte auf einer Blitztour zu Firmen in Japan, Pakistan, Indien und Taiwan die Aufträge wesentlich billiger unter.
Im neuen Mekka der Baukonzerne, im afrikanischen Ölland Nigeria, konnten die fernöstlichen Unterbieter einstweilen auf Distanz gehalten werden. Die Strabag baut zur Zeit den Großflughafen Murtala Muhammed Airport in Lagos, Bilfinger + Berger erhielt den Zuschlag für die Ring-Autobahn und den Tiefseehafen der Metropole. »Nigeria wird der interessanteste Markt«, schwärmt Monierbau-Chef Hoppe, »die werden mit ihrem Bevölkerungs-Reichtum in den nächsten fünf Jahren 130 Milliarden Mark verbauen.«
So überlebenswichtig diese Milliardenperspektiven sind, so unberechenbar sind auch die Risiken. Schon heute müssen die Bauleiter vor Ort ihr ganzes Organisations-Talent aufbieten, das notwendige Gerät und Material durch die hoffnungslos verstopften Häfen Afrikas und des Nahen Ostens an die Baustellen zu lotsen. Konventionalstrafen in Millionen-Höhe drohen Firmen, die ihre vertraglich fixierten Bautermine überziehen.
Auch andere Risiken können die Kalkulation verderben. So mußten die beiden Saudi-Partner Held & Francke und Dyckerhoff & Widmann fast 60 Millionen Mark zusätzlich aufbringen, nachdem ihre Festpreis-Offerte für die 140 Kilometer lange Nationalstraße 61 von der rasanten Inflation überholt wurde.
Mit üblen Überraschungen müssen die Baufirmen auch in Nordafrika fertig werden. So verhaftete die libysche Polizei unlängst auf einer Holzmann-Baustelle gleich eine ganze Kolonne ausländischer Arbeiter, weil sie keine Aufenthalts-Genehmigung vorzeigen konnten.