Trendsetter Yahoo: Die Angst nach dem Jubel - DER SPIEGEL
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Trendsetter Yahoo Die Angst nach dem Jubel

Die Profite im letzten Quartal sind imposant gestiegen, die Übernahme des Suchdienstes Overture ist geglückt. Trotzdem haben die Chefs des Web-Portals Yahoo Anlass zur Besorgnis – Microsoft bringt sich in Stellung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sunnyvale - Der Preis für besonders unerschütterlichen Börsen-Optimismus gebührt in diesem Monat Steve Weinstein. Der Mann arbeitet als Analyst beim Investmenthaus Pacific Crest, und er traut sich was. Noch am Freitag hat er die Aktie des Internetportals Yahoo als "Kauf" eingestuft. Dabei hat sich der Kurs seit Anfang Januar bereits verdoppelt - er stieg von weniger als 20 Dollar auf 39 bei Börsenschluss am Mittwoch. Eine Schwindel erregende Gipfelfahrt.

Trotzdem sah es gestern so aus, als hätte Weinstein Recht mit seiner hoffnungsfrohen Analyse. Im nachbörslichen Handel in den USA sprang die Yahoo-Aktie noch einmal um vier Prozent auf über 40,3 Dollar - ein neuer Jahresrekord. Kurz vorher hatte das Unternehmen einen unerwartet starken Anstieg der Profite und Umsätze im dritten Quartal gemeldet. "Haben wir ein bisschen Spaß!", prahlte Yahoo-Chef Terry Semel in einer Telefonkonferenz, "sehen wir uns unsere Geschäftszahlen an."

Analysten-Jubel wie in den Neunzigern

Im zweiten Quartal noch hatte Yahoo! die Erwartungen der Börse "nur" getroffen, nicht übererfüllt - und war mit Verkaufsorders en masse bestraft worden. Ganz anders dieses Mal. Die Nettogewinne verdoppelten sich von 29 Millionen Dollar im dritten Quartal 2002 auf nun 65 Millionen - Analysten hatten einen Anstieg um "nur" 80 Prozent vorhergesagt. Die Umsätze kletterten von 249 auf 356 Millionen Dollar. Yahoo hat einen Umsatzrekord hingelegt - und sein achtes Profit-Quartal in Folge.

"Das ist einfach ein beeindruckendes Ergebnis", jubilierte Safa Rashtchy, Analyst bei Piper Jaffray, im Gespräch mit Reuters. Nachdem die US-Börsen am Mittwoch zum ersten Mal im Oktober mit leichten Verlusten schlossen, könnte der Yahoo-Effekt den Markt wieder nach oben ziehen.

Alte Werbung, neue Werbung

Terry Semel, seit 2001 Chef des Dot-Coms aus Sunnyvale, hat seine Position gestärkt. Yahoo schöpft seine Profite inzwischen aus mehr Quellen als bei Semels Amtsantritt und erschließt weitere hinzu. Internet-Breitbandangebote, kostenpflichtige Kuppel-Dienste, eine komplett neu ausgerichtete Shopping-Plattform - Yahoo! ist nicht mehr im selben Maße von Banner-Anzeigen abhängig wie vor dem Nasdaq-Crash Anfang 2000.

Noch immer kommen zwar rund drei Fünftel der Umsätze aus dem Anzeigengeschäft. Ein wachsender Anteil aber wird mit so genannten "sponsored links" erzielt. Diese gekennzeichneten Mini-Annoncen erscheinen jeweils passend zum Suchwort in der Yahoo-Suchmaschine. Nutzer schätzen sie als unaufdringlich, Werbekunden loben sie als effektiv - und Yahoo kassiere steigende Preise pro Klick, so Semel.

Ringen mit dem Googlopol

Was der CEO lieber nicht herausstrich: Hauptrivale Google hat Yahoo in diesem Zukunftssegment deklassiert, Semel musste nachbessern. 1,8 Milliarden Dollar gab er für die Übernahme des Bezahl-Link-Spezialisten Overture aus, die Yahoo! am Dienstag offiziell abgeschlossen hat - es war der drittteuerste Firmenkauf in der Yahoo!-Geschichte. Dank Overture avanciere Yahoo nun zum größten Werbeforum im Internet, betonte Semel. Doch Finanzchefin Susan Decker räumte ein: Zunächst treibt die Integration der neuen Tochter die Kostenquote in die Höhe.

In den nächsten Monaten muss Semel noch eine ganze Serie von Herausforderungen meistern. Die noch geringste davon: Irgendwann 2004 will Google eigene Aktien ausgeben. Das werde der "Börsengang des Jahres", frohlocken Banker schon jetzt. Die Google-Papiere dürften denen anderer Dot-Coms die Schau stehlen. Google könnte die Aktien als Währung für Übernahmen benutzen - und so die Konkurrenz mit Yahoo! verschärfen.

Den Riesen vergrätzt

Bauchgrimmen muss Semel vor allem beim Gedanken an Microsoft bekommen. Die ungleichen Konzerne kooperieren zwar noch in vielerlei Bereichen miteinander. Erst vor wenigen Tagen gab Semel bekannt, dass Yahoo! Games um 15 neue Spiele bereichert wird, die Microsoft liefert. Wer mitspielen will, muss 14,95 Dollar Abogebühr pro Monat an Yahoo! bezahlen.

Mit der Overture-Übernahme aber hat Yahoo nicht nur nationale Portale wie T-Online provoziert - sondern auch den Softwaregiganten aus Seattle. Bisher sind Microsofts MSN und Overture enge Partner. MSN bezieht gesponserte Suchergebnisse von Overture, der Suchdienst verdankt rund ein Drittel seiner Umsätze dem Gates-Konzern.

Hoch droben in der Kurs-Stratosphäre

Diese Symbiose wird sich auf Dauer kaum halten - immerhin sind MSN und Yahoo direkte Wettbewerber. So spekuliert die US-Finanzpresse, dass Microsoft einen eigenen Suchdienst aufbauen wird, um sich von Overture zu lösen. Mit der Premiere ist wohl erst 2005 zu rechnen. Am Montag aber hat Microsoft schon einen Vertrag mit dem kleineren Suchdienst LookSmart gekündigt - Indiz dafür, dass es MSN Ernst meint mit der Suchmaschinen-Autarkie.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der Yahoo-Aktie war zuletzt nur noch mit dem Wort "absurd" zu beschreiben. Wie vor dem großen Crash vor zweieinhalb Jahren scheinen alle mit einem Kurseinbruch zu rechnen - und gleichzeitig zu glauben, dass er nur den anderen weh tut. Yahoos KGV für 2003 liegt nach Bloomberg-Daten vom frühen Mittwoch bei abenteuerlichen 103. Selbst die reichlich teure eBay-Aktie käme nur auf ein KGV von 71, Microsoft auf weit gesündere 27.

Sogar dem fröhlichsten Optimisten kann mit Blick auf solche Kurskapriolen mulmig werden. Auch Analyst Steve Weinberg, der noch am Freitag zum kurzfristigen Kauf riet, sieht die Yahoo-Aktie langfristig nur bei 37 Dollar - drei Dollar unter dem nachbörslichen Jahreshoch am späten Mittwoch.

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