Tricks beim Schmuggel In jeder Bibel ein Kilo Kokain
Die Zöllner in Madrid waren gewarnt. In Hundekäfigen, so der Tipp, wollten kolumbianische Drogenhändler Kokain nach Spanien schmuggeln. Der Zoll durchsuchte die Käfige, durchsuchte das Fell der Hunde, fand nichts. Erst die Idee eines Beamten, die Tiere zu röntgen, brachte die Drogen zum Vorschein. Die Kolumbianer hatten das Kokain nicht in den Käfigen versteckt - sondern in den Hunden selbst.
Rund 4,5 Kilogramm Koca wollten die Händler vergangene Woche in den Bauchhöhlen von sechs Golden Retrievern und Labradoren nach Europa schmuggeln. Der Weiterverkauf hätte ihnen gut 300.000 Euro gebracht - ein gutes Geschäft.
Nur 11.000 Euro hatten die Händler vermutlich für das Kokain auf dem kolumbianischen Großmarkt gezahlt. Den kontrolliert seit der Zerschlagung der Kartelle von Cali und Medellin Mitte der neunziger Jahre neben der Guerilla heute weitgehend das Kartell "Norte del Valle". Auf die Chefs Diego Montoya Sanchez ("Don Diego") und Hernando Gomez Bustamente ("Rasguño") haben die USA Kopfprämien in Millionenhöhe ausgesetzt, doch die Drogenbarone haben in Kolumbien wenig zu befürchten: Privatarmeen und Korruption schützen sie vor dem Zugriff der Justiz.
Etwa 450 Tonnen Kokain exportiert Kolumbien jedes Jahr, gut die Hälfte davon das Kartell "Norte del Valle". Der Großteil des Handels wird dabei über Flugzeuge und Schiffe abgewickelt. Besonders Container, etwa mit doppeltem Boden, sind ein beliebtes Transportmittel. Hauptziel in Europa sind die Häfen und Flughäfen Spaniens. Etwa ein Zehntel des Transports übernehmen menschliche oder - wie der Fund in Madrid zeigt - tierische Kuriere.
Kokain-Kapseln in der Bauchhöhle
Gut drei Monate vor dem Abflug hatten Tierärzte die Hunde operiert und jeweils acht bis neun Latex-Kapseln mit Kokain in der Bauchhöhle deponiert. Anschließend ließen sie die Tiere genesen. Als die Narben verheilt waren und Fell darüber gewachsen war, nahmen die Schmuggler die Tiere mit ins Flugzeug nach Madrid. Dort sollten sie ein weiteres Mal operiert werden. Das Kokain wäre, auf die dreifache Menge gestreckt, schließlich auf europäische Märkte verteilt worden.
Nicht zum ersten Mal benutzten Händler dabei Tiere als Transporthilfen. Erst vor zwei Jahren hatten US-Zöllner einen Transport mit Schlangen aus Kolumbien kontrolliert und dabei in den Mägen von 225 Tieren Kondome mit Kokain gefunden.
Auch bei den menschlichen Kurieren, den so genannten "Mulas" (Maultieren), sind Kondome und Latex-Kapseln der Standard: Sie werden verschluckt, im Magen-Darm-Trakt durch die Kontrollen gebracht und anschließend auf natürlichem Wege wieder ausgeschieden. Seit einiger Zeit rücken die Zollbehörden verdächtigen Reisenden daher mit Abführmitteln zu Leibe. Doch eine Wertsteigerung von bis 1000 Prozent macht erfinderisch und so haben Drogenschmuggler längst neue Wege gefunden.
US-Fahnder berichten von Fällen, in denen sich Kuriere die wertvolle Fracht in die Oberschenkel implantieren ließen. Auch in den Brüsten von Frauen entdeckten die amerikanischen Beamten schon Kokain. Ebenso in Leichen.
Österreichische Kollegen fanden Heroin unter der hohen Aufsteckfrisur einer Ghanaerin. Die Kurierin hatte sich den Kopf kahl rasiert, darauf ein halbes Kilogramm des Rauschgifts geklebt und schließlich eine Perücke darüber gestülpt. Auch die Bibel ist den Schmugglern nicht heilig. Im Mai 2001 deckte die kolumbianische Polizei einen Drogenring auf, der Landsleute mit präparierten Bibeln nach Spanien geschickt hatte. Die Händler hatten die Seiten aus den Büchern getrennt, sie in kokainhaltige Flüssigkeit getränkt und die getrockneten Blätter wieder mit dem Einband verklebt. Jede Bibel enthielt schließlich ein Kilo Kokain.
Zumeist werden Minderjährige oder ältere Menschen von den Händlern als Kuriere angeworben. Sie gelten als weniger auffällig. Ihnen winken bis zu 2000 Dollar für einen Transport - sofern sie nicht bei der Übergabe im Empfängerland von den Händlern ermordet werden oder zuvor geschnappt werden: Rund 200 Mulas kassiert die kolumbianische Polizei jährlich auf den Flughäfen des Landes ein, vor allem in Bogotá, aber auch in Pereira. Die Provinzstadt in der Kaffeeanbauzone ist ein Zentrum der Drogenkuriere. Über 2000 von ihnen sitzen zurzeit weltweit in Gefängnissen - wenig überraschend: Aus Kolumbien stammen 80 Prozent des weltweit gehandelten Kokains.
Schule für Drogenkuriere: Mit Milch gefüllte Probekapseln
Damit dennoch möglichst viele Kuriere die Kontrollen heil passieren, hat das Kartell "Norte del Valle" vor einigen Jahren in der Nähe von Pereira eine "Escuela para narcomulas" gegründet - eine Schule für Drogenkuriere. Dort werden die Kandidaten für den Transport einen Monat lang physisch wie psychisch auf ihre Aufgabe vorbereitet.
Zunächst müssen sich die angehenden Mulas einer Diät unterziehen: wenig Fett und Mehl, kein Alkohol. Das und spezielle Übungen, so die Erfahrung der Lehrer, stärken den Magen der Schüler. Anschließend verschlucken sie mit Milch gefüllte Probekapseln. So soll sich der Körper langsam an die fremden Objekte gewöhnen. Schließlich werden die Boten psychologisch geschult. Wie rede ich mit Zöllnern? Wie gehe ich mit Drogenhunden um? Wie falle ich im Flugzeug nicht auf?
Nach dem Ende des Kurses gehen die Mulas mit bis zu einem Kilo Koca im Magen auf die Reise. Die geht normalerweise in die USA, nach Mexiko, nach Spanien - oder, bei schlechten Schülern, schlicht in einen kolumbianischen Knast.