TELEFON Tricky Telekom
Seit Monaten hatte sich Elmar Hülsmann auf den Jahreswechsel vorbereitet. Immer wieder ließ der Vertriebschef der Frankfurter Telefonfirma Arcor die technischen Abläufe überprüfen. Das Tarifsystem wurde festgelegt, die Werbung gebucht. Alles lief nach Plan.
Der Wettbewerb gegen die Deutsche Telekom, die zum Jahreswechsel ihr Monopol beim Telefonieren aufgeben mußte, sollte kraftvoll beginnen. Und der Mannesmann-Ableger Arcor wollte als einer der ersten neuen Anbieter von Anfang an dabeisein. Dann landete am 19. Dezember ein Schreiben der Telekom auf Hülsmanns Schreibtisch, das die ganze Firma in helle Aufregung versetzte: Auf einem lapidaren Formblatt teilte der Ex-Monopolist aus Bonn mit, daß er eine Gebühr von 95 Mark berechnen werde, wenn Kunden »eine dauerhafte Voreinstellung auf einen anderen Verbindungsnetzbetreiber« wünschten.
Mit einem Schlag geriet die Kalkulation der Arcor-Mannschaft ins Wanken. Wie werden die Kunden reagieren, wenn sie eine Strafgebühr für den Wechsel bezahlen müssen? Eilig beschlossen die Manager, Beschwerde gegen den »klaren Wettbewerbsverstoß« (Hülsmann) einzulegen.
Doch es war bereits zu spät. Noch vor dem Jahreswechsel machte die geplante Gebühr die Runde, und vergangene Woche wurde noch eine weitere Zwangsabgabe publik: 53 Mark sollen die Kunden zahlen, die sich demnächst völlig bei der Telekom , aber ihre alte Rufnummer behalten wollen. »Telefon: Runter mit der Ablöse«, schlagzeilte »Bild« am vergangenen Sonnabend.
In der Telefonzentrale von Arcor und bei anderen neuen Anbietern liefen die Telefone heiß. Besorgt fragten Zigtausende von Interessenten: Muß ich jetzt erst eine Gebühr bezahlen, wenn ich bei der Telekom kündige? Ist das Geld etwa jeden Monat fällig?
Seit vergangener Woche herrscht erstmals freier Wettbewerb auf dem Telefonmarkt in Deutschland. Fast 50 Firmen sind bereits angetreten, um demnächst der Staatsfirma die Kunden abzujagen. Weitere Telefonfirmen wollen hinzukommen.
Doch statt um die Kunden mit günstigen Preisen und besserem Service zu kämpfen, versucht die Telekom erst einmal, die neuen Konkurrenten mit taktischen Tricks und juristischen Schritten abzublocken.
»Das ist ein unglaublicher Versuch des Machtmißbrauchs der Telekom«, schimpft Ulf Bohla, Chef der Telefonfirma Otelo. Auch Manuel Kiper, Postexperte der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, ist überzeugt: »Die Telekom nutzt schamlos ihre ehemalige Rolle als Monopolist aus.«
Der Vorstoß des Bonner Telefonriesen, der die wechselwilligen Kunden vergangene Woche verunsicherte, war geschickt eingefädelt. Monatelang hatten die Herausforderer mit der Truppe von Telekom-Chef Ron Sommer über alle möglichen technischen Details verhandelt, nur nicht über eine Gebühr für den Kundenwechsel. »Davon war nie die Rede gewesen«, empört sich Hans Gäng von der Stuttgarter Telefonfirma CNS.
Erst im Dezember waren die Telekom-Unterhändler vage auf eine solche Gebühr zu sprechen gekommen. Die Herausforderer reagierten erschreckt. Bei zwei Schlichtungsgesprächen am 10. und am 16. Dezember im Bonner Postministerium machten die Beamten zwar klar, daß die Telekom grundsätzlich eine Bearbeitungsgebühr für das Umschalten des Telefonanschlusses erheben darf - sie legten aber keinen Preis fest.
Die Newcomer stimmten zu, denn sie gingen davon aus, daß die Gebühr, ähnlich wie in den USA, deutlich unter zehn Mark liegen würde (siehe Grafik). »Damit«, sagt Otelo-Chef Bohla, »hätte man leben können.«
Es ist nicht das erste Mal, daß Telekom-Chef Sommer versucht, mit Maximalforderungen die Konkurrenz einzuschüchtern. Auch beim Streit um die sogenannte Interconnection-Gebühr, die alle Herausforderer für die Mitbenutzung der Telekom-Leitungen zahlen müssen, wollte der Firmenchef zulangen. Die Kosten der Neulinge sollen kräftig steigen.
Erst ein Entscheid des damaligen Postministers Wolfgang Bötsch zwang die Staatsfirma, international übliche Preise zu berechnen. Doch weil Sommer dagegen vor Gericht zog, sind die Verbindungspreise bis heute eine Unbekannte in den Kalkulationen der Neulinge.
Auch bei kleineren Anlässen bemüht die Telekom gern die Gerichte. Vor allem die Werbeaktionen der Konkurrenz werden von den Konzernjuristen argwöhnisch beobachtet.
So erwirkte die Telekom noch am Tag vor Silvester eine einstweilige Verfügung gegen die Firma Talkline. Sämtliche Anzeigen und Broschüren der Elmshorner Firma, die nach eigenen Angaben schon 50 000 Kunden dazugewonnen hat, müssen neu gedruckt oder zumindest mit geschwärzten Texten veröffentlicht werden.
Die privaten Konkurrenten setzen nun alle Hoffnungen auf die neue Bonner Regulierungsbehörde, die das Gegeneinander der Konkurrenten beaufsichtigen soll. Die umstrittene Zwangsgebühr, so die Forderung der Privaten, dürfe in der jetzigen Höhe auf keinen Fall genehmigt werden. Maximal zehn Mark halten sie für gerechtfertigt.
Noch will sich Behördenchef Klaus-Dieter Scheurle bei seiner ersten Amtshandlung nicht endgültig festlegen. Doch das erste Signal des Bonner Oberregulierers weckt bei den privaten Telefonfirmen große Hoffnungen.
Verunsicherten Verbrauchern riet Scheurle, eventuelle Rechnungen vorerst auf keinen Fall zu bezahlen. Denn eines zumindest sei für ihn klar: »Eine Bestrafung der Kunden darf es nicht geben.«
[Grafiktext]
Einmalige Gebühr bei Reselect-Verfahren in Großbritannien, USA
und Deutschland
[GrafiktextEnde]
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Einmalige Gebühr bei Reselect-Verfahren in Großbritannien, USA
und Deutschland
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