Luftfahrt Trifft hart
Die Frage, die Detlev Rohwedder seinem Besucher stellte, war nicht gerade aufmunternd. »Lebt der Vogel noch?« fragte der Chef der Treuhandanstalt den hereintretenden Andreas Kramer, Geschäftsführer der einstigen DDR-Staatslinie Interflug.
Kramer bejahte die Frage, machte allerdings ein paar Einschränkungen. Wenn er nicht bald einen kräftigen Partner finde, sei seine Gesellschaft am Ende. Es müsse, so Kramer, »schnell etwas passieren«.
Das Gespräch fand vor ein paar Wochen statt. Doch passiert ist seither nichts. Das Berliner Kartellamt blockierte die Absicht der Deutschen Lufthansa, die Interflug zu übernehmen. Der fachlich zuständige Verkehrsminister Friedrich Zimmermann sperrte sich gegen Kramers Plan, andere Partner für Interflug anzuwerben.
Anfang dieses Monats riß Rohwedders Geduld. In gleichlautenden Briefen forderte er Verkehrsminister Zimmermann und Wirtschaftsminister Helmut Haussmann auf, so schnell wie möglich über das Schicksal der Fluggesellschaft zu entscheiden.
Rohwedder teilte auch gleich mit, wie die beiden Minister entscheiden müßten. Es gebe zwar heute noch »Kontakte zu verschiedenen in- und ausländischen Unternehmen, die Interesse an einer Beteiligung« an der Interflug hätten. Doch er glaube, daß Verhandlungen mit diesen Interessenten »letzten Endes nicht zum Erfolg führen« würden.
»Ein Fortbestand der Interflug und die Sicherung eines gewissen Teils der Arbeitsplätze«, so Rohwedder weiter, seien daher nur erreichbar, »wenn jetzt die Verhandlungen mit der Lufthansa aufgenommen und zum Abschluß geführt werden«.
Rohwedders Brief trifft Kramer hart. Der Interflug-Chef befürchtet, daß von seinem Unternehmen nicht mehr viel übrigbleibt, wenn die Lufthansa das Steuer übernimmt.
So ist es wohl. Ruhnau will das einstige sozialistische Renommierunternehmen voll in den Lufthansa-Konzern eingemeinden. Nur 500 der heute mehr als 3000 Arbeitsplätze blieben erhalten. Kramer, 37, hingegen würde die Interflug am liebsten als eigenständiges Unternehmen mit 1200 Mitarbeitern weiterführen, als zweite deutsche Liniengesellschaft neben der Lufthansa.
Der schöne Plan hängt allerdings an zwei Bedingungen. Zum einen müßte die Interflug entschuldet werden. Die Gesellschaft braucht etwa 120 Millionen Mark, um den Sozialplan für ihre Mitarbeiter sowie Verbindlichkeiten bei anderen Fluggesellschaften zu bezahlen. Zum anderen benötigt Interflug starke Partner, um sich gegen die Lufthansa und die übrige europäische Konkurrenz behaupten zu können. Kramer sucht daher zwei Fluggesellschaften und westdeutsche Banken oder Versicherungen, die sich an Interflug beteiligen wollen. Doch die Gespräche - etwa mit All Nippon Airways oder US-Gesellschaften - haben bisher nichts gebracht.
Selbst Ruhnau ist nicht mehr besonders scharf auf Interflug. Er hat nur noch ein Ziel: zu verhindern, daß ein europäischer Konkurrent Interflug als Startbasis gegen die Lufthansa benutzt.
Das Kartellamt würde einer Übernahme durch die Lufthansa unter den jetzigen Bedingungen wahrscheinlich zustimmen. Eine stark geschrumpfte Interflug könnte die marktbeherrschende Position der Lufthansa ohnehin nicht sonderlich verstärken. o