Trockengelegt
Bayerns Hausfrauen haben es nicht leicht in diesen Tagen. Vormittags brennt kein Licht. Und Radio München hat ihnen geraten, abends zu kochen. Um Strom zu sparen.
Auch ins Kino und ins Theater können sie nicht mehr gehen. In München und Augsburg verkehren weniger Straßenbahnen. Die Periodenzahl des Wechselstroms sank von 45 auf 38. Das bedeutete: die Industrie-Feiertage, aus dem vergangenen Winter noch zu gut bekannt, mußten, wieder eingeführt, werden. Nur die Amerikaner und die öffentlichen Versorgungsbetriebe brauchen nicht in Ferien zu gehen. Sie bleiben eingeschaltet.
Bayern erlebt eine in Sommerzeiten noch nie dagewesene Stromkrise. Ungewöhnliche Gluthitze hat fast alle Alpenflüsse austrocknen lassen. Die Wasserkraftwerke sind ohne flüssige »Nahrung«. Den Dampfkraftwerken, fehlen die Kohlen.
Auch Bayerns größtes Elektrizitätswerk am Walchensee steht still. Um drei Meter
ist der See gesunken. Wer baden will, muß erst durch drei Meter stinkenden, Schlamm waten, bevor er zum Wasser gelangt. Damit ist der Zustrom zu den Rohrleitungen des Werks versiegt. An sich war das Wer schon immer durch eine Fehlkonstruktion, gehandicapt. Von den, sieben vorhandenen Turbinen konnten nur jeweils drei betrieben werden. Dennoch versorgte das Walchensee-Werk einen großen Teil der elektrischen Bahnen mit Strom.
An Vorschlägen, die Hitze zu überlisten und das, Werk wieder auf Touren zu bringen, hat es nicht gefehlt. So wurde angeregt, den Rißbach in den Walchensee umzuleiten. Dann hätte der See genug Wasser. Schon im vergangenen Winter entbrannte im bayrischen Landtag eine hitzige Debatte um das unschuldige Bächlein.
Studienkommissionen wurden in die Berge geschickt. Ihnen traten die Stadt- väter von Bad Tölz erhobenen Kopfes entgegen. Tölz liege an der Isar und müsse sich mit weniger Wasser aus dem grünen Fluß begnügen, wenn der Rißbach umge- leitet würde. Damit könnten die Jod- quellen des Isarwinkels versiegen. Und Bad Tölz seinen Kurbetrieb verlieren.
Diese Argumente riefen die Aktionäre des Bayernwerks (dem das Walchenseewerk gehört) auf den Plan. Sie wollen den Walchensee um 20 Meter erhöht sehen. Damit das »tote Kapital« im Werk endlich arbeiten könne.
Allerdings würde das Lebendigwerden des »toten Kapitals« den Tod zweier Dörfer bedeuten. Urfeld mit seinen bekannten Strandhotels und das Dorf Walchensee mit seinen Pensionen und Gasthäusern würden im See verschwinden. Die Uferstraße müßte 20 Meter höher gelegt werden.
Dieser Plan hat nicht nur die Tölzer sondern auch die Kocheler zum Kochen gebracht. Wenn der Walchensee erhöht würde und sieben Turbinen arbeiteten, träte der Kocheler See aus den Ufern, warnte der Bürgermeister von Kochel. Die Loisach bekäme Hochwasser. Und Wolfratshausen würde in den Fluten versinken.
So blieb alles beim alten, es geschah nichts.