Coronakrise und die US-Wirtschaft Trumps Crash-Kurs
Schlimmster Crash seit 1987: Ein Trader am Donnerstag an der New York Stock Exchange
Foto: Brendan Mcdermid / REUTERSUS-Präsident Donald Trump zitiert die Börsenkurse gern als sein wichtigstes Erfolgsbarometer. Das ist in der Regel Unsinn, weil sich die Märkte meist von ganz anderen Reizen treiben lassen.
Mit dem schlimmsten Crash seit dem historischen "Schwarzen Montag" von 1987 stellte die Wall Street nun am Donnerstag dem Präsidenten ein vernichtendes Zeugnis aus.
Panik wegen der Folgen der Coronakrise für die US-Wirtschaft und der chaotischen Zustände in der Trump-Regierung ließ den Dow-Jones-Index um fast 2353 Punkte (10 Prozent) abstürzen, es war der schwerste Tagesverlust seit 1987. Der S&P büßte 9,5 Prozent ein, der Nasdaq 9,4 Prozent. Um Punkt 16 Uhr Ortszeit war der längste Bullenmarkt (also eine lang anhaltende Phase steigender Kurse) der US-Geschichte vorbei.
Selbst die Börse muss sich säubern: Anti-Virus-Putzmaterial auf dem Parkett der New York Stock Exchange
Foto: Richard Drew / APTrotz einer Liquiditätsspritze der Notenbank. Trotz eines massiven Hilfspakets im Kongress. Trotz einer TV-Ansprache Trumps, die die Nation und die Märkte beruhigen sollte. Das Gegenteil trat ein: Nichts half, den Eindruck zu zerstreuen, dass Trump und seine Regierung mit der Situation überfordert sind.
Obwohl es nach wochenlanger Lethargie die ersten Versuche gab, die Kettenreaktion der Viruskrise wenigstens zu bremsen:
Die Federal Reserve pumpte mehr als 1,5 Billionen Dollar in die US-Finanzmärkte. Anfang der Woche hatte Trump die Zentralbank und ihren Chef Jerome Powell noch als "erbärmlich" kritisiert, weil sie den Kurskollaps nicht aufhielten - was die Fed allein natürlich gar nicht kann.
Die Demokraten unter Nancy Pelosi schnürten im Kongress ein umfangreiches Hilfspaket für von der Coronakrise betroffene US-Familien. Nach stundenlangen Verhandlungen mit den Republikanern wurde das Votum schließlich auf diesen Freitag verschoben. "Wir sind einer parteiübergreifenden Einigung nahe", schrieb Pelosi am Abend an ihre Kollegen . Der Senat, in dem die Republikaner die Mehrheit haben, würde aber erst kommende Woche abstimmen.
Doch selbst dann könnte Trump immer noch dazwischenfunken. Er gönnt der Opposition bekanntlich nichts. So vergiftet ist das Klima, dass Trump seit dem Impeachment-Verfahren nicht mehr mit Pelosi gesprochen hat und die Verhandlungen mit dem Kongress an Finanzminister Steven Mnuchin delegiert.
Immerhin: Die Börsenturbulenzen haben Trump endlich aufgeschreckt, nachdem die menschlichen Leiden das nicht erreichten und er die Krise lange heruntergespielt hatte. Doch sein Wunsch nach einem breiteren Stimulus für die Wirtschaft und die Wall Street, ähnlich wie nach den 9/11-Terroranschlägen und der Finanzkrise, stößt dagegen sogar bei Republikanern auf Widerstand. Diskutiert werden nach US-Medienberichten Steuererleichterungen für die Luftfahrt- und Dienstleistungsbranche. Trumps Idee, für 2020 die Lohnsteuern zu streichen, wie er es seiner TV-Rede angekündigt hatte, ist bei seinen eigenen Beratern umstritten.
Diese abendliche Ansprache, in der Trump von einem "ausländischen Virus" redete und eine merkwürdig selektive EU-Einreisesperre bekannt gab, machte alles ohnehin nur noch schlimmer . Sie enthielt die übliche Schönfärberei und etliche Fehler, die das Weiße Haus richtigstellen musste - aber keine konkreten Vorschläge, um die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise in den Griff zu bekommen.
Kritiker im In- und Ausland, allen voran die EU, verurteilten das Einreiseverbot als kontraproduktiv , nationalistisch und politisch motiviert. Die spezifische Ausnahme von Irland und Großbritannien stieß ebenfalls auf Unverständnis. Trumps Ansprache, resümierte David Frum im Magazin "Atlantic" , "war die schlimmste Maßnahme in einer Reihe von schlimmen Maßnahmen".
Wie wenig die Wall Street dem Präsidenten noch vertraut, zeigte sich auch, als er am Donnerstag den irischen Premier Leo Varadkar im Oval Office empfing. Während Trump eine halbe Stunde über seine "sehr großen" Wahlkampf-Kundgebungen plauderte und darüber, dass er in den USA "sehr, sehr wenige Tote" durch das Coronavirus erhoffe, sackte der Dow Jones mit jedem Wort weiter in den Keller.
Zumal zugleich bekannt wurde, dass Fabio Wajngarten, der Pressechef des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, positiv getestet worden war. Beide hatten am Wochenende mit Trump in seinem Privatklub Mar-a-Lago diniert. Obwohl andere, die mit Wajngarten Kontakt hatten, sich freiwillig in Quarantäne begaben, darunter der republikanische Senator Rick Scott, ließ sich Trump bisher weder abschirmen noch testen.
Dabei hat die Coronakrise inzwischen ganz Amerika fest im Griff. Vom Sport bis zur Wall Street, von der Kultur bis zum Einzelhandel: Das Virus frisst sich immer schneller durch alle Bereiche der US-Gesellschaft - und droht zu einer handfesten Wirtschaftskrise zu werden.
Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.
Schon drosselte die Ratingagentur Moody's ihre US-Wachstumsprognose für 2020 von 1,7 auf 1,5 Prozent . Ein "andauernder Rückgang beim Konsum, verbunden mit längeren Geschäftsschließungen", werde "Umsätze treffen, Entlassungen forcieren und die Stimmung drücken", prophezeit Moody's-Vizepräsident Madhavi Bokil. Solche "Rezessions-Dynamiken" könnten zu Selbstläufern werden. Das Coronavirus als Bedrohung für den Trump-Boom.
Die Banken führten den Crash an: Citigroup (minus 14,8 Prozent), Goldman Sachs (minus 12,3 Prozent), Bank of America (minus 9,5 Prozent), JPMorgan Chase (minus 8,2 Prozent).
Der Port of Los Angeles, der größte US-Hafen, meldete allein für Februar einen 23-prozentigen Rückgang des Containervolumens. 145 Arbeiter wurden nach Angaben der "Washington Post" bereits entlassen, weitere in den unbezahlten Urlaub geschickt.
Airlines, Hotels und Reisekonzerne, die schon vor Trumps EU-Einreisestopp gelitten haben, rechnen nun mit einem noch weiter reduzierten Geschäft. Die Aktie von Delta, der umsatzsstärksten US-Fluggesellschaft, verlor am Donnerstag 21 Prozent. Disney machte seine Vergnügungsparks dicht.
In New York City, wo mit dem Notstand auch ein Versammlungsverbot für Gruppen mit mehr als 500 Personen in Kraft trat, kommt das gesamte Kulturleben zum Erliegen. Die Metropolitan Opera, alle Museen und alle Theater schlossen. Schon vorher hatten sich die Broadway-Umsätze seit Jahresbeginn mehr als halbiert .
Immer mehr Konferenzen, Festivals und Messen fallen aus, vom Tech-Festival SXSW, das schon vorige Woche gecancelt wurde, bis zum Tribeca Film Festival, das im April stattfinden sollte, doch am Donnerstag verschoben wurde .
Hollywood, noch unter Schock von Tom Hanks' Coronavirus-Diagnose, schob die Premieren etlicher Blockbuster-Filme auf die lange Bank, darunter den neuen James Bond "No Time to Die" und "Mulan".
Die meisten US-Sportligen haben die Saison vorzeitig beendet oder ausgesetzt - ein enormer Verlust für die Teams, die TV-Sender, die Werbekunden und die Einzelhändler, die vom Publikumsverkehr profitieren.
Auch Lohnarbeiter leiden enorm unter der Krise. Nach Recherchen der "Washington Post" wurden bereits vorige Woche Hunderte Arbeitnehmer entlassen - etwa in Hotels, Reisebüros, Restaurants und Bäckereien.
The show must not go on: Auch alle New Yorker Broadway-Bühnen machten dicht
Foto: Spencer Platt / AFPTrump gibt sich trotzdem weiter gelassen. Im Oval Office auf den sich live abspielenden Börsencrash angesprochen, prahlte er: "Immer noch viel höher als bei meinem Amtsantritt."
Viel Luft ist da aber nicht mehr: Der Dow muss nur noch knapp 1500 Punkte einbüßen, 800 Punkte weniger als am Donnerstag - dann sind alle Gewinne unter Trump wieder futsch.
Auch das ist ein Erfolgsbarometer.