Volkswagen Tschüß, Michael
In der Prinz-Albrecht-Kaserne ist die Stimmung auf dem Nullpunkt. Der Biervorrat geht zur Neige, jetzt kreist die Weinbrandflasche. Mit geröteten Augen schimpfen die jungen Männer auf die Unterkunft: »Das ist doch nicht auszuhalten hier.«
Es sind keine Soldaten, die der Dienst am Vaterland allabendlich zum Frustsaufen veranlaßt. Die etwa 120 Kasernenbewohner arbeiten im VW-Konzern. Bis vor wenigen Tagen waren sie noch im 220 Kilometer entfernten Werk Emden beschäftigt, jetzt sind sie zwangsversetzt nach Hannover.
Die Leute aus Emden bekamen als erste VW-Werker die Auswirkungen des »Generationenvertrags« zu spüren, den Betriebsrat und Vorstand vor kurzem unterzeichnet haben. Danach will der Konzern älteren Beschäftigten nur dann noch die großzügige Vorruhestandsregelung gewähren, wenn sich jüngere Kollegen jeweils in das VW-Werk versetzen lassen, in dem gerade Bedarf an zusätzlichen Beschäftigten herrscht.
Bei deren Rekrutierung ist VW nicht zimperlich. »Die haben uns die Pistole auf die Brust gesetzt«, berichtet Jens Fuhlhage, 24, der in Emden als Vertrauensmann tätig war: »Wer sich weigert, nach Hannover zu gehen, fliegt raus.«
Der Konzern will Entlassungen vermeiden, die sonst nötig wären. Das Werk Emden, in dem der VW-Passat gebaut wird, ist seit Jahren nicht voll ausgelastet, 1600 Arbeitsplätze sind überflüssig. Das Werk Hannover hingegen, in dem der Transporter montiert wird, benötigt dringend Arbeitskräfte.
Für die VW-Manager liegt deshalb nahe, Mitarbeiter von Emden nach Hannover zu versetzen. Bei den Beschäftigten allerdings wachsen Wut und Enttäuschung über ihren Arbeitgeber und die Betriebsräte, die diesem Vertrag zugestimmt haben.
Die Verschickungsaktion, zunächst befristet bis Ende 1995, war mangelhaft vorbereitet. In der Prinz-Albrecht-Kaserne, wo vergangene Woche erst die letzten Soldaten ausgezogen sind, fehlt es an allem.
Ein Jahr lang müssen die Arbeiter in kargen Dreibettzimmern hausen. Wer ein persönliches Umfeld schaffen will, findet gerade mal Platz für den eigenen Radiowecker. Im Frauentrakt gab es tagelang kein warmes Wasser, Duschen und Toiletten sind total verdreckt - falls sie überhaupt funktionieren. Jeweils gut 30 Personen teilen sich eine Küche mit vier Kochplatten.
»Wir gehen uns gegenseitig auf die Nerven«, klagt einer. Abends lärmt die Spätschicht, im Gegenzug rächen sich die Frühschichtarbeiter morgens um halb fünf mit gebrüllten Kommandos: »Kompanie rausgetreten!«
Wegen der miserablen Unterbringung stoppte der Emder Betriebsrat vergangene Woche die Umsiedlungsaktion. Jetzt wird eilig renoviert, schon diesen Montag sollen weitere Arbeiter kommen.
Einige Betriebsräte des VW-Konzerns fragen sich mittlerweile, ob ihre Versuche, die Arbeitsplätze zu sichern, besonders gelungen sind. In der vergangenen Woche sorgte ein neuer Plan, nach dem weitere 50 000 Arbeitsplätze im Konzern abgebaut werden sollen, für Unruhe. Bereits nach Einführung der Viertagewoche, die 20 000 Stellen sichern soll, mußten sich die Betriebsräte harte Kritik gefallen lassen.
Viele trifft die Einbuße von 14 bis 16 Prozent des Lohns so hart, daß sie den Abbau von mehreren tausend Arbeitsplätzen als das geringere Übel ansehen. Denn jeder Beschäftigte geht davon aus, daß es ihn nicht trifft.
So war es auch in Emden. Zunächst hieß es, wer verheiratet oder aus anderen Gründen an den Standort gebunden sei, müsse nicht umsiedeln - was einen regelrechten Heiratsboom auslöste.
Doch die Härtefallregeln waren von vornherein brüchig. »Jeder hat in Emden was hinterlassen«, sagt VW-Arbeiter Achim Bruns. Er ist seit vier Jahren verheiratet, sein Haus steht mitten im Rohbau: »Ich weiß nicht, wie ich das jetzt fertigkriegen soll.« Kein Wunder, daß jene, die sich von Emden nach Hannover versetzen lassen mußten, nicht gerade motiviert an die Arbeit gehen.
Einige Beschäftigte haben bereits die Konsequenzen gezogen. Der Frauentrakt ist nur noch halb belegt, in der ersten Woche sind etwa 15 Arbeiterinnen wieder nach Hause gefahren.
Doch auch Männer geben auf. Vergangene Woche warteten Mitglieder der Frühschicht vergebens auf einen Freund. Als sie den vermeintlichen Langschläfer wecken wollten, fanden sie auf seinem Bett nur einen Zettel: »Hab' in den Sack gehauen. Tschüß, Michael.« Y