Tyco Der dubiose Tiefschlaf der Wirtschaftsprüfer
New York - "Wir messen unseren Erfolg an Ihrem Erfolg", schreibt die weltgrößte Wirtschaftsberatungs- und Bilanzprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) auf ihrer Webpage. "Jeden Tag gehen unsere 150.000 Mitarbeiter in mehr als 150 Ländern zur Arbeit, um unseren Klienten dabei zu helfen, ihr Ziel zu erreichen."
Dem Ex-Klienten Dennis Kozlowski zum Beispiel. Dieser führte bis zu seinem Rausschmiss den Tyco-Konzern, der seit 1994 seine Jahresabschlüsse stets den Wirtschaftsprüfern von PcW zur gesetzlich vorgeschriebenen Prüfung vorlegte. Das Ziel des Klienten Kozlowski war es, dem eigenen Unternehmen 97 Millionen Dollar zu rauben, ohne dass der Coup in den Bilanzen aufflog. Gemessen am Erfolg Kozlowskis war PricewaterhouseCoopers sehr erfolgreich.
Jahr für Jahr die Bilanzen abgenickt
Nun ermittelt die New Yorker Staatsanwaltschaft gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, berichtet das "Wall Street Journal". Der Manhattaner Bezirksstaatsanwalt Robert Morgenthau will nicht glauben, dass PwC jahrelang die Bilanzen von Tyco abnickte und dabei nichts von den illegalen Boni und Krediten mitbekam, die der ehemalige CEO Kozlowski in Gemeinschaftsarbeit mit dem ehemaligen Tyco-Finanzchef Mark Swartz sich und 51 weiteren Führungskräften des Konzerns gewährt haben soll - ohne dass die Kredite irgendwann zurückgezahlt werden mussten.
Die Manager hätten seit 1995 ein "aufwändiges Geheimsystem" aufgebaut, wirft Staatsanwalt Morgenthau den Angeklagten vor. Dieses System habe es ihnen erlaubt, Millionen Dollar an Firmengeldern zu veruntreuen um sich Luxusapartements, Ferienhäuser und unzählige andere Extras auf Firmenkosten zu leisten - ohne dass die immensen Ausgaben in den Jahresbilanzen sichtbar wurden.
Doch eine der renommiertesten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften kann die Zahlungen und das fingierte Bilanzierungssystem einfach nicht übersehen haben, zitiert das "Journal" den Bilanzexperten und Wirtschaftsprofessor Charles Mulford, der die Tyco-Jahresberichte untersucht hat, nachdem der Skandal aufgeflogen war. "Die falsche Darstellung der Gewinn- und Verlustrechnung sowie der Jahresabschlüsse schreit zum Himmel", so Mulford.
Üblicherweise sind Bonuszahlungen in Konzernbilanzen bei den allgemeinen Verwaltungskosten aufgeführt. Nicht so bei Tyco: Die 97 Millionen Dollar illegalen Boni stückelten die Bilanztrickser in gleich drei Teile, die teilweise bei den Steuerausgaben wieder auftauchten. "Erstaunlich, wenn die Wirtschaftsprüfer das übersehen haben sollten", sagt Mulford. "Betrug" nennt es schlicht ein Experte der US-Börsenaufsicht SEC.
Sollte sich herausstellen, dass PricewaterhouseCoopers tatsächlich von den illegalen Geschäftspraktiken gewusst hat oder gar darin verwickelt war, könnte dies das Unternehmen teuer zu stehen kommen. Die PwC-Prüfer werden in diesen Tagen öfters an einen anderen, ehemaligen Konkurrenten denken müssen: An Arthur Andersen, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die für die Bilanzprüfung des inzwischen insolventen US-Energieriesens Enron verantwortlich war.
Der Fall hatte in den USA großes Aufsehen erregt. Arthur Andersen wurde schuldig gesprochen, bei den Bilanztricksereien der Enron-Manager mitgemischt und zudem die Justiz bei den Ermittlungen zur Milliardenpleite von Enron massiv behindert zu haben. Während die Staatsanwälte bereits gegen den Energiekonzern ermittelten, schredderten die Wirtschaftsprüfer eifrig Akten mit belastendem Material. Mittlerweile existiert Arthur Andersen nicht mehr.
Möglicherweise gibt es in den nächsten Monaten bereits die ersten Verhaftungen. Dann bleibt für die Beteiligten nur zu hoffen, dass sie soviel Glück haben wie ihr Mandant Kozlowski selbst. Der entging vergangene Woche in letztem Moment der Untersuchungshaft. Ein Richter in Manhattan akzeptierte in dem Verfahren, in dem Kozlowski wegen Betrugs angeklagt ist, zehn Millionen Dollar Kaution von Kozlowskis Ex-Frau Angie Kozlowski. Der ermittelnde Staatsanwalt hatte zuvor gefordert, dass Kozlowski und Komplize Swartz die nächste Zeit in Untersuchungshaft im New Yorker Gefängnis Rikers Island verbringen sollten. Rikers Island gilt als eines der härtesten Gefängnisse in den USA.