BAUPLANUNG Über den Daumen
Vier Jahre plagten sich die Stadträte von Ingolstadt mit den Plänen für ein Groß-Krankenhaus. Dann, 1974, kam Oberbürgermeister Peter Schnell auf den richtigen Gedanken: »Eine Stadt unserer Größenordnung ist mit der Durchführung solcher Riesenprojekte einfach überfordert.«
Anders als viele seiner Kollegen in deutschen Kommunen zog Schnell auch gleich die Konsequenzen. Er nahm den Bürokraten das Projekt aus der Hand und beauftragte die unabhängige Ingenieurgemeinschaft I''RW Bernd Rauch und Peter Wiese aus München mit Planung und Bauüberwachung des Klinikums.
Die Entscheidung war wohl richtig. Wiese und Rauch schafften, was Bauherr Schnell jetzt als »beispielhaft über Bayern hinaus« feiert: Die vorgesehene Bauzeit von viereinhalb Jahren wurde genau eingehalten - und das Krankenhaus wurde billiger als geplant. Statt der veranschlagten 416 Millionen kostet der 1050-Betten-Bau nur 400 Millionen Mark.
Das ist für Bauherren und Architekten eine völlig neue Erfahrung. Weil die öffentlichen Auftraggeber schlampig planen und die Kosten oft nur über den S.124 Daumen berechnen, müssen sie häufig das Doppelte und Dreifache des ursprünglich vorgesehenen Betrages ausgeben.
Das Hochschul-Klinikum Aachen wird an die zwei Milliarden Mark kosten, vorgesehen waren 550 Millionen. Der Wiederaufbau der Alten Oper in Frankfurt sollte 30 Millionen Mark kosten, der Endpreis betrug 200 Millionen. Münchens Kulturzentrum am Gasteig war mit 163 Millionen Mark angesetzt, bis zur Fertigstellung wird es wohl rund 400 Millionen verschlungen haben.
»Man bestaunt es geradezu als ein Wunder«, höhnte Willy Haubrichs vom Bund der Steuerzahler, »wenn ein Gebäude entsprechend dem Voranschlag fertig wird.«
Das müsse nicht so sein, meinen Bauplaner Rauch und sein Partner sowie eine Reihe anderer Ingenieurgemeinschaften. Sie wollen beweisen, daß sich Termine und Kosten einhalten lassen.
So errichtete das Holzmindener Ingenieurbüro für angewandte Bau- und Siedlungsforschung in der Rekordzeit von 37 Monaten das St.-Ansgar-Krankenhaus (400 Betten) in Höxter zum vorgesehenen Preis. Im Normalfall wird an einem Krankenhaus dieser Größenordnung viereinhalb bis sechs Jahre gebaut.
»Allein aus der Verkürzung der üblichen Bauzeit um anderthalb Jahre, durch das Vermeiden von Leerlaufzeiten«, weiß Projektleiter Fritz Weischet, »ergibt sich eine Kostenreduzierung von rund fünf Millionen Mark.«
Die teuren Erfahrungen beim Wiederaufbau der Alten Oper haben inzwischen auch Frankfurts Oberbürgermeister Walter Wallmann dazu bewogen, es bei einem anderen, gleichfalls ehrgeizigen Projekt mit Baubetreuern aus der Privatwirtschaft zu versuchen. Von den ersten Kostenanschlägen bis zur Endabrechnung soll die BRB Baucontrol in Baldham bei München den Wiederaufbau zweier Häuser des Römerberg-Geländes ("Haus zum Engel«, »Kulturschirn") überwachen.
Das sei, gibt Wallmann zu, »für die öffentliche Verwaltung zumindest außergewöhnlich«. Und ganz von allein ist der Oberbürgermeister auch nicht auf die fabelhafte Idee gekommen: Er wurde vom Steuerzahlerbund Hessen, der die Kosten für Baucontrol übernimmt, zu dem außergewöhnlichen Versuch gedrängt.
Baucontrol-Geschäftsführer Karlhans Stark ist fest davon überzeugt, daß sich das Vorhaben für die Stadt lohnen wird. »Kosten sind planbar«, verkündet er selbstbewußt.
Die Beamten in den kommunalen Verwaltungen jedoch, meint Baucontrol-Partner Paul-Ruprecht Roever, der lange in einer großen Baufirma tätig war, seien mit den großen Projekten immer überfordert. Roever: »Nirgends sitzen größere Pflaumen als in den Bauämtern.« Da gelte die schlichte Kalkulationsformel »Höhe mal Tiefe mal Donnerschlag«.
Genaues Rechnen, bestätigt Stadtdirektor Fritz Kroll in Ingolstadt, gehöre nicht zu den höchsten Tugenden in der öffentlichen Verwaltung. »Durch Leichtfertigkeit und gefühlsmäßige Entscheidungen statt systematischer Analyse«, so Kroll, »werden allzu viele Neubauprojekte zu Planungsruinen.«
Am meisten wird, das ist die stets gleiche Erfahrung der privaten Baubetreuer, schon in der ersten Entwurfs- und Planungsphase gepfuscht. »Werden Fehler hier nicht von vornherein erkannt und korrigiert«, behauptet Roever, »wird ein Projekt todsicher zum Faß ohne Boden.«
Architekten stünden Preisen und Terminen häufig hilflos gegenüber. Vor allem aber hätten sie schon deshalb kein starkes Interesse an niedrigen Kosten, weil sich ihr Honorar nach der Bauendsumme errechnet. Für die unabhängigen Baubetreuer, so Roever, gehe es dagegen ums geschäftliche Überleben: Wer Kosten und Termine nicht einhalte, bekomme bald keine Aufträge mehr.
Zudem sorgen die vereinbarten Konventionalstrafen für den erforderlichen Druck. Bei den Baukontrollen in Ingolstadt beispielsweise wären 42 000 Mark pro Monat Fristüberschreitung fällig geworden.
Kein Wunder, daß die angeheuerten Baubetreuer hart rangehen. Als die Ingenieurgemeinschaft Rauch-Wiese im Sommer 1974 den Auftrag erhielt, den Ingolstädter Klinikbau technisch, wirtschaftlich und terminlich zu betreuen und zu kontrollieren, fing sie zur Überraschung der Stadträte ganz von vorn an. Sie nahm sich neue Architekten und schlug einen besseren Standort für das Krankenhaus vor.
Dann kontrollierten die Münchner jeden einzelnen Kostenanschlag, suchten nach kostengünstigeren Alternativen bei der Konstruktion und beim vorgesehenen Material. Ausschreibungen für Bauarbeiten und Werkstoffe gingen so früh heraus, daß die Planer genügend Zeit hatten, nach dem besten Angebot zu suchen. Etliche Ausschreibungen wurden bis zu dreimal wiederholt.
Da kam eine Menge zusammen. Allein bei den Aufzügen sparten Rauch und Wiese eine Million Mark, je eine Million holten sie auch bei Konsolen und Waschtischen sowie bei Fliesen- und Plattenarbeiten heraus. Bei den Grünanlagen rund ums Klinikum machten sie es ebenfalls billiger, weil sie zwei Jahre früher als sonst üblich Bäume kauften - und die waren dann eben kleiner.
Die Liste der Einsparungen ist so lang, daß unvorhergesehene Kostensteigerungen - etwa die Erhöhung der Mehrwertsteuer von elf auf 13 Prozent - allemal aufgefangen werden konnten.
Trotz solcher greifbaren Vorzüge einer unabhängigen Baubetreuung können sich viele öffentliche Bauherren noch nicht dazu durchringen, die alte Arbeitsweise aufzugeben. Der entscheidende Grund: Sie müßten hinnehmen, daß die von ihnen bezahlten Überwacher sie selbst, die Auftraggeber, unter Druck setzen, wenn das Projekt aus Prestigegründen allzu großartig ausfällt.
S.124"Haus zum Engel« (r.) auf dem Römerberg, ca. 1938.*