Überall Angst - DER SPIEGEL
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US-WIRTSCHAFT Überall Angst

Mit rabiater Geldverknappung würgt die US-Notenbank die Konjunktur in Amerika vollends ab. Droht nun dem kommenden Präsidenten Reagan ein »wirtschaftliches Dünkirchen«?
• aus DER SPIEGEL 1/1981
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So triumphal hatten Bosse und Börsenjobber schon lange keinen neugewählten Präsidenten mehr begrüßt: Nur wenige Stunden nachdem Ronald Reagans Erdrutsch-Sieg feststand, machten die Aktienkurse an den Börsen zwischen New York und San Francisco Rekordsprünge.

Die Profis hatten ihre Reagan-Hausse, sie jubelten über einen, der die Nation zurück ins gewinnträchtige Paradies des Big Business führen will.

Doch die Euphorie hielt nicht lange, inzwischen herrscht im gelobten Land des Kapitals wieder tiefe Depression. Selbst dem konservativen Heilsbringer Reagan traut Amerikas Manager-Elite immer weniger zu, daß er die US-Wirtschaft alsbald von zweistelligen Inflationsraten und astronomisch hohen Zinsen, von Auftragsmangel und Unterbeschäftigung erlösen könnte.

Ein »wirtschaftliches Dünkirchen« droht dem neuen Präsidenten noch in den ersten 24 Monaten seiner Amtszeit, so prophezeiten Reagans Parteifreunde Jack Kemp und David Stockman, beide wirtschaftspolitische Rechtsaußen der Republikaner. Der Präsident solle den »wirtschaftlichen Notstand« ausrufen, um gleich in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit Sanierungsgesetze -wie die Streichung von Sozialausgaben -- im Kongreß durchzuboxen.

Allmählich beginnt auch Reagans Vertrauten zu dämmern, daß der neue Mann im Weißen Haus »wenig tun kann, um die Aussichten für 1981 zu ändern«, wie Stephen Goldfeld, Chef-Ökonom im wirtschaftlichen Beratergremium der Regierung, weiß.

Es fragt sich, ob er überhaupt viel anderes als sein Vorgänger und dessen Helfer tun kann. In die jetzige Notlage rutschte Amerikas Wirtschaft vor allem, weil Notenbankchef Paul Volcker mit knappem Geld und hohen Zinsen die Inflation -- sie galoppiert im Moment mit 12,6 Prozent -- zu bekämpfen versucht.

Volcker drosselte die Dollarzufuhr für die Wirtschaft so rigoros, daß Amerikas Banken selbst ihren besten Kunden bis vor kurzem 21,5 Prozent Zinsen abverlangten (siehe Graphik Seite 86).

Kostete ein Kredit von einer Million Dollar im November noch 12 000 Dollar im Monat, so müssen jetzt bereits knapp 18 000 Dollar für den gleichen Betrag bezahlt werden. Und die Zinsen könnten, glauben Experten, sogar noch höher steigen.

Die neue Präsidenten-Mannschaft findet den harten Notenbank-Kurs gar nicht falsch: Das Versprechen niedrigerer Teuerungsraten gehörte zu Reagans Wahlhits. »Das ist der Preis, den wir für den Kampf gegen die Inflation in diesem Land zahlen müssen«, verteidigte der designierte Finanzminister Donald T. Regan, bislang Chairman des Wallstreet-Hauses Merrill Lynch, die Rekordzinsen.

Der Preis könnte sich allerdings als zu hoch erweisen. »Eine Woge von Pleiten wird über uns zusammenschlagen«, prophezeit David Rubin, Präsident der auf die Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen spezialisierten Republic Factors Corporation.

»Die Hochzinspolitik der Notenbank treibt die US-Wirtschaft«, bestätigt S.86 James E. Stewart, Chef des größten US-Zementproduzenten Lone Star, »in die Selbstzerstörung.«

Auch großen Unternehmen könnte die Luft ausgehen. »Irrsinn«, kommentierte Chrysler-Chef Lee A. Iacocca die hohen Zinsen. Iacoccas Auto-Konzern kämpft mit Milliardenkrediten ums Überleben. »Wie lange«, fragte der Manager empört, »soll das so weitergehen? Ein weiteres Jahr? Ich glaube nicht, daß es dann noch eine Autoindustrie gibt.« Zumindest Chrysler, Amerikas drittgrößte Autofirma, könnte es dann wohl nicht mehr geben.

In den USA wird sich womöglich wie zuvor schon in Großbritannien erweisen, daß die Inflation, in vielen Jahren zur Gewohnheit geworden, nicht im Hauruckverfahren ausgetrieben werden kann.

Wenn auch das Desaster der US-Wirtschaft nicht allein der rigiden Geldverknappung zuzuschreiben ist -ein gut Teil der miesen Ergebnisse im Jahr 1980 geht sicherlich zu Lasten der Notenbankpolitik.

Und daß es ein schlechtes Jahr war, ist quasi amtlich: Die Amerikaner mußten sich damit abfinden, daß sie im Schnitt zwei Prozent weniger verdienten als ein Jahr vorher. Die Industrieproduktion schrumpfte seit Jahresanfang um über vier Prozent, die Arbeitslosigkeit stieg von 6,2 Prozent auf 7,5 Prozent im November. Allein in der Autoindustrie verloren fast eine viertel Million Arbeiter ihren Job.

Den Amerikanern ging buchstäblich das Geld aus. Für Autos, den noch immer wichtigsten Konjunkturantrieb, sackten die Ausgaben um fast ein Drittel ab.

»Die hochschnellenden Zinsen fegen mögliche Käufer vom Markt«, klagt etwa Ford-Händler Mel Farr in Detroit. Von den im Herbst auf den Markt gekommenen 81er Modellen werden Detroits Hersteller nach eigenen Berechnungen rund 900 000 weniger losschlagen, als sie eigentlich vorhatten.

Rote Zahlen weist daher nicht allein der schwer angeschlagene und kaum noch zu rettende Chrysler-Konzern aus: Der einstige Branchen-Günstling Ford meldete 1,2 Milliarden Dollar Defizit, der Welt-Primus General Motors 824 Millionen minus.

Noch schlimmer steht es um die Bauwirtschaft. Für den Bau neuer Häuser gaben die Amerikaner fast 60 Prozent weniger aus. »Die Bauindustrie«, berichtet Michael Sumichrast vom Fachverband National Association of Homebuilders, »wird ganz einfach von den hohen Zinsen stranguliert.« Besonders die Kleinen. Allein von Juli bis September gingen 11 000 Unternehmer bankrott, 38 Prozent mehr als in der gleichen Vorjahreszeit.

»Die allgemeine Wirtschaftslage ist nun einmal so«, weiß James Thomson, stellvertretender Vizepräsident des Bankhauses Harris Trust & Savings Bank in Chicago, »daß die Leute hier überall Angst haben. Sie gehen nicht los und nehmen Kredit, wenn sie sich fragen müssen, ob sie ihn auch zurückzahlen können.«

Immer unglaubwürdiger wird nun Reagans Versprechen, er brauche nur, wie angekündigt, die Steuern zu senken, Abschreibungen zu erleichtern, die Staatsausgaben zu kürzen -- und schon werde Amerikas Wirtschaft wie von selbst genesen.

Das Gegenteil dürfte wahrscheinlicher sein, denn die Reagan-Rechnung stimmt hinten und vorne nicht.

Schon ohne die versprochene Steuersenkung von zehn Prozent im Jahre 1981 beträgt das Defizit im Staatshaushalt zwischen 50 Milliarden und 60 Milliarden Dollar. Mit kräftigen Steuerkürzungen kann der Fehlbetrag leicht 80 Milliarden erreichen.

Wo er die Milliarden einsparen will, hat Reagan bislang nicht verraten. Wie S.87 auch: Der weitaus größte Teil der Staatsausgaben ist -- ähnlich wie in der Bundesrepublik -- gesetzlich festgeschrieben. Wenn überhaupt, könnte nur nach langwierigen Gesetzgebungsverfahren wirksam gestrichen werden.

Zum anderen: Ausgabenkürzungen von 30 Milliarden bis 50 Milliarden Dollar würden das Wirtschaftswachstum in den USA endgültig abwürgen, die Krise also verschlimmern. Ausgenommen wären allein jene Industriezweige, die vom Etat des Pentagon profitieren. Denn nur auf eines legte Reagan sich eindeutig fest: Die Verteidigungsausgaben sollen kräftig steigen.

Je tiefer zudem die Industrie in die Flaute treibt, desto kräftiger steigen die staatlichen Sozialausgaben, und desto geringer werden gleichzeitig die Steuereinnahmen.

»Das ist doch Hollywood-Ökonomie«, entsetzte sich Sam I. Nakagama, Chefökonom der Investment-Bank Kidder Peabody & Co. »Steuersenkungen plus höhere Militärausgaben sind genau das richtige Rezept für mehr Inflation«, urteilt Nakagama. Und wie er denken viele unabhängige US-Ökonomen.

Die wirtschaftspolitische Konfusion an der Spitze der westlichen Führungsmacht kommt Amerikas Partnern in Europa und Japan höchst ungelegen.

Sie müssen sich nun, gerade daß die unberechenbare Carter-Administration abgelöst ist, auf eine Zeit des Experimentierens einstellen -- und dies in einer Phase, da auch besonders in Europa die Ökonomien deutliche Schwächesymptome zeigen.

»Es besteht die sehr schwerwiegende Gefahr«, schwant Otto von Fieandt, Wirtschaftsberater der angesehenen Pariser Eurofinance, »daß wir in einen synchronisierten Niedergang geraten, der länger dauern wird, als irgendeiner von uns erwartet hat.«

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