Überall Risiko - DER SPIEGEL
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AFFÄREN Überall Risiko

Ein ehemaliger Frankfurter Anwalt verkaufte Aktien, die es gar nicht gibt. *
• aus DER SPIEGEL 48/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heinz Nikolaus Hupfer, 39 Jahre alt und zwei Zentner schwer, wirkt bisweilen etwas träge. »Dickerchen«, pflegte Ehefrau Brigitte dann zu sagen und klopfte mit der gefalteten »FAZ« auf seinen Hinterkopf, »du sollst doch telephonieren.«

Dann wurde Dickerchen sofort munter. Hupfer griff zum Hörer und arbeitete. Am Telephon suchte er Kunden die Vorteile der von ihm angebotenen Geldanlage nahezubringen.

Der frühere Anwalt, er nannte sich in letzter Zeit »Wirtschaftsjurist«, handelte mit heißen Tips. Junge Aktien der kalifornischen Waffenfirma Weaver Arms empfahl Hupfer beispielsweise, würden bald dicke Gewinne abwerfen. Der Kurs könnte sich in kürzester Zeit verdoppeln oder gar verdreifachen, »schon in zwei bis drei Wochen« (Hupfer).

Die jungen Aktien, die der Wirtschaftsjurist da anpries, gibt es gar nicht. Aber Interessenten fanden sich - Hupfer sammelte Geld ein.

Daß es für die Anleger verloren ist, mochte Hupfer nicht zugeben. »Mein Heinz«, sagt auch Frau Brigitte, »tut so was nicht.«

Sie hätte ihren Heinz besser kennen müssen. Der Staatsanwalt jedenfalls verdächtigt Hupfer, mit seinen Geldgebern ein böses Spiel getrieben zu haben: Vor vierzehn Tagen ging der Wirtschaftsjurist in Untersuchungshaft.

So ganz überraschend kam der herbe Schlag nicht. Hupfers Geschichte ist bunt und füllt inzwischen unzählige Gerichtsakten .

Vor acht Jahren gründete der Frankfurter Advokat mit Freunden und Verwandten den Verein für Kapital- und Anlegerschutz, kurz VKA, in der Voelckerstraße 22. Hupfer trat an »zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität«, besonders auf den »Kapitalanlagebetrug« hatte er es abgesehen.

Im Auftrag von geschädigten Investoren wollte Hupfer Schwindler im Warenterminhandel jagen, und manche nahmen ihm das ab. Lobend wurde im »Stern« geschildert, wie der »Anleger-Anwalt« das verlorene Geld wieder eintreibt. Die Anschrift des hilfreichen Vereins wurde gleich mitgeliefert. Das brachte neue Kunden.

Sehr schnell jedoch stellten sich bei manchem Klienten Zweifel ein, ob er sich dem richtigen Mann anvertraut hatte. Hupfer nämlich ging großzügig mit den Spesen um. Bei seinen Ermittlungen die ihn häufig in die Schweiz und nach Amerika führten, reiste er gern

erster Klasse im Jet oder im Mercedes 500 SEC und mietete Suiten in Grand Hotels.

Hupfer erdrückte seine Klientel alsbald mit ungebührlichen Anwaltskosten. Die geprellten Anleger wurden zum zweiten Mal gebeutelt.

Die Rechtsanwaltskammer beantragte bereits 1983 ein »ehrengerichtliches Ermittlungsverfahren« gegen Hupfer. Staatsanwälte verdächtigten ihn seit 1984 der »Untreue und Gebührenüberhebung« sowie der »Nötigung, Amtsanmaßung, Unterschlagung und des Diebstahls«.

»Die Mehrung seines privaten Besitzes«, fand Oberstaatsanwalt Reinhard Rochus, sei Hupfer »wohl wichtiger als das Wohlergehen seiner Mandanten«. Die Stadtillustrierte »Auftritt« entdeckte einen »Aasgeier in schwarzer Robe« mit »starkem Hang zum Pekuniären«. Branchenexperte Heinz Gerlach warnte in »Kapital-Markt intern": »Vorsicht wo Hupfer auftaucht.«

Schließlich stolperte Hupfer über etliche entwendete Teppiche die er so nebenbei mitgehen ließ. In diesem Sommer wurde der Advokat letztinstanzlich verurteilt, er habe zumindest einen »Sarough« und zwei »Bucharas« unrechtmäßig an sich gebracht.

Als das Frankfurter Ehrengericht daraufhin tagte, zog sich Hupfer selbst aus dem Verkehr: Er gab im Sommer 1987 seine Zulassung als Anwalt »aus gesundheitlichen Gründen« zurück.

Doch ganz ohne Einkommen wollte er nicht bleiben. Schon im Mai machte er deshalb ein eigenes Unternehmen auf. Beim Handelsregister in Frankfurt wurde die Firma EPM European Principal Management GmbH angemeldet (Anschrift: Voelckerstraße 22).

Von Management konnte in dieser GmbH keine Rede sein. Sie war nur die Kasse, an der Leute ihr Geld für Hupfer abgaben.

Der schlaue Jurist hatte schon sehr früh herausgefunden, daß immer wieder dieselben Leute auf Betrüger hereinfallen. In seiner Vereinskartei stecken einige tausend solcher Adressen von Unternehmern, Freiberuflern, Ärzten und Apothekern.

Viele davon erhielten verheißungsvolle Post von Hupfer. Der Kurs der Technologie-Aktie Weaver Arms könnte kurzfristig von fünf auf zehn Dollar steigen, heißt es in dem Rundschreiben der Firma EPM, »größte Renditeerwartung« sei angebracht.

Wenn nicht sofort Geld einkam, hakte Hupfer telephonisch nach. »In den rosigsten Farben«, so ein Opfer, schilderte dann der »Herr Rechtsanwalt«, wie dringlich die Anlage sei. Manche schickten 10000 Dollar, andere 80000 Dollar.

Solche Behauptungen seien »unzutreffend«, sagte Hupfer. Er habe keinen Handel am Telephon betrieben, kenne keine Kunden, und seine Unterschriften in EPM-Papieren seien gefälscht. Geschäftsführer und Alleingesellschafter dieser Firma sei ein gewisser Rainer Dehn. Dieser habe lediglich das Büro von ihm gemietet.

Tatsächlich gibt es überhaupt keine Firma EPM, denn sie wurde bisher nicht in das Handelsregister eingetragen. Es gibt dort eine Akte, und es gibt einen Gesellschaftsvertrag. Danach will die EPM vor allem bei Kapitalanlagen vermitteln und beraten. Das Geschäft, ließ Hupfer wissen, würde sich im »europäischen Rahmen« und sogar auf die USA erstrecken. Weitere EPM-Firmen seien in Gründung.

Doch Gesellschaften mit diesem Namen wurden gar nicht erst zugelassen. Den angeblichen Alleingesellschafter Dehn, Ehemann von Hupfers früherer Sekretärin Dolores, stellte der Anwalt gern als »Selbständigen in Sachen Musik« vor - Dehn spielt in Frankfurter Kneipen Gitarre, Spezialität Flamenco.

Dehns Strohmann-Rolle ist in einem Vertrag sorgfältig festgehalten. Er soll »treuhänderisch diese Firma eröffnen«, heißt es da, weil Hupfer »nicht in Erscheinung treten möchte«. Und weiter: »Jedoch sind tatsächlich alle Aktivitäten der Firma EPM GmbH ausschließlich von mir zu entscheiden. Herr Rainer Dehn hat keine Weisungsbefugnis. ' Hupfer und Dehn haben den Vertrag unterzeichnet .

Hupfer trat aus gutem Grund nicht in Erscheinung. Da es keine Aktien der Waffenfirma Weaver Arms gibt, kann es auch keine Kurse geben. Hupfers Kunden bekamen aber sogleich nach Einzahlung des Geldes eine Abrechnung, derzufolge der Kurs ihrer Aktien von fünf auf 9,25 Dollar gestiegen sei. Gezeichnet war der Brief mit einer photokopierten Unterschrift von Dehn.

Die Firma Weaver Arms existiert zwar im fernen Kalifornien auch bunte Prospekte über die »Neuemission« sind da. Denen aber ist zu entnehmen daß die Gesellschaft eigentlich pleite ist und nichts außer Verlusten produziert.

Angeblich zeigt der chinesische Konzern Norinco Interesse, die Handfeuerwaffen von Weaver Arms in Lizenz zu fertigen. Doch »Investoren, die sich den Verlust der ganzen Investition nicht leisten können«, auch das steht in dem Prospekt, sollten es lieber bleibenlassen.

Hupfer wußte nur zu gut, daß Anleger am grauen Kapitalmarkt solche Schriften nur ungern zur Kenntnis nehmen. »Es gibt Leute, für die ist 'ne Million Spielgeld«, sinnierte Frau Brigitte, »das müssen die nun selbst wissen, was sie machen.« Risiko gebe es überall.

Just das versuchte Ehemann Heinz kurz vor seiner Verhaftung schnell noch zu minimieren. Die Türschilder der EPM und des Schutzvereins VKA wurden abmontiert. Der weltumspannende Konzern EPM, verbreitete der Wirtschaftsjurist eilig per Telefax, habe eine neue Anschrift in Babenhausen. Dort wohnt Strohmann Dehn.

Die geprellten Anleger erfuhren, daß sie sich an Dehn wenden können. Hupfer bot an,"Ermittlungen« durchzuführen, wo die »Mittel und Gelder« geblieben seien. Er selbst habe gar nichts.

Das jedoch will der Staatsanwalt nun genauer wissen. Während der Wirtschaftsjurist in der Haftanstalt Preungesheim nachdenkt prüfen Ermittler die Akten, die sie in Hupfers EPM-Büro beschlagnahmten.

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