Überlange Börsenrally Kribbelige Zeiten
Düsseldorf - Wie lange soll das noch gut gehen? Seit vier Jahren ist Deutschlands Aktienleitindex Dax im Steigflug. Hat in dieser Zeit einen Sprung von damals rund 2200 Indexpunkten auf 7300 Zähler geschafft. Und scheint Kurs auf sein historisches Hoch von rund 8100 Punkten zu nehmen. Selbst die "Tagesschau" räumt ihren Börsenberichterstattern mittlerweile wieder Raum ein. Aber genau deswegen halten die ersten Investoren inne.
Mehr und mehr Wirtschaftsdaten deuten darauf hin, dass der kräftige Börsenaufschwung in eine neue Phase getreten ist. Denn nicht nur der deutsche Paradeindex Dax ist auf Rekordfahrt, Amerikas Weltleitindex Dow Jones Industrial erreichte bereits in den vergangenen Tagen immer wieder neue Rekordmarken, zuletzt durchbrach er die 13.000-Punkte-Marke. Nicht anders ist das Bild bei kleineren nationalen Börsenbarometern, wie dem Schweizer SMI oder dem ATX der österreichischen Börse; auch der hat ein Allzeithoch erreicht.
Zeitgleich brummt die Konjunktur hierzulande wie seit vielen Jahren nicht mehr. Das bedeutende Wirtschaftsbarometer des Münchener ifo-Instituts, der Geschäftsklimaindex, hat ein 15-Jahres-Hoch erreicht. Die sechs bedeutendsten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen für dieses Jahr mit einem Wachstum von etwa 2,4 Prozent. Besser noch: Im kommenden Jahr soll es noch einmal so deutlich vorangehen, die Arbeitslosigkeit sinkt entsprechend. Und die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds haben ausgerechnet, dass sich die Wirtschaft rund um den Globus in einem Aufwärtstrend befindet, so stark, wie seit 30 Jahren nicht mehr. Allein in diesem Jahr werde die Weltwirtschaft um 4,9 Prozent zulegen. Für Börsenkenner aber können solch glänzende Wirtschaftsdaten auch kribbelige Zeiten ankündigen.
"Strategisch befinden wir uns klar in der Spätphase eines Aufschwungmarktes, das wird allein schon durch die zunehmend restriktive Geldpolitik und die steigenden Renditen am Rentenmarkt deutlich", sagt beispielsweise Patrick Hussy, dessen Unternehmen Sentix von Woche zu Woche mehr als 2500 Investoren nach ihrer Meinung zur aktuellen Börsenlage fragt.
Mit seiner Ansicht steht er nicht allein da. Auch andere Experten sind sich nicht mehr sicher, ob die Börse noch viele weitere Monate mit kräftigen Kurszuwächsen glänzen kann - obwohl Aktien im Vergleich zu Anleihen weiterhin attraktiver seien, die Kurs-Gewinn-Verhältnisse nicht überborden "und die Gewinne der Unternehmen nachhaltig steigen", wie beispielsweise Julius-Bär-Chefstratege Gerhard Grebe sagt; allein in dieser Woche schlugen sich BASF , Bayer , die Commerzbank und Siemens besser als erwartet.
"Aber beispielsweise die US-Firmen können eben nicht mehr so stark zulegen, wie noch in den vergangenen Monaten", kontert Ed Keon, Chef-Investmentstratege des Geldhauses Prudential . Und ausgerechnet die Wall Street ist der Taktgeber für die Frankfurter Börse - auch wenn Amerikas Volkswirtschaft für die Welt an Bedeutung eingebüßt haben mag, seit ehemalige Schwellenländer wie China oder Indien ihre Aufholjagd begonnen haben. Denn wenn New Yorks Dow Jones Industrial auf Talfahrt geht, zieht das den deutschen Aktienindex noch immer mit nach unten. Da mochte die Wirtschaft hierzulande in der Vergangenheit brummen wie sie wollte.
Eintritt in die letzte Phase
Zudem steigt mittlerweile auch die Zahl der Firmenübernahmen und Fusionen, was in vielen Börsenphasen in der Vergangenheit oft ein Zeichen für den kommenden Börsenabschwung war. Allein in dieser Woche wurden mit ABN Amro und Barclays oder einem Konsortium um die Royal Bank of Scotland die größte Bankenfusion der Geschichte in Aussicht gestellt. Weitere mögliche Milliardenfusionen wie beispielsweise Astrazeneca und Medimmune sowie Iberia mit British Airways oder womöglich der Lufthansa kamen dazu. Weltweit wurden in den ersten drei Monaten dieses Jahres gar Unternehmen im Wert von 1,1 Billionen Dollar fusioniert oder übernommen, haben die Experten von Thomson Financial errechnet.
"Wann aber die heraufbeschworene letzte Phase des Aufschwungmarktes beginnt und sie vor allem zu Ende geht, weiß niemand. Bisher sind wir darum herumgekommen", sagt Gianni Hirschmüller. Er ist Geschäftsführer des Frankfurter Finanzdienstleisters Cognitrend, der die Entwicklung auf dem Wertpapiermarkt aus psychologischem Blickwinkel zu beurteilen versucht. "Viele Anleger haben in den vergangenen Monaten immer wieder zu früh auf den Kurseinbruch spekuliert und mussten dann nachkaufen. Das ist auch jetzt noch so, und dass schützt bisher vor dem Abschwung", sagt Hirschmüller.
Der wird dann wahrscheinlich auch nicht in wenigen Wochen kommen. Immerhin rechnen auch die größten Kenner der deutschen Wirtschaftslage in den kommenden Monaten nochmals mit besseren Geschäften der wichtigsten Unternehmen des Landes als in den vergangenen Monaten ohnehin schon: die Topmanager der Dax-Konzerne.
Ob von BASF , Bayer , der Deutschen Bank , Eon , Münchener Rück , RWE , SAP , ThyssenKrupp oder Tui , sie orderten zuletzt im großen Stil Aktien des eigenen Unternehmens, hat jetzt das Forschungsinstitut für Asset Management (Fifam) der Technischen Universität in Aachen ermittelt. Und das gilt als Zeichen für weiter steigende Kurse.
"Zudem haben viele private Anleger seit dem Jahr 2003 versucht, mit Bonus-, Garantie- oder Discountzertifikaten an der aufkommenden Aktienstärke zu verdienen. Das brachte zwar gute, aber doch deutlich hinter dem Aktienmarkt zurückbleibende Gewinne. Wann wollen diese Anleger eigentlich Aktien ordern, wenn nicht jetzt, während die Konjunktur in Deutschland und Europa so glänzend läuft?", sagt Sentix Geschäftsführer Hussy - und so nebenbei noch einmal für steigende Kurse sorgen.
Vielleicht zum letzten Mal in dieser Börsenrally, die seit dem Jahr 2003 läuft? Noch haben Investoren Zeit, sich auf diesen Fall vorzubereiten, verpassen dafür aber womöglich einige Renditepünktchen auf dem Weg zum drohenden Wendepunkt.
"Ganz klar. Jeder Investor sollte sein Depot jetzt langsam so ausrichten oder von seinem Vermögensverwalter ausrichten lassen, dass plötzliche Aktienkurseinbrüche keinen so großen Schaden mehr anrichten können", rät deshalb Markus Zschaber; der Kölner Vermögensverwalter ist zur Jahrtausendwende zu einiger Berühmtheit gelangt, weil er seinen Kunden früh genug den Ausstieg aus dem Aktienmarkt empfohlen hat.
"Ich denke, wir sind jetzt erneut an einem sehr gefährlichen Punkt angekommen und ich rechne definitiv mit einer Korrektur über den Sommer. Ich war mir selten so sicher", sagt Zschaber . Was danach kommt, muss man dann sehen.