Überraschung: EZB senkt Leitzins - DER SPIEGEL
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Überraschung EZB senkt Leitzins

Kalt erwischt hat EZB-Chef Wim Duisenberg die Finanzexperten der Welt: Noch am Morgen glaubte niemand, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen senken werde. Nun tat sie es.
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Frankfurt am Main - Völlig überraschend senkte die EZB den entscheidenden dritten Leitzins um 25 Basispunkte. Den für die Refinanzierung der Geschäftsbanken maßgeblichen Mindestbietungssatz beim Zinstender reduzierte die EZB um 25 Basispunkte auf 4,5 Prozent. Der Zinssatz für die Spitzenrefinanzierung wurde von 5,75 auf 5,50 Prozent zurückgenommen. Der Zins für kurzfristige Einlagen bei der EZB sinkt von 3,75 auf 3,50 Prozent. Nachdem die EZB die Zinssenkungsrunden anderer Notenbanken in der Vergangenheit nicht mitgemacht hatte, war vorerst nicht mit einer Lockerung der Zinszügel im Euroraum gerechnet worden.

Auch wegen der hohen Preissteigerungsraten in Euroland hatte die Kreditwirtschaft darauf spekuliert, dass die Zinsen gleich bleiben würden. Die durchschnittliche Teuerung im Euro-Raum beträgt auf Grund zuletzt stark gestiegener Kraftstoff- und Lebensmittelpreise gut 2,5 Prozent. Sie liegt damit deutlich oberhalb der EZB-Warnschwelle von zwei Prozent. Die EZB-Spitze selbst hatte in den vergangenen Wochen stets vor anhaltenden Inflationsgefahren gewarnt.

Experten bemängeln Unberechenbarkeit der EZB

Konjunkturexperten und Politiker hatten in den vergangenen Wochen angesichts der weltweiten Konjunkturschwäche allerdings eine baldige Zinssenkung im Euroraum angemahnt. Als problematisch sehen die Experten jedoch die "Unberechenbarkeit" der Zentralbank an. Die Inflationsrisiken seien aktuell genauso groß wie an den Vortagen. Daher müsse sich erst noch erweisen, wie nachhaltig die Euro-Erholung sei.

Analyst Jörg Weidensteiner von der DG Bank sagte zu der plötzlichen Entscheidung, diese sei auch insofern interessant, als dass alle Äußerungen der EZB in der jüngsten Zeit auf das Gegenteil hingedeutet hätten. Die Frage sei, ob die Zinssenkung auf die jüngst vorgelegten, schlechten deutschen Zahlen zur Industrieproduktion und den Auftragseingängen zurückzuführen sei.

Michael Schubert von der Commerzbank hält eine weitere Senkung der Zinsen in den kommenden vier bis acht Wochen durchaus für möglich. "Im Prinzip hängt es davon ab, wie es in den USA weitergeht." Von den Vereinigten Staaten und der dortigen Konjunkturflaute gehe "die ganze Malaise aus". Auch in den USA erwarte er eine weitere Senkung Mitte Mai.

Als "rundum positiv" bewerten Aktienhändler den Zinsschritt. Er sei nicht völlig überraschend gekommen, sondern allgemein für den Verlauf des zweiten Quartals erwartet worden. Der Zinsschritt bedeute auch eine Revision der zu starken Zinsanhebung im vergangenen Jahr. Der Dax habe jetzt Luft bis 6400 oder 6500 Punkte. Der Sprung über die 6200er-Marke werde vermutlich dauerhaft sein.

Duisenberg: Inflationsrisiken sind zeitlich beschränkt

EZB-Präsident Wim Duisenberg begründete die überraschende Zinssenkung mit nachlassenden Gefahren für die Preisstabilität. Die Inflationsrisiken auf Grund höherer Öl- und Nahrungsmittelpreise seien zeitlich beschränkt, sagte Duisenberg nach der Sitzung des EZB-Rates am Donnerstag in Frankfurt. Im Jahresverlauf würden sich die Einflüsse dieser Sonderfaktoren verringern.

"2002 werden wir wahrscheinlich unter die Toleranzschwelle von zwei Prozent kommen", sagte Duisenberg. Nach Ansicht der Währungshüter wird das Wirtschaftswachstum in der Eurozone weiterhin vor allem durch die Inlandsnachfrage gestützt. Positiv vermerkten sie bei ihrer Entscheidung eine Mäßigung bei der Lohn- und Gehaltsentwicklung. Duisenberg bezeichnete das neue Zinsniveau als "angemessen, um Preisstabilität zu wahren."