KRIMINALITÄT Ulkige Branche
Der 38-Tonner verschwand am 4. November letzten Jahres vom abgeschlossenen Hof einer Hamburger Spedition. An Bord waren zollfreie Zigaretten, Spirituosen und Parfüms im Wert von 1,5 Millionen Mark, bestimmt für den Duty Free Shop des Rhein-Main-Flughafens in Frankfurt.
Erst am 16. Dezember wurde der Lastzug an der Autobahn Hamburg-Bremen bei Sittensen aufgefunden; er war leer. Der Name der Spedition auf den Seitenflächen war mit blauer Farbe übersprüht worden. Den Fahrtenschreiber, mit dessen Hilfe der Fahrtenverlauf hätte rekonstruiert werden können, hatten die Diebe ausgebaut. Profis waren am Werk gewesen.
Einige Monate später in Frechen bei Köln ging es etwas rauher zu.
Da sah ein Lkw-Fahrer, der in seinem Lastwagen auf einem Speditionshof übernachtete, plötzlich in die Läufe etlicher Feuerwaffen. Mit ihrer Beute - 18,5 Tonnen Jacobs-Kaffee, Wert 450 000 Mark - fuhren die Straßenräuber nach Düsseldorf.
Dort wurde der Laster leer gemacht und dann samt Fahrer am Rand der Autobahn abgestellt. Eine Woche später fand die Kripo das Diebesgut in einer Lagerhalle am Düsseldorfer Rheinhafen.
Zwei Fälle unter vielen, der eine, der von Hamburg, unaufgeklärt; der andere, der aus dem Rheinischen, inzwischen aufgeklärt. Diebstähle von kompletten Lastwagen-Ladungen häufen sich in deutschen Landen, und sie werden, wie der Überfall von Frechen demonstriert, zusehends brutaler.
Gewalt war vordem eher in Italien der Brauch. Dort enterten Gangster die Laster mit dem Ballermann, dort blockierten sie Straßen oder versuchten gar, flüchtende Brummis bei Tempo 90 mit Feuerstößen aus der MP anzuhalten. Im verrufenen »Bermuda-Dreieck für Lkw« zwischen Brenner, Modena und Mailand verschwanden Lastwagen nebst Ladung gleich serienweise.
Italienische Sitten reißen nun auch in der Bundesrepublik ein. So stoppten Wegelagerer an der Autobahn bei Herford mittels Baustellenmarkierung und roten Warnblinkern einen hannoverschen Lastzug mit Zigaretten im Wert von 1,5 Millionen Mark. Zwei Maskierte steckten den Fahrer in einen Kartoffelsack und warfen ihn bei Grevenbroich, 200 Kilometer weiter westlich, in den Straßengraben.
Erstmals waren 1982 deutsche Gangster beim Klauen von Lkw-Ladungen erfolgreicher als Italiener, berichtet der Deutsche Transport-Versicherungs-Verband: Jeder zweite Versicherungsfall ereignete sich in der Bundesrepublik.
Zwar stieg seit 1980, nach Erkenntnis des Bundeskriminalamts (BKA), die Zahl der Lkw-Ladungsdiebstähle von 171 auf 190 Fälle bloß mäßig, um so mehr aber die Wucht der Schäden - von 15 auf 31 Millionen Mark.
Zehnmal griffen Hijacker dabei im vorigen Jahr zur Waffe, und der ungute Trend hält an; früher hatten sich die Ladungsdiebe immer nur friedlich bedient. Tröstlich ist dabei, daß die Kripo
bisher noch jeden Raubüberfall aufklären konnte. Das ist kein Wunder. Denn nur Laien oder Anfänger besorgen das Geschäft mit Waffengewalt. Die Könner haben das nicht nötig. Die kennen ihre Beute und die möglichen Abnehmer schon vorher sehr genau und richten sich nach den Bedürfnissen des Marktes.
So ist vor Festtagen Saison für Unterhaltungselektronik, vor allem für Video-Geräte und Cassettendecks. Karsten Groth vom Verband der Transportversicherer vermutet, daß »meist auf Bestellung, sehr gezielt« zugegriffen wird. Muß wohl auch, andernfalls nämlich säßen die Lkw-Plünderer auf riesigen Lägern von unverkäuflichem Zeug.
»Das ist eine ulkige Branche«, erzählt BKA-Mann Hans Kaeser, »die klauen echt alles.« Eine Verlustliste des BKA illustriert, was da so anfällt, keineswegs nur leicht absetzbare Ware wie Autoreifen, Fliesen oder auch mal 3000 Blusen.
291 Kartons Käse oder 12,5 Tonnen Kokosraspeln zum Beispiel wurden gestohlen, auch eine Ladung Fallschirme oder 17 Klaviere und drei Konzertflügel, 23 Tonnen Weißleim, eine Fuhre Stahlwolle oder Bettroste und Matratzen. »Was machen die Leute nur mit einem Lkw voll Schuhe, die erst halb fertig sind?« rätselt Kriminaldirektor Kaeser.
Ob aus einem Speditionshof in Hamburg 25 Tonnen Schinken oder von der Autobahn bei Flensburg 31 400 Liter Benzin abhanden kommen - alles wird gebraucht. In Darmstadt wurde im Sommer vergangenen Jahres ein Lastwagen mit 2190 Kilo der Zeitschrift »Kicker« gestohlen; es war keine der zweimal wöchentlich erscheinenden Ausgaben, sondern ein Sonderheft zur Bundesliga.
Die Diebe, meist branchenkundig, ermitteln die Ladung, studieren die Routen und die Pausengewohnheiten der Fahrer und erkunden die besten Gelegenheiten zum Zugriff. Für die Hehler kommt es darauf an, die »heiße Ware kalt zu machen«, wie es im Polizeijargon heißt: Über Umwege muß das Diebesgut wie reguläre Ware in den seriösen Handel eingeschleust werden.
Das geht nicht ohne Pannen ab. In Köln flog im Mai eine sechsköpfige Gang auf, die - mit Pistolen - einen Zigaretten-Container mit zehn Millionen Reval, Overstolz und Juno im Wert von 1,5 Millionen Mark gekapert hatte. Die Kripo griff zu, als die Glimmstengel in einer Pizzeria zum Spottpreis von zehn Mark pro Stange auftauchten.
Als Lehrstück gilt der Fall »Scharlachberg Meisterbrand": Die Spirituose, für Berlin bestimmt, war im Herbst gestohlen worden. Als die Hijacker den Schnaps vermarkteten, stolperten sie über eine Kleinigkeit: Auf jeder Flasche wünschte die Binger Weinbrennerei »allen Berlinern ein frohes Weihnachtsfest«. Das machte die Kunden in Köln stutzig. Schließlich war inzwischen Ostern.