Umbaupläne: Löscher will Siemens neu erfinden - DER SPIEGEL
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Umbaupläne Löscher will Siemens neu erfinden

Kaum 100 Tagen ist er im Amt, der Besuch bei Konzerntöchtern in entlegenen Ecken dieser Welt steht noch aus. Doch die Renovierung von Siemens hat Vorrang. Dem neuen Chef Peter Löscher schwebt nichts weniger vor als der kompletter Umbau des Traditionskonzerns.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München - In drei große Felder wolle er die Geschäfte des Münchner Elektronikkonzerns zukünftig einordnen, erklärte Löscher gestern Abend vor Journalisten: Medizintechnik, Infrastruktur und Energie. Diese Neuordnung wird auch für Veränderungen im Vorstand sorgen. Jede Sparte solle einen Chef bekommen, der dem Zentralvorstand angehört und dort weltweite Verantwortung für sein Geschäftsfeld trägt, erklärte Löscher. Anders als bisher könnten diese Vorstände dann auch direkt in die operativen Geschäftsbereiche eingreifen.

"Der Weltunternehmer hat Vorfahrt gegenüber der Region", sagte Löscher mit Blick auf die bisher mächtigen Länderchefs des Konzerns. Der Siemens-Vorstand habe sich schon auf eine Neustrukturierung geeinigt, sagte Löscher. Die endgültigen Vorschläge wolle man dem Aufsichtsrat am 28. November vortragen.

Dass seit Löschers Amtsantritt am 1. Juli ein neuer Wind bei Siemens   weht, hat sich an der Spitze bereits bemerkbar gemacht. Als Reaktion auf den Schmiergeldskandal wurde ein eigenes Vorstandsressort zur Einhaltung von Anti-Korruptions-Regeln geschaffen - und mit einem Weggefährten Löschers vom Siemens-Konkurrenten General Electric   Healthcare besetzt. Die Altlasten schwinden langsam: Den Vertrag von Vorstand Johannes Feldmayer ließ der Konzern zum 30. September ohne größeres Aufsehen auslaufen. Feldmayer saß wegen der Affäre um verdeckte Schmiergelder an die Alternativgewerkschaft AUB bereits zeitweilig in Haft.

Über weitere personelle Veränderungen im Zentralvorstand schwieg sich Löscher aus. Neben den drei geplanten Sparten-Vorständen soll es auf jeden Fall vier weitere Posten für Finanzen, Korruptionsbekämpfung, Personal und Technologie geben. Elf Leute sitzen derzeit im Siemens-Vorstand, neun davon im Zentralvorstand.

Eine Verkleinerung des Gremiums ist absehbar. Doch mit der Neu- und Abberufung einiger Vorstände ist es mit der Umstrukturierung bei Siemens nicht getan. Die breit gefächerten Bereiche mit Produkten von Glühbirnen über Computertomographen bis hin zu Windkraftwerken müssen den drei großen Geschäftsfeldern zugeordnet werden. Über die Zuordnung sei bisher ebenso wenig entschieden worden wie über personelle Fragen, erklärte Löscher. Diese Diskussionen würden jetzt erst beginnen.

Mit dem Verkauf der Automobilzulieferersparte VDO an den Konkurrenten Continental   und dem gleichzeitigen Zukauf des US-Diagnostikunternehmens Dade Behring hat der neue Siemens-Chef deutlich gemacht, dass er den oft als Gemischtwarenladen verspotteten Konzern fokussierter ausrichten möchte. Doch es bleiben noch immer neun Bereiche. Diejenigen, die nicht ins neue Konzept passen und noch dazu unprofitabel sind, werden es nicht einfach haben.

Osram soll bei Siemens bleiben

Mit der Geschäftsentwicklung beim Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks sei er "absolut nicht zufrieden", sagte Löscher. Ähnlich sehe es beim Computerhersteller Fujitsu Siemens aus.

Dagegen erteilte er Gerüchten über einen Verkauf oder einen geplanten Börsengang von Osram eine Absage. Mit Osram sei er zufrieden, sagte Löscher. Ebenso mit dem Gemeinschaftsunternehmen Bosch Siemens Hausgeräte. Auch für die Zugsparte TS gebe es "keine Überlegungen" - obwohl man mit Qualitätsproblemen bei "Combino"-Zügen zu kämpfen habe. Die Sparte konnte gestern einen Großauftrag über 540 Millionen Euro der Österreichischen Bundesbahnen vermelden. "Siemens war, ist und bleibt ein integrierter Technologiekonzern" beteuerte Löscher. Er wolle nicht einfach wild das Portfolio verkaufen.

Als erster Externer übernahm der gebürtige Österreicher und einstige Pharmamanager im Mai das Ruder bei Siemens. Wegen fehlender Hausmacht und des Schmiergeldskandals sagten ihm viele eine schwere Zeit bei voraus.

Mit einem Bußgeld von 201 Millionen Euro hat Siemens immerhin schon einmal die Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft überstanden. "Das ist ein wichtiger Baustein - aber nur einer von vielen", sagte Löscher. Denn die wegen drakonischer Strafen gefürchtete US-Börsenaufsicht SEC ist dem Konzern noch immer auf den Fersen.

Doch der Korruptionsskandal gibt Löscher auch die Chance, sich als Erneuerer zu profilieren. "Es geht nicht darum, sich am Wittelsbacher Platz ein Weltbild zu machen", sagte Löscher. Seit seinem Amtsantritt sei er kaum in der Münchner Zentrale gewesen, sondern habe China, die USA, Indien, Japan und Österreich bereist.

Russland und die Golfregion sollen folgen. "Mir war es sehr wichtig, dass ich schnell rausgehe zu den Leuten", erklärte Löscher. Vom Konzern habe er sich ein gutes Bild gemacht.

Von Maria Marquart, AP