Umfrage Piraterie trifft deutsche Reeder hart
Hamburg - Längere Ausweichrouten, Stacheldraht am Schiff, Sicherheitskräfte an Bord: Die deutschen Reeder suchen nach Möglichkeiten, Piratenangriffe auf ihre Schiffe zu vermeiden. Denn die Überfälle machen den Unternehmen finanziell schwer zu schaffen. Einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) zufolge ist jede fünfte deutsche Reederei bereits Opfer eines Piratenangriffs geworden. "Die Kosten steigen dadurch für jede Reederei in Millionenhöhe", sagte der PwC-Schifffahrtsexperte Claus Brandt am Donnerstag bei der Vorstellung des Ergebnisses in Hamburg.
Piraten in Somalia: Mehr als 50 Prozent der Angriffe nicht gemeldet
Foto: DDPBefragt wurden 101 Reedereien, Schiffseigner und Makler, die insgesamt rund 3500 Schiffe betreuen und 76.000 Mitarbeiter an Land und auf See beschäftigen. Das entspricht nach PwC-Angaben etwa 80 Prozent des deutschen Marktes.
Die größten Probleme bereitet den Besatzungen die Fahrt um das Horn von Afrika in Somalia. Dort werden jährlich rund 20.000 Schiffspassagen gezählt, im vergangenen Jahr wurden rund hundert Schiffe überfallen. "Man kann davon ausgehen, dass die Zahl in diesem Jahr drastisch steigt", sagte Brandt. Der Befragung zufolge haben 13 Prozent der deutschen Reedereien in dieser Region schon Erfahrungen mit Piratenangriffen gemacht. Fünf Prozent gaben an, vor der Küste von Nigeria überfallen worden zu sein, und zwei Prozent nannten die Straße von Malakka in Südostasien, eine der am stärksten befahrenen Seestraße der Welt. Einzelne Reedereien erwähnten die Seegebiete vor Sri Lanka, Peru, Angola und den Seychellen als Orte von Angriffen.
Manche Betreiber erwägen, ihre Schiffe mit sogenannten Panic Rooms auszustatten: Räume, in denen die Besatzung sich im Falle eines Angriffs verbarrikadieren könne. Andere beschäftigen russische Soldaten als Sicherheitswache oder planen, die Besatzung zu bewaffnen. "Langfristig kann aber nur eine Bekämpfung der Ursachen Abhilfe schaffen", sagte Brandt. 98 Prozent der Reedereien sehen Piraterie als internationales Problem, das nicht auf nationaler Ebene gelöst werden könne. "Entwicklungshilfe könnte ein Teil einer internationalen Lösung sein", erklärte Brandt.
Reeder melden nicht alle Vorfälle
Die Unternehmen beklagen die enorme finanzielle Belastung durch Piraterie: So seien die Versicherungsprämien um bis zu 30 Prozent gestiegen. Einzelne Reedereien sehen sich gezwungen, zusätzlich zur Frachtversicherung eine Lösegeldversicherung abzuschließen - Kosten, von denen 62 Prozent der Unternehmen der Meinung sind, sie nicht auf die Kunden abwälzen zu können.
Aus Sorge vor kostspieligen Verzögerungen im nächsten Hafen, vor verärgerten Kunden, einem ramponierten Ruf und einer weiteren Erhöhung der Versicherungsprämie verzichteten viele Reedereien nach Angaben des International Maritime Bureau (IMB) darauf, kleinere Überfälle zu melden. Das spare den Experten zufolge zwar kurzfristig Zeit und Kosten, führe aber dazu, dass wichtige Warnhinweise für die Branche vorenthalten blieben.
Kleinere Angriffe auf See nicht zu melden mache es nur schwieriger, die Länder zu energischen Gegenmaßnahmen zu drängen, mahnte das IMB. "Man muss die verbrecherische Absicht sehen", warnte Noel Choong von der zentralen Piraterie-Meldestelle des IMB in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. "Die stehlen vielleicht nichts Wertvolles, aber es kann sein, dass Menschen für nichts getötet werden." Choong schätzte, dass mehr als 50 Prozent aller Piratenangriffe nicht gemeldet würden.
Schiffsbestellungen storniert oder aufgeschoben
Besonders unregelmäßig ist die Meldepraxis in Nigeria, wo Bewaffnete in Schnellbooten ihre Überfälle mit dem Kampf gegen die Ausbeutung der heimischen Ölvorkommen durch multinationale Konzerne begründen. Bei manchen Gruppen gilt das jedoch als bloßer Vorwand für Raub und Erpressung. "Viele der angegriffenen Schiffe laufen regelmäßig nigerianische Häfen an oder operieren ausschließlich in nigerianischen Gewässern für die örtliche Ölindustrie", heißt es in einem IMB-Bericht. "Die Eigner halten es möglicherweise für das beste, auf ortsübliche Weise damit umzugehen, weil sie Racheakte fürchten, wenn sie Meldung machen."
Der Piraterie-Experte John Burnett gibt zu bedenken, dass ein Frachter Betriebskosten von täglich 20.000 bis 80.000 Dollar hat und es teuer werden kann, einen Überfall zu melden und einen Hafen anzulaufen. "Sie müssen das Schiff stoppen und Tage für Ermittlungen drangeben, die wahrscheinlich zu nichts führen", erklärt er. "Der Kapitän wird häufig gedrängt, keine große Sache daraus zu machen."
Mehr noch als die Piraterie macht den deutschen Reedern jedoch die Wirtschaftskrise zu schaffen. "Zwei von drei Reedereien sind nach eigenen Angaben von der weltweiten Rezession betroffen", sagte PwC-Experte Brandt. Gut jedes dritte Unternehmen habe daher Schiffe vorübergehend außer Dienst gestellt, 30 Prozent hätten Aufträge zum Bau neuer Frachter und Passagierschiffe storniert oder aufgeschoben. Und fast jedes fünfte Unternehmen habe Mitarbeiter entlassen.