FRANKREICH Ums Prinzip
Bis Mitternacht und ohne Mittagspause, so informierte der Reiseveranstalter Nouvelles frontieres seine Kunden in ganzseitigen Zeitungsanzeigen, seien seine fünf Pariser Büros am 28. März geöffnet. Die Kundschaft sollte noch Gelegenheit haben, bis zum Stichtermin, null Uhr am 29. März, Reisen in ferne Länder zu buchen.
Seither, seit Dienstag voriger Woche, ist das französische Volk durch Regierungsdekret zum Urlaubmachen im eigenen Land gezwungen. Seither sind die Bewohner des mitteleuropäischen Industrielands in ihrer Bewegungsfreiheit eingeengt wie die Bürger eines devisenarmen Entwicklungslands.
Maximal 2000 Franc pro Jahr, rund 660 Mark, darf ein Franzose an Devisen ab sofort noch über die Grenze tragen, dazu (pro Reise) 1000 Franc in heimischer Währung. Bei Kindern unter zehn Jahren halbieren sich die Beträge.
Kreditkarten aller Art darf ein Tourist im Ausland ab sofort überhaupt nicht mehr benutzen; das gleiche gilt für Reiseschecks. Reisebüros müssen bei Pauschalreisen die 2000-Franc-Grenze beachten, allerdings ohne Einbeziehung der Transportkosten. Und damit alles seinen geregelten Gang nimmt, wird ab 2. Mai jeder Geldtausch in einen individuellen »Devisenpaß« eingetragen, der an der Grenze vorzuzeigen ist.
Mit dem gewaltigen Bürokratie-Aufwand will die sozialistische Regierung von Präsident Francois Mitterrand die Zahlungsbilanz Frankreichs aufbessern. Mindestens 30 Milliarden Franc gaben französische Touristen voriges Jahr im Ausland aus, knapp ein Drittel des Handelsbilanz-Defizits. Die Devisen-Bewirtschaftung soll helfen, einige dieser Touristen-Milliarden einzusparen.
Daß nun die Regierung vorschreibt, wo sie Urlaub zu machen haben, verbittert die Franzosen weit mehr als alle anderen Sparbeschlüsse des Kabinetts. »Wir erleben eine unerträgliche Einschränkung der Freiheit und des Rechts zu reisen«, sagt Jacques Maillot, Chef des Reisebüros Nouvelles frontieres.
Die regierungsgeneigte Zeitung »Le Monde« wetterte über den »Hausarrest«, unter den die Franzosen gestellt würden; der konservative »Figaro« erregte sich über die »eingesperrten Franzosen«. Mit einem Demonstrationszug in der Pariser Innenstadt forderten rund 4000 Reisebüro-Angestellte und enttäuschte Franzosen eine Rücknahme der Devisenbeschränkungen.
Bei dem Protestgeheul geht es in erster Linie ums Prinzip. Anders als die bundesdeutschen Urlauber, die in ihrer Mehrheit außerhalb der Grenzen die Ferien verbringen, wagen sich nur 16 Prozent aller französischen Urlauber ins Ausland. Die meisten Franzosen haben Mühe, sich Ferien ohne Pastis, Baguette und Rotwein vorzustellen. Wer zukünftig S.124 trotz der Devisenbeschränkungen noch in Spanien oder Griechenland Ferien machen will, muß sich an der Grenze auf genaue Kontrollen gefaßt machen. Koffer und Taschen werden die Grenzer künftig systematisch durchwühlen müssen. Auch Slips und Socken können nicht tabu bleiben, wenn die Devisenvorschrift nicht millionenfach umgangen werden soll.
Die Ankündigung, am Ende des Jahres werde der Spuk schon wieder vorbei sein, hat die Gemüter nicht beruhigt. Auch nicht die Aussicht, daß Geschäftsleute, die ja schließlich durch Exporte Devisen einfahren sollen, am Tag 1000 Franc ausgeben und eine Kreditkarte ihres Unternehmens (jedoch nicht ihre persönliche) benutzen dürfen.
Selbst der Hinweis, Präsident Charles de Gaulle habe schon einmal eine Devisen-Zwangswirtschaft eingeführt, bleibt ohne Wirkung. Der General beschränkte im Mai 1968 das Devisenkontingent pro Reise auf 1000 Franc. Er tat das, um eine Abwertung zu verhindern. Die allerdings wurde ein Jahr später dann doch vollzogen.
Sogar die Italiener, so heißt es jetzt in Frankreich, können sich Devisen im Gegenwert von über 5000 Franc für Auslandsreisen besorgen, und zwar pro Jahr. Die nicht gerade währungsstarken Briten haben im Oktober 1979 gar die letzten Devisenbeschränkungen aufgehoben und dürfen sich bei Besuchen auf dem Kontinent so viele Pfundscheine in die Taschen stecken, wie sie nur wollen.
Dabei muß das Einspar-Kalkül, das Wirtschafts- und Finanzminister Jacques Delors aufmacht, noch nicht einmal aufgehen. Jean-Claude Murat, Präsident des Verbandes der Reisebüros, sagt zahlreiche Pleiten in seiner Branche voraus. »Wir beschäftigen 18 000 Mitarbeiter. Über die Hälfte dieser Arbeitsplätze ist gefährdet.« Mit deutlichen Einbußen S.125 rechnen auch die Fluggesellschaften, allen voran Air France.
Vor allem aber: Wenn ganz Frankreich im Sommer an die ohnehin schon überfüllten heimischen Strände strömt, könnte das viele Ausländer dazu bewegen, ihren Urlaub anderswo zu verbringen. Der bisherige Überschuß in der Touristenbilanz (1982: 12,4 Milliarden Franc) würde schnell dahinschwinden - möglicherweise sogar für Jahre, falls die Ausländer gründlich verärgert werden.
Im übrigen dürften findige Franzosen genügend Tricks finden, sich soviel Devisen zu beschaffen, wie sie brauchen. Die Zeitungen des Landes sind mit allerlei Ratschlägen zu Diensten.
Da gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, die geplante Fernreise über ein Land der Franc-Zone zu starten. Dem Währungsverbund aus der Kolonialzeit gehören fast alle französischsprachigen Länder Schwarzafrikas an. In diesen Ländern gelten die Beschränkungen nicht. Südamerika-Reisende, die ihren Trip kurz im Senegal unterbrechen, können sich dort ausreichend mit brasilianischen Cruzeiros eindecken.
Es lohnt sich auch, mit einem Gastarbeiter gut Freund zu sein. Der darf wie eh und je einen Teil seines Einkommens nach Hause schicken. Nichts kann einen Renault-Arbeiter daran hindern, seinem marokkanischen Kollegen ein paar tausend Franc in die Hand zu drücken, um sie dann irgendwo zwischen Rabat und Marrakesch wieder abzuholen.
Wer kann, sollte tunlichst Privates mit Beruflichem verknüpfen, um die Privilegien der Geschäftsreisenden auszunutzen. Niemand kann heute sagen, wie die Devisenkontrolleure die Abgrenzung zwischen Arbeit und Vergnügen treffen und wo erlaubte Spesen zu verbotenen Privatausgaben werden.
Zum Glück gibt es aber auch für alle, die guten Gewissens über die Grenze reisen wollen, zwei legale Möglichkeiten. Da bieten sich zuerst die Überseegebiete Frankreichs an, die als Inland gelten, obwohl sie einige tausend Kilometer vom Mutterland entfernt liegen. Zwischen Martinique und Tahiti ist für fast jeden Geschmack etwas dabei.
Die zweite Möglichkeit: der Club Mediterranee. 20 seiner Feriendörfer liegen in der Franc-Zone, und in den anderen werden die meisten Mitarbeiter in Franc bezahlt. Außer der Verpflegung importiert der Club zudem fast alles aus Frankreich, vom Baumaterial bis zur Büroklammer.
Von der Devisenrestriktion hat der Club also kaum etwas zu befürchten, im Gegenteil: Da Auslands-Reisen mit dem Club kaum unter die Devisen-Beschränkungen fallen, dürften die Buchungen für die Feriendörfer noch ansteigen.
Das merkten auch gleich die Börsenjobber. Die Aktien des Club Mediterranee waren vorige Woche so gefragt, daß die Notierung an der Pariser Börse zeitweise ausgesetzt werden mußte.