Umstrittenes Sparprogramm Tiefensee will bei Airbus nachverhandeln
Passau - Das geplante Sparprogramm bei Airbus gehe zu weit, kritisierte Tiefensee. Gleichzeitig kündigte er Nachverhandlungen der Bundesregierung mit der Spitze des Mutterkonzerns EADS an. "Die Politik wird Einfluss nehmen", sagte der SPD-Politiker der "Passauer Neuen Presse". "Jetzt müssen wir alle Spielräume ausnutzen, um noch mehr Jobs zu erhalten."
Tiefensee ist der erste Bundesminister, der sich mit dieser Meinung vorwagt. Nur Landespolitiker wie Christian Wulff (CDU) aus Niedersachsen oder Günther Oettinger (CDU) aus Baden-Württemberg hatten bisher Kritik an dem Sparprogramm geübt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hingegen hatten das Sanierungskonzept begrüßt.
Tiefensee warnte nun, das technologische Know-how dürfe nicht mit den Arbeitsplätzen verloren gehen. "Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen." Gerade Facharbeiter und Ingenieure, die vom Stellenabbau betroffen seien, hätten erst für die derzeit vollen Auftragsbücher gesorgt.
Erstmals zeigte sich auch das Unternehmen selbst zu Gesprächen bereit. Es wäre falsch, wenn kein Verhandlungsspielraum mehr bestünde, sagte Airbus-Deutschland-Chef Gerhard Puttfarcken im "ZDF-Morgenmagazin". Das Unternehmen sei am Anfang eines Prozesses, der auch einen Dialog zulasse.
Airbus will in Europa insgesamt 10.000 Stellen streichen, davon 3700 in Deutschland und 4300 in Frankreich.
Gestern Abend teilte das Unternehmen außerdem mit, dass es die Arbeiten an der Frachtversion des A380 wegen stornierter Lieferaufträge bis auf weiteres stoppen werde.Auch Oettinger erneuerte seine Vorbehalte gegen die Pläne des Unternehmens. "Hier werden Arbeitnehmer in Turbulenzen gebracht, die gar keine Schuld haben", sagte der CDU-Politiker. Zugleich übte er Kritik an der französischen Seite im EADS-Konzern. "Die Franzosen sind schon sehr zentralistisch organisiert und dominant", sagte er. Es gebe eine tolle Partnerschaft mit Franzosen, "wenn es um die Weinprobe oder das gute Essen in Burgund oder im Elsass geht, aber wenn es um knallharte Geschäftsinteressen geht, wollen die Franzosen die Mehrheit".
Französischer Einfluss könnte zunehmen
In Zukunft könnte der Einfluss der französischen Politik auf EADS sogar noch zunehmen. Laut einem Zeitungsbericht wollen französische Regionalpolitiker mit Hilfe der Staatsbank CDC bei dem Unternehmen einsteigen, um geplante Werksverkäufe bei Airbus zu verhindern. Dabei sei der Einstieg der deutschen Bundesländer bei EADS das Vorbild, sagte eine Sprecherin der Region Picardie dem "Handelsblatt". Demnach sei das Ziel die Übernahme der Anteile, die der Lagardère-Konzern abstoßen wolle.
Der Präsident der Region Midi-Pyrénées um Toulouse, Martin Malvy, will der Zeitung zufolge diejenigen französischen Regionen für den Vorstoß gewinnen, die von den Standortverkäufen betroffen sind. "Wenn die französische Regierung nicht auf die Sparpläne des Konzerns reagiert, haben wir nicht vor, dasselbe zu tun", sagte der Politiker.
Problemfälle bei Airbus
Heftigen Widerstand kündigte unterdessen die Gewerkschaft IG Metall gegen die Sparpläne bei Airbus an. In allen sieben deutschen Werken gibt es heute Betriebsversammlungen. Airbus-Deutschland-Chef Gerhard Puttfarcken fährt persönlich zu den drei Standorten Varel und Nordenham in Niedersachsen sowie Laupheim in Baden-Württemberg, die ganz oder teilweise verkauft werden sollen. In den Werken hatten wütende Mitarbeiter ihre Arbeit niedergelegt.
Verkauf erst in einem Jahr
"Die Werke haben in den vergangenen Jahren hochprofitabel gearbeitet, da liegt überhaupt nicht das Problem", sagte die IG-Metall-Bezirksleiterin Küste, Jutta Blankau. Der Produktionsverbund der europäischen Airbus-Werke habe funktioniert; es gebe keinen Grund, ihn zu zerschlagen. Zudem bezweifelte die Gewerkschafterin, dass es bereits ernsthafte Interessenten für die Airbus-Werke gebe. Die mittelständisch strukturierte Zulieferindustrie in Deutschland könne eine solche Übernahme kaum stemmen.
Womöglich wird sich der Verkaufsprozess aber auch noch hinziehen. Der Co-Vorstandschef der Airbus-Mutter EADS, Thomas Enders, deutete bei einem Treffen mit der SPD-Bundestagsfraktion an, dass der Verkauf des Werks Varel frühestens im kommenden Jahr kommen könnte. Das sagte die Stader SPD-Bundestagsabgeordnete Margit Wetzel. Bei der Investoren-Suche sollten vor allem deutsche Interessenten berücksichtigt werden. Weiter hieß es, dass die beiden niedersächsischen Airbus-Standorte Stade und Buxtehude von den Sanierungsmaßnahmen weitgehend verschont blieben.
wal/AFP/dpa