UMTS Bewegung durch Breitband
Zwei Wochen dauerte die TV-Show bei T-Mobile, der Netzbetreiber schickte dem erlesenen Kreis seiner UMTS-Kunden Live-Bilder der Tour de France aufs Handy. Den Kampf ums Gelbe Trikot konnten Radsportfans auf diese Weise auch unterwegs verfolgen. Jedenfalls so lange, wie der Akku ihres Mobiltelefons mitgespielt hat.
Konkurrent Vodafone bietet sogar ein ständiges Fernsehprogramm. Bei seinen UMTS-Abonnenten flimmern auf 15 Kanälen Nachrichten, Sport und Doku-Soaps übers Display. Zahlen müssen die Kunden nur für die übertragene Datenmenge, das TV-Abo an sich ist kostenfrei. Bis Dezember zumindest.
Eineinhalb Jahre nachdem UMTS in Deutschland auf Sendung gegangen ist, kämpfen die Netzbetreiber um Kundschaft. Schnupperangebote sollen den Breitbanddiensten Aufmerksamkeit bescheren. Vor allem die beiden Marktführer T-Mobile und Vodafone erhöhen die Schlagzahl, um ihre horrenden Investitionen zu refinanzieren. Jeweils mehr als zehn Milliarden Euro steckten die deutschen Netzbetreiber in den Erwerb der Lizenzen und den Aufbau der Netze, bevor auch nur ein Datenbit durch den Äther floss.
Nur die Kunden interessieren sich nicht für den schnellen Datendienst. "Die Branche hinkt den Erwartungen mächtig hinterher", sagt Arno Wilfert, Strategieberater bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little. "Wegen zu geringer Nachfrage ist sie auf einer verzweifelten Aufholjagd." Also gilt es, das Bedürfnis nach mobilen Hochgeschwindigkeitsnetzen bei der breiten Masse zu wecken.
Dort, wo die Netzbetreiber UMTS-Netze in Betrieb genommen haben, haben sie ihre Übertragungskapazitäten um 160 Prozent erhöht. Doch höchstens zehn Prozent davon, so heißt es in Branchenkreisen, werden genutzt. Die neue Technik bietet Übertragungsraten von 384 Kilobit pro Sekunde - etwa halb so schnell wie DSL.
Für Geschäftsleute, die große Datenmengen verschicken, oder Multimedia-Freaks, die Bilder, Videos oder Musik auch mobil aus dem Netz saugen, bietet die hohe Bandbreite erhebliche Vorteile. "Es gibt keine Schwierigkeiten, die Netze mit Datenverkehr zu füllen", sagt Philipp Gerbert, UMTS-Experte der Boston Consulting Group. "Die Herausforderung besteht darin, dies langfristig profitabel zu schaffen."
Diese Aufgabenstellung zwingt die Netzbetreiber zur Profilierung. Traditionell unterscheiden sie sich kaum voneinander, Tarife und Netzqualität sind vergleichbar. Die Suche nach lukrativen Daten-Anwendungen setzt dem Gleichschritt nun ein Ende.
Wie kein zweiter Provider hat Vodafone seine Aktivitäten schon früh auf UMTS konzentriert. Seinen Kunden bietet das Düsseldorfer Unternehmen zahlreiche Handys in allen Preislagen. Mit den Fernsehsendern Sat.1, ProSieben und Eurosport hat es außerdem Kooperationen geschlossen, um an Inhalte für sein Mobile-TV zu kommen, und in seinem Musikarchiv 500.000 verschiedene Titel zum Download bereitgestellt.
Jedoch: Lediglich 410.000 Kunden nutzen UMTS per Handy, nur 120.000 Kunden per Notebook-Karte. Nicht einmal zwei Prozent der insgesamt 27,7Millionen Vodafone-Kunden haben also mobilen Anschluss an Breitband-Datendienste. Um das zu ändern, will Vodafone Festnetz- Kunden bei der T-Com abwerben. Eine Spezial-Box ermöglicht Telefonieren und Internet- Nutzung via UMTS zu günstigen Preisen, solange sich der Nutzer in einer definierten UMTS-Zelle befindet. Einen Festnetzanschluss braucht man dafür nicht mehr, die UMTS-Box ersetzt die Anschlussdose.
Auch Wettbewerber O2 präsentierte auf der CeBIT ein UMTS-Angebot für zu Hause. E-Plus-Chef Uwe Bergheim dagegen erteilte solchen Plänen eine Absage. Auch Marktführer T-Mobile geht andere Wege. Jegliche Angriffe auf das Festnetz sind aus Rücksicht auf die Konzernschwester T-Com sowieso tabu. Und Dienste wie das Tour-de-France-TV gelten in der Bonner Zentrale eher als Ausnahme von der Regel. "Unser Ziel ist es, den Zugriff beim mobilen Internet nicht auf ein Portal zu beschränken, sondern den Kunden den Zugang zu allen Seiten des Internets zu ermöglichen", sagt T-Mobile-Chef René Obermann.
Tatsächlich dürfen T-Mobile-Kunden inzwischen sogar mit ihrem Handy googlen. Obermann hofft darauf, dass die Kunden die wirklich lukrativen Anwendungen selbst entwickeln. Schon die Killerapplikationen früherer Mobilfunkgenerationen kamen eher durch Zufall als durch Planung zustande. Die SMS etwa war im Geschäftsmodell der Netzbetreiber ursprünglich gar nicht vorgesehen. Erst die Entdeckung der GSM-Abonnenten, dass sich sogar auf Winz-Tastaturen Texte tippen und versenden ließen, brachte die mobilen Kurznachrichten zum Fliegen.
Auch der BlackBerry-Dienst wurde nicht in den Labors der Provider ersonnen: Es waren Ingenieure des kanadischen Start-Ups Research-in-Motion (RIM), die erkannten, welche Chancen die mobile Datentechnik GPRS bot. Sie nahmen eine populäre Anwendung (E-Mail), stellten sie auf eine mobile Grundlage (GPRS) und schnürten alles zu einen Komplettpaket inklusive Hardware, Software und Service.
Den Rest erledigten fleißige Manager, die nun auch von unterwegs auf persönliche Informationen in elektronischen Postfächern und Kalendern zugreifen konnten. Innerhalb weniger Monate katapultierten sie RIM damit an die Spitze der Verkaufscharts und zwangen die Wettbewerber, die BlackBerry-Technologie für eigene Geräte zu lizenzieren. Und die Netzbetreiber freuten sich über regen Datenverkehr.
Bald werden Informationen wohl gigabyteweise durch die mobilen Netze fließen. Viele Unternehmen planen, ihre Datenbanken für den Zugriff von außen zu öffnen, damit Außendienstmitarbeiter schneller auf Kundenprofile, Wartungsanleitungen oder Auftragsformulare zugreifen können als bisher, so heißt es in einer Studie von Nokia. Damit es dann keinen Stau im Datenverkehr gibt, wollen die Netzbetreiber schon im nächsten Jahr den auf UMTS aufbauenden Datenbeschleuniger HSDPA in Betrieb nehmen, der bis zu zwei Megabit pro Sekunde schafft.
Auch die Gerätehersteller erwarten erhöhtes Datenaufkommen im Äther. Nokia, weltweit führend in der Produktion mobiler Endgeräte, will die BlackBerry-Schmach auswetzen. Dazu schlossen die Finnen Allianzen mit Unternehmen wie IBM, Oracle und Symantec; die Softwarehäuser sollen ihre Anwendungen an die technischen Plattformen von Nokia anbinden.
Nokias Hoffnung: IBM-Kunden kaufen in Zukunft finnische Endgeräte, um ihre IBM-Software mobil nutzen zu können. Von diesen Initiativen dürften auch die Netzbetreiber profitieren.
Von Frank Grünberg, Technology Review