UMTS-Handys: Selbstversuch in der Roten Zone - DER SPIEGEL
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UMTS-Handys Selbstversuch in der Roten Zone

Was kann das weltweit erste UMTS-Netz wirklich? SPIEGEL-Korrespondent Wieland Wagner hat es in Tokio ausprobiert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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apans neue Handy-Ära beginnt mit einem verschämten Lächeln. "Wollen Sie das Foma-Handy wirklich kaufen?", fragt Frau Watanabe im Telefonshop von NTT Docomo schon zum dritten Mal. "Klar, auf jeden Fall", antworte ich, worauf die junge Verkäuferin sich erst mit ihrer Vorgesetzten beraten muss.

Bitte, bitte, bange ich, bloß jetzt keine Ausrede, so kurz vor dem Ziel. Womöglich erklärt die Verkäuferin plötzlich, sie habe doch kein "Foma P2101V" mehr auf Lager.

Anfang Oktober brachte NTT Docomo das supermoderne Video-Handy mit eingebauter Kamera der dritten Generation (3G) auf den Markt; ganz Nippon feierte den Start; weltweit horchten die Medien auf. Denn bisher bieten nur die Japaner superschnelle UMTS-Verbindungen an.

Nach 20 Minuten in ganz Tokio ausverkauft

Seit Tagen renne ich nach dem Ding herum - weil ich nicht flink genug war, mich nachts mit Hunderten Hightech-besessenen Japanern vor den großen Elektronikkaufhäusern anzustellen. In Tokio war es dann nach 20 Minuten fast überall ausverkauft. Nur hier in Totsuka, etwa eine Zugstunde von Tokio entfernt, haben sie - welch ein Wunder - noch ein letztes von nur sieben zugeteilten Handys auf Lager. Und nun will ich das Handy endlich haben. Bitte, Frau Watanabe!

Zögernd legt die Verkäuferin das Wundergerät auf den Tisch, das ich sicherheitshalber sofort an mich nehme. Es ist größer und schwerer als ein übliches Handy, fast so groß wie eine Computer-Maus. Aber eleganter, blau und metallic: Beeindruckt drehe ich das kleine eingebaute Kameraauge um seine Achse. Aber Frau Watanabe nimmt mir das Gerät sanft wieder weg: Zunächst erläutert sie anhand einer Landkarte, dass das Handy nur im rot gefärbten Umkreis von 30 Kilometern um Tokio empfangsbereit sei, also schon ein paar Kilometer außerhalb Totsukas nicht mehr funktioniere. Auch komme es leider häufig zu Software-Ausfällen, und Filme könne ich mit dem Ding derzeit auch noch nicht sehen.

Ein gelbes Huhn verschickt die E-Mails

Dann verbeugt sich Frau Watanabe lächelnd bis auf die Ladentisch-Platte und drückt mir eine Tragetüte mit Handy, einem Stapel Gebrauchsanweisungen, Zubehör und - "als Dank" - zwei Päckchen Papiertaschentücher in die Hand: Stolze 70.140 Yen (umgerechnet 1244 Mark) habe ich für das Handy bezahlt.

Gleich vor dem Laden zücke ich das Handy und rufe meine Frau an: Es funktioniert doch! Die Tonqualität soll viel besser sein als bei herkömmlichen Handys. Im Straßenlärm kann ich das zwar nicht genau heraushören, aber ich vertraue NTT Docomo. Im Zug Richtung Tokio probiere ich gleich einige Funktionen aus, die ich von meinem alten "i-mode"-Handy schon beherrsche: Börse, Nachrichten und Horoskop, und das meist in Farbe. Sogar eine E-Mail kann ich verschicken: Wie niedlich, ein gelbes Huhn flattert so lange mit dem Brief im Schnabel über den Bildschirm, bis die Mail im Cyberspace verschwunden ist.

Viel schneller als beim alten Handy geht das zwar alles nicht, gleichwohl blicke ich mitleidig zu den japanischen Pendlern hinüber, die noch mit Handys von gestern durch das Internet surfen. Doch plötzlich bewegt sich nichts mehr auf meinem neuen Handy, rechts oben leuchten nur die japanischen Schriftzeichen für "Kengai" auf - zu Deutsch: "außerhalb des Empfangsbereichs". Dabei befinde ich mich noch in der roten Zone, und die uniformierte Schülerin neben mir huscht weiter fröhlich mit ihren Fingern über die Tastatur - auf einem normalen Handy.

In Tokio begebe ich mich direkt vor den Kaiserpalast. Hier sollte der Empfang am besten sein. Das ist er zunächst auch, aber dann taucht immer wieder dieses verflixte "Kengai" auf. Doch ein bisschen asiatische Geduld und einige Körperdrehungen helfen - und bald bin ich wieder auf Empfang.

"Diesen Service gibt es erst im nächsten Frühjahr"

Jetzt würde ich am liebsten ein Video-Telefonat führen. Nur: mit wem? In der Hamburger Redaktion haben sie - zum Glück noch keine Video-Handys, mit denen sie ständig überprüfen könnten, wo ich gerade bin. Und in Japan müsste ich schon einen der übrigen 2400 stolzen Besitzer eines "P2101V"-Handys kennen.

Also spiele ich allein auf der Tastatur: Ich klicke auf "Menü" - rechts unten ist das Symbol für "Kamera", ich klicke noch mal und erblicke - mich, in Farbe! Wie bei einer Videokamera. Stolz speichere ich die Fotos ab und maile sie als Datei an meinen PC im Büro. Ob das wohl klappt?

Ich kann es kaum erwarten, zu Hause meine Mailbox zu öffnen. Unterwegs probiere ich zuvor noch aus, Musik aus dem Netz herunterzuladen. Das soll ja eine der großen Attraktionen von "3G" sein - riesige Datenmengen direkt aus dem Internet. Zur Probe surfe ich zu "Sony Music" und klicke den japanischen Schlager "Harahachibunme" an.

Erwartungsvoll stöpsele ich den Lautsprecher ins Ohr - nur Rauschen. Ich probiere es noch mal mit einer Radio-Site - "keine Verbindung", lautet die Schrift auf dem Display. Frustriert rufe ich den NTT-Docomo-Kundenservice an und werde beruhigt: Es liegt nicht an mir. Den Service könne man "praktisch erst im nächsten Frühjahr" anbieten, entschuldigt sich ein NTT-Docomo-Mann zerknirscht.

Dafür sind wenigstens meine Handy-Fotos im Büro-PC angekommen. Nun müssen die Japaner nur noch das mit den Video-Filmen per Handy hinkriegen - und den Empfangsbereich ausdehnen.

Bis dahin werde ich mich geduldig im roten Bereich von Frau Watanabes Landkarte bewegen und mich davor hüten, allzu heftig mit meinem neuen Handy herumzufuchteln.