Umweltsiegel "Blauer Engel" im Funkloch
Berlin - Zu runden Geburtstagen gehören Lobeshymnen, und der 25. des "Blauen Engels" machte da keine Ausnahme. "Es gibt wenige umweltpolitische Instrumente von so hoher Popularität", sagte Umweltminister Jürgen Trittin. 710 Unternehmen nutzten das Umweltzeichen für und 3.800 Produkte. Ein "Vorreiter für die ökologische Entwicklung" sei der Blaue Engel, sagte der Minister. Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamts, sieht in dem Abzeichen gar eine "Boje im Dickicht der Ökosiegel".
Bei so viel bildgewaltiger Sprachfinesse verwundert es beinahe, dass die Verantwortlichen auch von Inseln im Meer der Umweltengel-Akzeptanz sprechen. Und manche dieser Inseln sind veritable Kontinente. Da wären etwa die Hersteller von Autoreifen, die den Umweltengel alles andere als gern auf ihren Produkten sehen. Die Pneus müssen nämlich besonders lärmarm und spritsparend sein, um den Engel zu bekommen. In Zeiten, in denen Autohersteller mit immer leistungsstärkeren Motoren und Tankstellen mit Formel-1-Wundersprit werben, passen schmale Leisetreter weniger gut ins Bild als sportlich-breite Gummiwalzen.
Streit um Strahlungs-Grenzwert
Als übelste Sünder aber haben die Advokaten des Blauen Engels die Handy-Hersteller ausgemacht. Denn die weigern sich branchenübergreifend gegen den Umweltengel: In Deutschland gibt es nach Informationen des Bundesamtes für Strahlenschutz nicht ein einziges Mobiltelefon mit dem Umweltzeichen. Am Willen der Jury mangelt es nicht. Schon Mitte Juni vergangenen Jahres hat sich das Gremium entschieden, für strahlungsarme Handys den "Blauen Engel" zu vergeben.
Die Ablehnung kommt indes von den Herstellern. Im Anhörungsverfahren der Jury kam es vor allem über den Grenzwert zum Streit, den das Umweltbundesamt vorschlug und den die Jury Umweltzeichen schließlich festsetzte. Demnach kommen Handys mit einer maximalen Strahlungsintensität von 0,6 Watt pro Kilogramm für den Blauen Engel in Frage. Das gesetzliche Limit für die Strahlungsbelastung liegt dagegen bei zwei Watt pro Kilogramm. Nach einer Liste des Bundesamtes für Strahlenschutz lagen im September 2002 nur rund 20 Prozent der Mobiltelefone auf dem deutschen Markt unterhalb der 0,6-Watt-Grenze der Jury Umweltzeichen.
Angst vor Kunden-Ängsten
Bei den Herstellern dürfte das vor allem die Furcht auslösen, dass die Modelle ohne Blauen Engel den Kunden als "ungesund" gelten könnten. "Die Hersteller wollen nicht, dass ihre Produkte überhaupt mit dem Thema Gesundheit in Verbindung gebracht werden", sagt Gerd Billen, Vorsitzender der Jury Umweltzeichen und Geschäftsführer des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu). "Eine Produkt-Spezifikation ist auch nach ökologischen Gesichtspunkten unerwünscht." Der Standpunkt der Handy-Hersteller sei eindeutig: Alle Telefone sind gesund.
Dass ein niedriger Grenzwert dennoch sinnvoll ist, begründete die Jury Umweltzeichen mit Angaben der Strahlenschutzkommission, die zwar die gesetzlichen Grenzwerte für ausreichend hält, jedoch in "einzelnen Studien" Hinweise auf Gesundheitsschäden auch bei geringeren Strahlungswerten sieht und weitere Forschung anmahnt. Der Grenzwert von 0,6 Watt pro Kilogramm sei daher vor allem eine vorbeugende Maßnahme.
"Politisch, irreführend, verunsichernd"
Die Hersteller halten das für ausgemachten Unfug. Was von der Jury Umweltzeichen beschlossen wurde, führe "zur Fehlinformation und zur Verunsicherung des Nutzers", sagte Bitkom-Mitarbeiter Uwe Kullnick. Der gesetzliche Grenzwert sei vollkommen ausreichend und von der Weltgesundheitsorganisation akzeptiert. Das Umweltzeichen aber suggeriere dem Verbraucher, dass manche Handys gesünder als andere seien. "Es wurde aus politischen Gründen ein irreführendes Umweltsiegel durchgedrückt", argwöhnt Kullnick.
Mit der Politik könnten es die Handy-Hersteller eventuell wirklich zu tun bekommen. Umweltminister Trittin begrüßte schon im Juni 2002 die Grenzwert-Entscheidung der Jury Umweltzeichen - und war sich darin mit den Betreibern der Mobilfunknetze einig. Die hatten in einer freiwilligen Selbstverpflichtung zugesagt, bei den Handy-Herstellern auf Geräte mit geringen Strahlungswerten zu drängen. "Leider stellen die Netzbetreiber keine Handys her", sagt Billen. Der Umweltschützer wüsste allerdings einen Weg, wie die Handy-Hersteller zur Kennzeichnung ihrer Telefone gezwungen werden könnten: "Trittin müsste ein Gesetz auf den Weg bringen."