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Bauindustrie Ungewohnt grob

Aufregung in deutschen Baukonzernen: Die Sowjets wollen mit Bonner Milliarden Wohnungen von Türken bauen lassen.
• aus DER SPIEGEL 20/1991
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Zufrieden lehnte sich Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann in seinem Sessel zurück. Es laufe alles bestens, verkündete er im Frühjahr auf dem Rückflug von Moskau.

Möllemann irrte, es lief einiges schief. Helle Aufregung herrschte vergangene Woche in Bonn, als die Sowjets ihre Pläne offenbarten: Nicht deutsche Baukonzerne, wie Möllemann nach seinen Verhandlungen in Moskau erwartet hatte, sondern Türken und Finnen sollten Wohnungen in der Sowjetunion hochziehen - mit deutschem Geld.

»Eine dilettantische Verhandlungsführung des Wirtschaftsministers«, kritisierte Matthias Wissmann, der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU/ CSU-Fraktion. Hermann Becker, Präsident des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie und Vorstandssprecher des Branchenführers Philipp Holzmann, war, wie ein Mitarbeiter berichtet, »wie vor den Kopf gestoßen«.

Bonn spendiert der Sowjetunion 7,8 Milliarden Mark, damit 36 000 Wohnungen für die aus Ostdeutschland abziehenden Sowjet-Soldaten gebaut werden können. Mit dem Milliardengeschenk honorieren die Deutschen die schnelle Räumung sowjetischer Kasernen in der ehemaligen DDR.

Für Bonn wie für die westdeutsche Bauindustrie war von Anfang an klar, daß der größte Teil des Geldes an heimische Firmen fließt. Mit dem deutschen Geld sollten, logo, deutsche Firmen die Wohnungen im Osten bauen (SPIEGEL 16/1991). Sie wollten überdies für eine komplette Infrastruktur sorgen: Straßen und Kindergärten, Kanalisation und Fernwärmeversorgung.

Doch den Russen wurde der deutsche Wunsch offenbar nicht deutlich genug nahegebracht. Sie möchten für die deutschen Milliarden neben den vereinbarten 36 000 Wohnungen möglichst viele Bauten für ihre Infrastruktur haben und entschieden sich deshalb für die günstigsten Anbieter: Drei türkische Firmen und ein türkisch-finnisches Konsortium sollen die erste Tranche des Großprojekts bewältigen - rund 4500 Wohnungen an vier verschiedenen Standorten.

»Skandalös« nennt Bauindustrie-Präsident Becker diese Entscheidung; die Bundesregierung habe den »kardinalen Fehler« begangen, das Projekt international _(* In Saratow an der Wolga. ) ausschreiben zu lassen. »Die Russen«, so ein Wirtschaftsbeamter, »haben einseitig auf den Preis gesehen.«

In ungewohnt grober Form kritisierte Regierungssprecher Dieter Vogel den sowjetischen Beschluß, den »das Kabinett keineswegs hinnehmen wird«. Akzeptabel sei, so Heiko Stiepelmann vom Hauptverband der Bauindustrie, daß auch ausländische Firmen zum Zuge kämen. Daß aber kein einziges deutsches Unternehmen berücksichtigt werden sollte, sei nicht einzusehen: »Das Vier-zu-Null-Ergebnis war schon ein harter Schlag.«

Nur einer blieb gelassen. Jürgen Möllemann, auf Staatsvisite in Washington, kommentierte am Mittwoch vergangener Woche: »Die Türken und die Finnen haben die besten Angebote abgegeben.« Nach dem Bonner Verständnis von Freihandel und Wettbewerb müßten die Sowjets eigentlich den Türken und Finnen deshalb auch den Zuschlag erteilen. »Aber«, so fügte der Wirtschaftsminister nach einer langen Pause hinzu, »die geben ja schließlich unser Geld aus.« Und das wird überwiegend an deutsche Firmen fließen.

Tatsächlich haben sich die Sowjets noch keineswegs festgelegt. Nur in einem Brief an die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Frankfurt ließen sie wissen, sie würden gern den ersten Auftrag über 4500 Wohnungen an die türkischen und finnischen Firmen vergeben.

Die KfW spielt bei dem deutsch-sowjetischen Wohnungsprojekt eine wichtige Rolle: Die Staatsbank soll die Gelder an die Baufirmen auszahlen, sie entscheidet auch mit, welche Firmen am Bau beteiligt werden dürfen.

Die Kreditanstalt wird kaum zulassen, daß alle Anträge an Ausländer gehen. Der Auftraggeber, das Moskauer Verteidigungsministerium, kann gar nicht nach Gutdünken entscheiden.

So wurde die erste Ausschreibung der Sowjets vom Dezember vergangenen Jahres schnell gekippt. Moskau hatte weltweit Angebote von Billiganbietern eingesammelt. Dann setzten die Deutschen eine Bedingung durch: Die Bewerber mußten erst einmal nachweisen, daß sie in der Lage sind, ein derart schwieriges Großprojekt an zwei Dutzend verschiedenen Standorten westlich des Ural zügig durchzuziehen.

Damit waren viele lästige Konkurrenten aus Ländern wie Portugal, Polen, Rumänien oder Bulgarien weg. Sie konnten die wichtigsten Voraussetzungen nicht erfüllen: eine jährliche Bauleistung von wenigstens 500 Millionen Mark und mindestens zehnjährige Erfahrungen mit dem Wohnungsbau im Ausland.

So blieben von 50 Bewerbern in der Endauswahl für die erste Tranche nur 24 Konsortien übrig: 11 deutsche Gruppen und Bewerber aus Italien, Frankreich, Schweden, Finnland und der Türkei. Die Vor-Auswahl traf das Ingenieurbüro Dorsch Consult in München, die Moskauer Dorsch-Niederlassung berät die Sowjets bei der engeren Auswahl.

Der deutschen Bauindustrie wäre eine rein nationale Ausschreibung am liebsten gewesen. »Das könnte denen so passen«, spottet ein hoher Beamter im Hause Möllemann über die Baufirmen, die den gewaltigen Auftrag gern unter sich ausgemacht hätten.

Die internationale Ausschreibung hatte vor allem den Zweck, die deutschen Unternehmen zu einer schärferen Kalkulation zu zwingen und die beliebten Kartell-Absprachen zu unterbinden. Dafür sorgten vor allem die türkischen Firmen, die schärfsten Konkurrenten der Deutschen.

Vor denen hat die deutsche Bauindustrie Respekt, auch wenn sie »nicht ganz an den westdeutschen Standard herankommen«, wie Verbandssprecher Stiepelmann mäkelt. Die Türken bauen zu extrem günstigen Preisen, sie kennen die sowjetischen Baunormen, und sie haben bereits Wohnsiedlungen in der Ukraine errichtet.

So werden für die vier türkischen Konsortien, die in die Vorauswahl gelangt sind, mit Sicherheit einige Aufträge abfallen. Die Sorgen der Bonner jedoch, daß deutsche Firmen zu kurz kommen könnten, sind unbegründet.

Gleich nach Pfingsten werden, wieder einmal, Bonner Wirtschaftsministeriale nach Moskau fliegen. Ein Delegationsmitglied umschreibt seine Aufgabe: »Wir müssen die Arbeit der Sowjets koordinieren.« o

* In Saratow an der Wolga.

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