VERBÄNDE Unheimlich unterschätzt
Dieser sonnige Februartag hätte der große Tag des Hans Peter Stihl werden können: Rechtzeitig zum letzten öffentlichen Auftritt des Verhandlungsführers der baden-württembergischen Metallarbeitgeber hatten die Tarifparteien ein kompliziertes, aber zukunftsweisendes Vertragswerk unterzeichnet, das sie im schwäbischen Fellbach präsentierten.
Doch die Hauptperson schwieg. Als ginge ihn das alles gar nichts an, starrte Stihl ins Nichts. Seine Züge zeigten keine Regung, seine Hände spielten mit dem Feuerzeug.
Dabei wäre der »Lohn- und Gehaltsrahmen-Tarifvertrag I«, der erstmals die Qualifizierung der Beschäftigten regelt, kaum zustande gekommen, hätte Stihl sich nicht jahrelang bemüht, das frostige Klima zwischen Metallarbeitgebern und IG Metall (IGM) zumindest in Baden-Württemberg aufzutauen. In den eigenen Reihen hat er intensive Überzeugungsarbeit geleistet.
Erst als Stihl auf der Veranstaltung in Fellbach ausdrücklich um einen Kommentar gebeten wurde, ergriff er das Wort, sagte aber nichts weiter, als daß er nichts weiter sagen wolle. Und daß er »sehr froh« sei.
So spricht und so gibt sich ein Mann, der künftig kraft Amtes für die deutsche Wirtschaft sprechen soll. Stihl wird am 3. März zum Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) und damit zum Nachfolger des eloquenten Otto Wolff von Amerongen gewählt.
Wieder macht, wie 1980 bei Stihls Wahl zum Vorsitzenden des Verbandes der Metallindustrie Baden-Württemberg, der Kalauer vom neuen Stil, der nun Einzug halte, die Runde. Doch im Wortwitz, so abgegriffen er sein mag, steckt Wahrheit.
Große Sprüche sind Stihls Sache nicht, große Gesten schon gar nicht. »Emotionslos« nennen ihn manche, als »beherrscht« beschreibt er sich selbst - und verzieht dabei, immerhin, den Mund zu einem leichten Lächeln.
Seine Zurückhaltung wird oft als Schüchternheit interpretiert, seine Verbindlichkeit mit Schwäche verwechselt. Auch der bedächtig klingende schwäbische Tonfall täuscht: Stihl wird, meinen Gegner wie Freunde, oft »unheimlich unterschätzt«.
Das war schon so, als Stihl 1980 den heutigen AEG-Chef und Daimler-Vorstand Heinz Dürr in der Führung der baden-württembergischen Metallarbeitgeber ablöste. Gegen seinen damaligen Widersacher Franz Steinkühler, den telegenen und geschliffen argumentierenden Stuttgarter Bezirksleiter der IG Metall, wirkte der schwäbische Mittelständler blaß und unbeholfen.
Die Skeptiker schienen recht zu behalten. Schon ein Jahr später, in seiner ersten Tarifrunde, ließ sich Stihl, so sahen es zumindest die Falken im Dachverband Gesamtmetall, von Steinkühler über den Tisch ziehen. Tatsächlich war der Neuling eigenmächtig von der Verbandslinie abgewichen, hatte ein zehntel Prozent mehr Lohn akzeptiert und damit den Tarifstreit beendet.
Stihl erhielt einen Rüffel und einen Aufpasser zur Seite. Verändert hat ihn das nicht: Der entscheidungsfreudige Tatmensch haßt Taktiererei, das ewige Gefeilsche zwischen den Tarifvertragsparteien und die endlosen Abstimmungen in den eigenen Reihen.
Geändert haben sich freilich die Ansichten über ihn. Gesamtmetall bot ihm 1985 sogar die Präsidentschaft an. Stihl lehnte dankend ab - im Tarifgeschäft läßt sich vor Ort mehr bewegen.
Bewegt hat er tatsächlich einiges. Nach einem siebenwöchigen Streik im Jahre 1984 schaffte die IG Metall zwar eine Arbeitszeitverkürzung, aber sie mußte auch eine Flexibilisierung hinnehmen,
wie sie die Unternehmer wünschten. Das rechnet sich Stihl als Verdienst an.
Schon kurz nach dem Streik begann Stihl damals, die Beziehungen zu seinen Gegenspielern zu pflegen. Regelmäßig traf er sich zum Meinungsaustausch mit dem Stuttgarter Bezirksleiter Ernst Eisenmann, gelegentlich auch speiste er mit dem IGM-Vorsitzenden Steinkühler.
Im eigenen Lager gab Stihl unumstritten den Ton an, der Gegner zollte ihm zunehmend Respekt. »Er ist mit der Aufgabe gewachsen«, meint Eisenmann-Nachfolger Walter Riester.
Sein Hauptberuf, die Führung des Familienunternehmens, lastet den Mann, der sich eine »straffe Zeitökonomie« und »die Fähigkeit zur Delegation von Aufgaben« zuschreibt, offensichtlich nicht aus. Ohnehin scheint die Zeit der großen Expansion für den Motorsägenhersteller Andreas Stihl aus dem württembergischen Waiblingen vorbei zu sein. Der Umsatz, der 1985 erst- und einmalig die Milliardengrenze überschritt, fiel in den beiden Folgejahren dollarbedingt wieder knapp darunter.
Als der Diplomingenieur Hans Peter Stihl 1973 die Firma übernahm, die Vater Andreas 1926 mit zwei Mitarbeitern gegründet hatte, lag der Umsatz noch bei 222 Millionen Mark. Die »stürmische Aufwärtsentwicklung« der vergangenen 15 Jahre verdankt das Unternehmen, glaubt Stihl, vor allem seiner »konsequenten internationalen Standortpolitik«.
Schon 1973 errichtete der Schwabe, aus Furcht vor dem drohenden Protektionismus der Südamerikaner, ein Werk in Brasilien. Ein Jahr später folgte eine Produktionsstätte in den Vereinigten Staaten, dem größten Markt für Motorsägen. In Australien montiert Stihl Sägenteile, weil die Zölle für komplette Produkte hoch sind.
Besonders die Investition in den USA zahlt sich heute aus. In Virginia Beach produziert Stihl Hobbysägen für den gesamten Weltmarkt. Die Profisägen werden dagegen in Waiblingen hergestellt und von dort exportiert.
Um von Währungsschwankungen unabhängiger zu werden, will Stihl einen weiteren Teil der Produktion nach Nordamerika verlagern. Zugleich wird daheim weiter automatisiert. Das, meint Stihl, »gehört in einem Hochlohnland wie der Bundesrepublik zur Überlebensstrategie«.
Stihl gilt als aufgeklärter Unternehmer. Anders als der Vater, ein polternder Patriarch, der sich mit der Institution Betriebsrat nie anfreunden konnte, pflegt der Erbe den Umgang mit dem langjährigen Betriebsratsvorsitzenden Georg Weinmann in monatlichen Sitzungen.
Das gute Klima ging auch während des Arbeitskampfes 1984 nicht zu Bruch. Der Betrieb des Arbeitgeberführers mußte damals, auf Geheiß der IG-Metall-Zentrale, als einziges Unternehmen außerhalb der Automobilindustrie bestreikt werden. Prompt sperrte Stihl seine Beschäftigten aus.
Die »Stihler«, wie die Mitarbeiter genannt werden, können sich über Genußrechte am Unternehmen beteiligen. Mit mehr Mitbestimmung ist das allerdings nicht verbunden. Davon hält Stihl wenig. Er spricht gern von der Mitbestimmung des einzelnen am Arbeitsplatz »durch praktische Weitergabe von Verantwortung«.
Die Mitarbeiterbeteiligung, so glaubt Stihl, »stärkt den Gedanken der Partnerschaft im Betrieb«. Weil sie mit mehr Information verbunden sei, »wächst in der Belegschaft mit Sicherheit das Verständnis für unternehmerische Entscheidungen«. So ließen sich »die sozialen Gegensätze entschärfen und unser Wirtschaftssystem sichern«.
Das treibt Stihl an. Die Verantwortung des Unternehmers - er nimmt sie ernst. Die soziale Marktwirtschaft als beste aller möglichen Wirtschaftsformen - er glaubt daran.
Für solche Ansichten wird der neue Lobbyist der deutschen Wirtschaft künftig ein internationales Podium und mehr Publikum finden. Sein Landesvater Lothar Späth hat ihn kürzlich schon Parteichef Michail Gorbatschow vorgestellt.
Das schmeichelt auch einem schwäbischen Mittelständler. Daß er darüber, wie sein Vorgänger Otto Wolff, das eigene Unternehmen vernachlässigt, ist kaum zu befürchten: In Waiblingen fällt nach wie vor keine wichtige Entscheidung ohne den Chef.