Unruhe in US-Unternehmen: Chefbunker werden löchrig - DER SPIEGEL
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Unruhe in US-Unternehmen Chefbunker werden löchrig

In den Chefetagen der US-Unternehmen wird es eisiger: Firmenchefs sind nicht länger immun gegen Kritik - und Rausschmiss. Schneller als bisher verschicken die früher handzahmen Verwaltungsräte Kündigungsschreiben an Bosse - wie jüngst die Chefaufseherin von HP.
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New York - In "The Apprentice", Donald Trumps Reality-Serie um unternehmerischen Erfolg und Misserfolg, enden alle Illusionen im Boardroom. Das vermeintliche Allerheilige des Trump-Konzerns - in Wahrheit eine TV-Kulisse im vierten Stock des Trump Towers - ist Folterkammer und Krönungssaal zugleich, ein Symbol kaiserlicher Allgewalt: unantastbar, unwiderrufbar. Hier spricht Trump stets das letzte Wort: "You're fired!" oder "You're hired!"

Doch die Realität sieht, wie so oft im Reality-TV, etwas anders aus. Die Boardrooms amerikanischer Unternehmen, die Direktorate und Verwaltungsräte also, sind längst nicht mehr das, was sie mal waren, nämlich geheimnisumwitterte, über allen Zweifeln erhabene Machtzentren, die nur die Worte ihres Firmenchefs diskussionslos absegnen und deren Unterlinge abkanzeln. Im Gegenteil: Die obersten Top-Manager sind heute genau so betriebswirtschaftliches Freiwild wie alle anderen Mitarbeiter auch. Wer nicht spurt, fliegt raus - selbst aus den eigenen Reihen.

So knallhart gilt diese Devise neuerdings, dass das "Wall Street Journal" schon von einer "beispiellosen Periode des Aufruhrs in den Boardrooms Amerikas" spricht. In einem Land, dessen Wirtschaftsgeschichte auf knorrigen Charakteren und Legenden fußt (Rockefeller, Ford, Buffett, Gates), ist das in der Tat eine bemerkenswerte Entwicklung. Patty Dunn, die Verwaltungsratschefin des Computerkonzerns Hewlett-Packard   (HP), ist da nur das jüngste Beispiel in einer langen Kette hochkarätiger Boardroom-Massaker, die die Wall Street in den vergangenen Wochen und Monaten in Atem hielt.

Am Mittwoch kommender Woche wird sich sogar der US-Kongress mit dem eskalierenden Fall HP befassen: Der Energieausschuss des Repräsentantenhauses hat - die noch bis Jahresende amtierende - Dunn vorgeladen, auf dass sie erkläre, weshalb sie Verwaltungsräte, einen Pressesprecher und etliche Journalisten illegal bespitzeln ließ.

"Eine Revolution bahnt sich an"

Dunn erlebt, was andere schon vor ihr spürten: Die US-Chefetagen sind keine sturmsicheren Bunker mehr. Pharmariese Bristol-Myers Squibb   feuerte jetzt seinen CEO Peter Dolan samt Chefsyndikus Richard Williard, wegen generell miserabler Leistung, eines dubiosen Patent-Deals und des andauernden Kursknicks der Bristol-Aktie. Das Board tat das nicht freiwillig, sondern wurde dazu gezwungen - von einem außenstehenden Aufseher, den ein Gericht dem Konzern aufgebrummt hatte, nachdem der sich bei Preisabsprachen hatte erwischen lassen.

Die Liste der "freigesetzten" US-Konzernchefs ist voller illustrer Namen - und wird wöchentlich länger. Tom Freston von Viacom, der MTV-Erfinder, dem sein eigener Boss, Chairman Sumner Redstone, kürzlich die rote Karte zeigte. Ford  -Erbe Bill Ford, der sich vorsichtshalber als CEO selbst feuerte. Disneys Michael Eisner, abserviert vom Board und den Aktionären. Harry Stonecipher bei Boeing  , gestolpert über eine schlüpfrige Affäre am Arbeitsplatz. Hank Greenberg beim Versicherer AIG, Franklin Raines bei Fannie Mae, Philip Purcell bei Morgan Stanley  , Ray Gilmartin bei Merck  , Hank McKinnell bei Pfizer  . Nicht zu vergessen Carly Fiorina, auch vormals HP, deren klandestine Rolle beim jetzigen HP-Skandal noch unklar ist.

"Eine Revolution bahnt sich an", schreibt der Kolumnist Alan Murray. "Unternehmen sind keine Autokratien mehr." Das lässt sich sogar mit Zahlen belegen: Einer Studie der Consulting-Firma Booz Allen Hamilton zufolge lag die "turnover rate", also die personelle Fluktuationsrate für amerikanische CEOs, im letzten Jahr bei 16 Prozent - fünf Prozentpunkte höher als 1995. Zugleich ist das Image der Top-Manager in den Keller gestürzt: In einer aktuellen Gallup-Umfrage hielten nur noch 16 Prozent der Befragten US-Firmenchefs generell in "hohem" Ansehen; vor fünf Jahren waren's noch 25 Prozent gewesen.

Ursache dafür sind zu allererst die großen Unternehmensskandale, deren Aufdeckung 2001 begann: Enron, WorldCom, Adelphia, HealthSouth, Tyco, AIG  , KPMG et cetera. In Folge wurden die Verwaltungsräte immer unabhängiger von der Unternehmensführung: Sie werden plötzlich nicht mehr vom CEO allein ernannt, sondern von separaten Komitees, die sie gerne mit Outsidern besetzen. Board- und Firmenvorsitz sind auch immer seltener in einer Hand. In dieser Hinsicht ist die jüngste HP-Affäre allerdings ein Rückschritt: Nach Dunns Abtritt soll CEO Mark Hurd wieder beide Posten zugleich bekleiden.

Der Wandel vollzog sich auf Druck der Politik - und der Aktionäre. Vor allem institutionelle Investoren, etwa die Pensionsfonds der US-Bundesstaaten oder reiche Hedgefonds, begannen nämlich zu grummeln und sich mit Shareholder-Anträgen Gehör zu verschaffen. Eine solche Revolution von innen wurde zum Beispiel auch Disney-Chef Eisner zum Verhängnis: Nachdem ihm 45 Prozent der Aktionäre das Vertrauen entzogen hatten, verlor der erst seinen Titel als Board-Vorsitzender und trat dann auch als CEO ab.

Verschärfte Kontrollen durch Behörden

Eine weitere Konsequenz der Skandale ist die verschärfte Ermittlungslust der staatlichen Kontrollbehörden. Allein in 2005 ging die Börsenaufsicht SEC nach eigenen Angaben insgesamt 76.221 Fällen mutmaßlichen Unternehmens-, Börsen- oder Handelsbetrugs nach - vier Prozent mehr als im Vorjahr. Kein Wunder, dass sich die Boards absichern und den CEOs schärfer auf die Finger schauen. Besessene Fahnder äugen dabei auf höhere Weihen, etwa New Yorks Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer, dem seine rastlosen Prozesse gegen Wall-Street-Gauner jetzt zur Kandidatur für das Gouverneursamt verholfen haben.

Nicht alle freuen sich über die jüngsten Board-Turbulenzen. "Man wundert sich, wer hier die Entscheidung traf und ob sie wirklich im besten Interesse der Aktionäre war", sagte Paul Hodgson von der Researchfirma Corporate Library der Agentur Reuters zum Fall Dunn. "Es bedarf nur fünf oder sechs solcher Fälle", sekundierte Money-Manager Jim Huguet, "und die Investoren verlieren das Vertrauen." Bisher jedoch hielt die HP-Aktie auffallend still.

Den Abservierten kann das im Prinzip alles egal sein. Sie sind den Ärger los - und haben sich daran meist auch noch eine goldene Nase verdient. So warf Pfizer seinem CEO Hank McKinnell sage und schreibe 83 Millionen Dollar Abfindung in den Zwangsruhestand hinterher.

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