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Welthandel Unter Druck

Auf der Welthandelskonferenz in Santiago de Chile fordern die Entwicklungsländer grundlegende Reformen am Weltwirtschaftssystem, das die Kluft zwischen armen und reichen Nationen unaufhörlich vertieft.
• aus DER SPIEGEL 18/1972
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Wir treten hier nicht als Ankläger und Angeklagte zusammen«, beschwor Bonns Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller am vorletzten Freitag auf der Unctad III, der dritten Uno-Konferenz für Welthandel und Entwicklung, die Habenichtse aus Asien, Afrika und Lateinamerika, »sondern wir versammeln uns als Mitglieder einer großen Familie.«

Doch derartige Anbiederungsversuche hatte der Gastgeber des globalen Treffens, Chiles sozialistischer Präsident Salvador Allende, bereits am Tag zuvor zurückgewiesen. Der linke Südamerikaner nannte die gegenwärtige Weltwirtschaftsordnung »überholt und radikal ungerecht« -- ein System, in dem mit »den Ressourcen der ärmeren Nationen der Reichtum der Überflußgesellschaften bezahlt wird«.

Schon die Wahl des Allende-Amtssitzes Santiago zum Tagungsort des Treffens war ein Symbol der Anklage und des Kampfes. Gegen die Stimmen der Industriestaaten, die lieber in der sterilen Genfer Atmosphäre konferieren wollten, wählten die Entwicklungsländer die Hauptstadt jenes Südamerikaners, der den reichen Ländern, die ständig auf Kosten der Armen immer wohlhabender werden, durch Enteignung der fremden Firmen in Chile den Kampf angesagt hatte.

»Santiago«, schrieben chilenische Zeitungen, sei nun »die Hauptstadt der Dritten Welt«. In nur neun Monaten hatte Präsident Allende ein pompöses Kongreßzentrum aus dem Boden stampfen lassen -- mit einem 24stöckigen Hochhaus für die Büros der Delegierten, mit großzügig dekorierten Aufenthaltsräumen und Restaurants, mit einem Plenarsaal, dessen luxuriöse Ausstattung das Uno-Gebäude in New York übertrifft.

In dem Mammutbau werden sechs Wochen lang die Abgesandten von 141 Industrie- und Entwicklungsländern über Zölle und Rohstoffpreise, über die Neuordnung des Weltwährungssystems und über die Macht der internationalen Konzerne debattieren. Bonns Chef-Ökonom Schiller urteilte geringschätzig: »Da rotten sich Horden von Experten wochenlang zusammen.«

Das wochenlange Palaver wird ergebnislos bleiben. Denn als Unterorganisation der Vereinten Nationen kann die Unctad keine bindenden Beschlüsse fassen.

Dennoch ist das Mammuttreffen nicht ohne Wert: Auf der Unctad, der einzigen regelmäßig veranstalteten weltweiten Handelskonferenz, in der

alle Teilnehmer gleichberechtigt sind, haben die Entwicklungsländer eine Chance, durch solidarische Aktion die Industriestaaten unter Druck zu setzen. »Da die ganze Welt nach Santiago blickt«, meint Schillers Geld- und Kreditexperte Dieter Hiss, »verfügen die Entwicklungsländer dort über eine besondere Verhandlungsmacht.«

Mit einigen Besänftigungsgaben für die Armen war denn auch Karl Schiller in das Reich Allendes geflogen. So schlug er vor, bei der Verteilung von Sonderziehungsrechten des Internationalen Währungsfonds -- einem Kunstgeld, das einmal den Dollar als Reservewährung ablösen soll -- die Entwicklungsländer demnächst »stärker zu berücksichtigen«. Schiller ist allerdings nicht bereit, die Sonderziehungsrechte unmittelbar mit der Entwicklungshilfe zu koppeln, wie es die armen Nationen fordern. Denn er fürchtet, es würde dann allzuviel Kunstgeld geschaffen und so die Inflation noch beschleunigt.

Als einziger Vertreter der Industriestaaten gab der Deutsche eine Zinssenkung für Hilfs-Kredite bekannt. Und den 25 ärmsten Staaten der Welt machte Bonns Wirtschaftschef ein Extra-Präsent. Sie erhalten Leihgeld künftig fast zum Nulltarif: Bonn berechnet nur noch einen symbolischen Zinssatz von 0,75 Prozent. Amüsiert erkundigte sich Schillers französischer Kollege Valéry Giscard d'Estaing nach Bekanntgabe dieser Konditionen: »Kann ich nicht auch so einen Kredit haben?«

Freilich, auch die günstigsten Kredite helfen den Unterprivilegierten nicht aus ihrer Misere, solange die Wohlhabenden Rohstoffe weiterhin zu Schleuderpreisen beziehen können. »Ohne eine Wende in der Handelspolitik«, erklärte Bonns Entwicklungshilfeminister Eppler, »wird auch verstärkte Entwicklungshilfe verpuffen.«

Die Hauptursache der Malaise: Während die Nachfrage nach Rohstoffen auf den Weltmärkten nur langsam wächst, floriert das Geschäft mit Fertigerzeugnissen. Die Entwicklungsländer fallen dadurch im Welthandel immer weiter zurück: Ihr Anteil sank von 21,3 Prozent im Jahr 1960 auf 17,6 Prozent im vorletzten Jahr.

Mit ihren Erlösen aus dem Verkauf von Erzen, Kaffee, Kakao und Kupfer können sich die Staaten der Dritten Welt von Jahr zu Jahr weniger kaufen. So stiegen zwar die Exporte der Entwicklungsländer zwischen 1955/56 und 1968/69 um 32 Prozent, doch wegen des Preisverfalls auf den Rohstoffmärkten kamen dabei nur 13 Prozent mehr Devisen in ihre Kassen.

Schlimmer noch: Da im gleichen Zeitraum die von den Entwicklungsländern importierten Industrie-Erzeugnisse um 15 Prozent teurer wurden, verfügten die Armen trotz der Steigerung ihrer Ausfuhren 1968/69 über 30 Prozent weniger internationale Kaufkraft als 13 Jahre zuvor. »Es ist ein Skandal«, ereiferte sich sogar der konservative Papst Paul, »daß die reichen Länder zu den niedrigsten Preisen die Produkte der armen Länder kaufen und ihre eigenen Produkte diesen armen Ländern zu sehr hohen Preisen verkaufen.«

Seit Jahren schon mühen sich die Asiaten, Afrikaner und Südamerikaner, diesen fatalen Markt-Mechanismus zu durchbrechen. Ihr Ziel: Internationale Rohstoffabkommen sollen ihnen für Agrarerzeugnisse oder Erze feste Preise garantieren. Doch nur für Kaffee, Zucker, Zinn und Olivenöl gibt es halbwegs funktionierende Vereinbarungen.

Uneinigkeit unter den Entwicklungsländern über die Verteilung von Exportquoten und die Ablehnung vieler Industriestaaten, den Armen feste Rohstoffpreise zu garantieren, verhindern weitere Abkommen. Für eingeschworene Marktwirtschaftler wie den Bonner Wirtschaftsminister Schiller etwa ist es »eine Illusion, daß mit den Methoden der Preisregulierung etwas zu erreichen ist«. Schiller schlägt statt dessen vor, die Entwicklungsländer sollten durch beschleunigten Ausbau von Gewerbe und Industrie unabhängiger werden von dem wenig lukrativen Rohstoffverkauf.

Sosehr die liberale Schiller-Alternative auch in der Theorie besticht -- in der Praxis half sie bislang nicht weiter. Denn nicht zuletzt wegen der geringen Erlöse aus ihren Rohstoffexporten besitzen die Länder der Dritten Welt zuwenig Kapital für den Aufbau.

Überdies blockieren die wohlhabenden Nationen eine grundlegende Veränderung des neokolonialen Status quo in der Weltwirtschaft durch eben den Protektionismus, den Schiller den Armen verwehren will. Trotz aller entwicklungspolitischer Lippenbekenntnisse schirmen sie ihre Märkte durch Zollmauern gegen Industrieerzeugnisse aus den Entwicklungsländern ab.

Konsequent bestrafen die Industriestaaten die armen Nationen, wenn diese ihre Rohstoffe selbst bearbeiten: Der Zoll steigt mit dem Veredelungsgrad. So lassen die USA Häute ohne Grenzabgaben ins Land, für Leder verlangen sie einen fünfprozentigen Zoll, für Schuhe dann gar zehn Prozent. »Das ist diskriminierend«, erregte sich Weltbankpräsident McNamara in Santiago.

Die Diskriminierung im Welthandel belastet die Minderbemittelten mit einer weiteren Bürde, die immer drückender wird: Viele Länder der Dritten Welt sind kaum noch fähig, die schon erhaltenen Entwicklungshilfe-Kredite zurückzuzahlen.

So hat das westafrikanische Ghana neue Kredite aufgenommen, um alte Schulden bei Engländern, Deutschen und Amerikanern zu begleichen. Die Brüsseler EWG-Kommission ermittelte, daß die Länder der Dritten Welt bereits 1980 die gesamte Entwicklungshilfe für die Zurückzahlung dann fälliger Leihgelder benötigen.

»Die Entwicklungsländer sind schon mit über 70 Milliarden Dollar verschuldet«, klagte Unctad-Gastgeber Allende in seiner Eröffnungsrede, »obwohl wir seit undenklichen Zeiten zum Wohlstand der reichen Völker beigetragen haben.« Der Chilene zierte sich auch nicht, am Beispiel seines Landes »die Ernsthaftigkeit der Lage« darzustellen: Allein in diesem Jahr müsse Chile 408 Millionen Dollar zurückzahlen -- 34 Prozent seines Volkseinkommens.

Bei den Umschuldungsverhandlungen, die vergangene Woche in Paris begannen, will Allende einen Aufschub aushandeln. Einen der Hauptgläubiger hatte er zuvor zum separaten Gespräch gebeten: Bonns Wirtschaftsminister Schiller, den er in dem Vorgespräch aus der Phalanx der Gläubigerländer ausbrechen wollte.

In seinem Amtssitz, dem Palacio de la Moneda, schmeichelte Allende dem Deutschen: »Sie sind ein bekannter Ökonomie-Professor, und ich bin nur ein kleiner Landarzt.« Dann kam der Präsident zur Sache: »Wir wollen zahlen, wir werden auch zahlen, doch wir bitten um Aufschub.«

Karl Schiller jedoch mochte dem Präsidenten keine Zusagen machen. Statt dessen hielt er dem Chilenen vor, was ihm seine Referenten als Gesprächsunterlagen mitgegeben hatten: Aktennotizen über deutsche Tochterfirmen in Allendes Andenstaat, die, wie etwa die Farbenfabrik und Preussag-Tochter Ceresita und die chilenische Rodenstock-Niederlassung, besetzt oder beschlagnahmt worden waren.

Angesicht dieser Attacken auf deutsches Eigentum zeigte der Sozialdemokrat Schiller wenig Verständnis für die Verwirklichung von Allendes Sozialismus, den der chilenische Präsident vor den Unctad-Delegierten als »neuen Weg« für die Dritte Welt angepriesen hatte. Schiller: »Man kann doch nicht deutsche Unternehmen verstaatlichen und dafür auch noch Geld verlangen.«

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