Unter Räubern - DER SPIEGEL
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Unter Räubern

Ein deutscher Fabrikant, der allzu gutgläubig in der Türkei investiert hatte, zahlte reichlich Lehrgeld. Er mußte hilflos zusehen, wie Betrüger seinen Betrieb verkauften.
• aus DER SPIEGEL 36/1979
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach den Erkenntnissen. die Niedersachsens Finanzminister Walther Leisler Kiep verbreitete, müßte Konserven-Fabrikant Helmut Geerds geradezu das Muster eines weitsichtigen deutschen Unternehmers sein.

Niedersachse Geerds hatte schon vor 16 Jahren genau das getan, was sich sein Landes-Finanzminister -- vor kurzem noch im Nebenberuf Sonderbeauftragter des Bundeskanzlers für die zahlungsunfähige Türkei im nachhinein von weitaus mehr deutschen Unternehmern wünschte: Er hatte einen Produktionsbetrieb in der Türkei eröffnet.

»Es wäre alles sehr viel einfacher«. so Nothelfer Leisler Kiep während seiner Türkei-Mission, »wenn wir vor zehn oder zwanzig Jahren einen Teil unserer Produktion zu den Arbeitskräften verlegt hätten, anstatt die Arbeitskräfte zu den Produktionen zu holen.«

Doch Gecrds? Türkei-Engagement ist ein Lehrstück dafür, wie es einem deutschen Mittelständler ergehen kann, wenn er die heimischen Erfolgsrezepte auch draußen in der weiten Welt ausprobieren will. Die traurigen Erfahrungen des Helmut Geerds mögen zu einem 1 eil erklären, warum detitsche Unternehmer lieber die Arbeitskräfte ins Land holen als ihr Kapital nach Anatolien schaffen.

Zunächst hatte sich das 1963 gestartete Türkei-Unternehmen des Deutschen durchaus erfolgversprechend angelassen. Schon wenige Wochen nach Geerds? Antrag erteilte der türkische Ministerrat dem deutschen Unternehmer die Lizenz, »von den in unseren Wäldern von selbst wachsenden verschiedenen Pilzarten Konserven herzustellen« und »diese in den Zustand von Exportware zu versetzen«.

Unmittelbar darauf erwarb Geerds ein Stück Land an der Straße von Istanbul nach Ankara in der Nähe der Provinzhauptstadt Bolu und zog dort noch im gleichen Jahr eine Konservenfabrik mit eigener Wasserversorgung und eigenen Transformatoren hoch.

Dem Türkei-investor kam die Erfahrung zugute, die er sich heim Aufbau zweier Pilz- und Gemüsekonservenfabriken (Markenname: »Rübezahl-Konserven") in den wendländischen Dörfern Zernien und Clenze erworben hatte.

Reibungslos lief zunächst auch die Versorgung mit den Naturprodukten für diese erste Pilzkonservenfabrik in der Türkei an. Aus den Erzählungen eines Großonkels, der einst das Post- und Telegraphenwesen in der Türkei nach deutschem Muster reorganisiert und dort in seiner Freizeit Pilze gesammelt hatte, wußte Geerds, daß in den Wäldern Anatoliens massenhaft Pfifferlinge wachsen,

Der deutsche Pilzkenner warb daher einheimische Frauen als Sammlerinnen an, indem er mit den Etiketten für seine Pfifferling-Konserven durch die umliegenden Dörfer zog. Die Türkinnen, die zuvor noch nie nach Pilzen gesucht hatten, waren von dem neuen Job begeistert und deckten Geerds reichlich mit Pfifferlingen ein. Das Geschäft mit den für den deutschen Markt bestimmten Pilzkonserven lief blendend an.

Doch der völlig landesunkundige Unternehmer hatte die Tücken der anatolischen Provinz unterschätzt, Neben Pfifferlingen gediehen in den Pilz-Revieren um Bolu nämlich auch noch Bären: Nach dem Angriff eines Bären auf eine Sammlerin wagten sich die Geerds-Gehilfinnen nicht mehr in die Wälder.

Kurzentschlossen stellte Geerds seine Fertigung nun auf Weinbergschnecken, Wild und sogar Aal grün um. Vor allem die »Rübezahl«-Weinbergschnecken aus der Türkei wurden in der deutschen Heimat zum Renner. Geerds belieferte beispielsweise das Hilton-Hotel in Mainz wie das Luxus-Restaurant »Maître« in Berlin und exportierte über die Bundesrepublik bis nach Kanada und in die USA.

Schließlich aber merkte Geerds, der aus Angst vor türkischer Schluderei auf einheimische Kompagnons verzichtet hatte ("Ich wollte nicht, daß mir ein Türke Giftpilze in die Dosen knallt"), daß er schon beim Kauf seines Grundstücks unter die Räuber gefallen war. Der Verkäufer des Geländes, ein Obstplantagen-Besitzer, hatte den Kaufvertrag zwar notariell beurkunden lassen, die grundbuchamtliche Überschreibung aber immer wieder hinausgezögert -- mit gutem Grund.

Als der ziemlich gutgläubige Geerds endlich mißtrauisch wurde und entschieden auf Überschreibung des Grundstücks drängte, gaben ihm die Türken zu verstehen, daß er mit einem Gang zum Grundbuchamt die sofortige Beschlagnahme seines Betriebes riskiere. Für Ausländer sei es nämlich bei Strafe verboten, so erfuhr der düpierte Deutsche, außerhalb der Stadtgrenzen türkischen Grund und Boden zu erwerben. Geerds investierte fortan nur das Allernotwendigste in seinen Betrieb und traute sich schließlich persönlich nicht mehr nach Anatolien.

Im Jahre 1970 war dann endgültig Schluß: Der Obstplantagen-Besitzer verkaufte das Geerds-Gelände samt Fabrik kurzerhand an einen anderen Türken, der die Immobilien schon bald darauf an einen dritten Landsmann losschlug -Helmut Geerds war 285 000 Mark an Vermögenswerten los, ohne sich zur Wehr setzen zu können.

Die türkische Sozialversicherung verlangte einige Jahre darauf von Geerds sogar noch 136 000 Mark angeblich nicht abgeführter Sozialbeiträge. Doch die deutschen Sozialversicherer, die von den Türken um Amtshilfe bei Vollstrecken des Zahlungsbefehls ersucht worden waren, bescheinigten dem Unternehmer eine »Vielzahl wohlgeordneter Belege und außerordentlich sauber geführte Hauptbücher«.

1973 sah Geerds eine unverhoffte Chance, sich für einen Teil seiner Verluste an dem neuen Eigentümer der Fabrik schadlos zu halten. Er bekam einen Tip aus der Türkei, daß sein türkischer Nachfolger die Restbestände der in Bolu zurückgelassenen »Rübezahl«-Konserven unter falschem Etikett in der Bundesrepublik vertreiben wolle.

Geerds lauerte dem Lastzug, der angeblich den deutsch-österreichischen Grenzübergang Schwarzbach bei Salzburg passieren werde, zunächst drei Tage lang vergeblich an der Grenze auf. Schließlich entdeckte er den Laster auf einem Abstellplatz in Köln.

Die Kripo beschlagnahmte sofort die falsch deklarierte Ware. Der türkische Lieferant Osman Nuri Arslan und sein Komplice Kurt Graf, ein in der Türkei ansässiger deutscher Koch, hatten in den Transport-Papieren als Empfänger die nicht existente Firma »Graf?s Feinkost« angegeben.

Auch der Nachweis, daß die Konserven ihm gehörten, fiel Geerds nicht schwer. Nun Arslan und Graf hatten die Dosen mit den neu bedruckten Rückseiten der Original-»Rübezahl"Etiketten ausgezeichnet.

Doch weder die ergatterte Ware noch ein notarieller Vergleich mit den vorübergehend verhafteten Etiketten-Schwindlern brachten Geerds etwas ein. Die meisten Konserven erwiesen sich als nicht handelsfähig, da sie nicht mehr den lebensmittelrechtlichen Bestimmungen in der Bundesrepublik genügten.

Und die Herren Nun Arslan und Graf, die sich in dem Vergleich zur Lieferung von 18 Tonnen lebensmittelrechtlich einwandfreier Weinbergschnecken-Konserven zu einem günstigen Preis verpflichtet hatten, ließen, zurück in der Türkei, nie wieder von sich hören.

Doch Geerds steckte nicht auf. Nun wollte er sich sein Geld von Deutschen zurückholen und verlangte Schadenersatz vom Auswärtigen Amt. Begründung: Die deutsche Botschaft in Ankara habe ihn bei seiner Türkei-Investition unzureichend beraten.

Und ganz schuldlos sind die deutschen Diplomaten wohl tatsächlich nicht. Die Botschaft, die Geerds vor Beginn seines Türkei-Abenteuers um juristischen Rat gebeten hatte, ließ den Deutschen auf verbotenem Grund investieren, ohne ihn vor den restriktiven Grunderwerbsvorschriften zu warnen.

Doch das Außenministerium antwortete kühl, Geerds habe seinen Betrieb nicht wegen des falschen Firmen-Standorts verloren. Er habe vielmehr, übernahmen die Beamten des Auswärtigen Amts die Lesart der türkischen Behörden, nicht genug in seinen Betrieb investiert und deshalb die Gewerbelizenz des türkischen Ministerrats eingebüßt.

»Das ist ja so«, wundert sich Geerds über die Logik, »als ob man von jemandem, dessen Haus schon brennt, auch noch verlangen würde, da noch neue Möbel hineinzutragen.«

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