Alternatives Eigenheim Boom der Bauherrkollektive
Konrad Retzer und Edith Maria Balk mit Sohn: "Im Vergleich zur gängigen Eigentumswohnung viel Geld gespart"
Foto: Andreas VoigtBerlin - Noch sind die Bauarbeiten im Mehrfamilien-Niedrigenergiehaus in der Berliner Bänschstraße nicht vollständig abgeschlossen. Im Treppenhaus etwa fehlt der Fußbelag, einzelne Stockwerke sind noch nicht gestrichen, hier und da fällt der Blick auf offene Leitungen an Wänden oder Decken.
Leben aber ist längst eingezogen in das Haus der Baugemeinschaft im Stadtteil Friedrichshain, in dem es rund 19 Wohnungen zwischen 70 bis 130 Quadratmeter gibt. Unten im Hauseingangsbereich unterhalten sich Edith Maria Balk, 39, und ihr Mann Konrad Retzer, 43, mit einem anderen Bewohner, der ihnen gerade von einer Kanufahrt auf den mecklenburgischen Seen berichtet. Ihr einjähriger Sohn Anton-Bela vergnügt sich gleichzeitig draußen im Hof auf dem Spielplatz, wo er mit anderen Kindern der Hausbewohner spielt.
So wie Balk und Retzer machen es immer mehr junge Familien, wenn sie sich zum Bau einer Wohnung oder eines Hauses entschließen: Sie tun sich mit Gleichgesinnten zusammen - weil sie durch den Wegfall der Vertriebs- und Vermarktungskosten für klassische Bauträger-Eigentumswohnungen bis zu 25 Prozent sparen. In Freiburg - der Hochburg der deutschen Baugruppenbewegung - stehen allein 250 der insgesamt 300 Baugemeinschaftsimmobilien in den neuen Stadtteilen Rieselfeld und Vauban. Im 160 Kilometer entfernten Tübingen sind es mehr als 150. Jeweils rund 100 Baugruppenhäuser befinden sich in Berlin und Hamburg - Tendenz steigend.
Was früher nur von idealistischen Liebhabern in Auftrag gegeben wurde, hat sich für Architekten mittlerweile zu einem durchaus lukrativen Marktsegment entwickelt. "Baugruppenmitglieder wollen keine Wohnung von der Stange", sagt Hubert Burdenski, vom Freiburger Architektenbüro Amman Burdenski Munkel, das als Generalplaner bereits mehr als 50 Baugruppenhäuser geplant und realisiert hat. Anders als bei Bauträgerwohnungen sei der Schnitt und der Einbau von Extrawünschen wie etwa einer Wendeltreppe sowie der Einsatz bestimmter Materialien bis ins kleinste Detail auf die Bedürfnisse der Bauherren einer Baugruppenwohnung anpassbar. "Diese Individualität kostet Geld und kommt letztendlich uns Architekten zu Gute", so der Architekt weiter.
Bauträger und Baugruppen müssen gleichberechtigt behandelt werden
Die klassischen Bauträger allerdings sehen die neue Konkurrenz gelassen: "Nicht jeder Wohnungs- und Hauskäufer will in den Plan- und Bauprozess von A bis Z einbezogen werden, viele unserer Kunden genießen es, dass Bauträger ihnen bis zur Schlüsselübergabe annähernd alles abnehmen", sagt Hans-Christian Grützner, Geschäftsführer der Koch Wohnbau GmbH mit Sitz in Freiburg. Sie bevorzugten es außerdem, einen Ansprechpartner zu haben, statt mit Heerscharen von Handwerkern konfrontiert zu werden. Zudem können die Kosten für sehr individuelle Baugruppenwohnungen laut dem gelernten Bankkaufmann rasch in ungeahnte Höhen schnellen. "Will der eine dieses und der andere jenes Parkett, wird für alle Beteiligten der Individualisierungsaufwand hoch und das Projekt insgesamt teurer", gibt er zu bedenken.
Klar ist: Die großen Städte haben den Trend erkannt. Um Baugruppen zu fördern, verkaufen Berlin und Hamburg bereits 15 beziehungsweise 20 Prozent ihrer stadteigenen Grundstücke für den Geschosswohnungsbau zum Verkehrswert ausschließlich an Baugemeinschaften. "Die Förderung bringt den Baugruppen zwar Aufmerksamkeit, hilft ihnen aber auf lange Sicht nicht weiter", ärgert sich Architekt Burdenski trotzdem. "Wesentlich wichtiger ist es, dass die Kommunen künftig Bauträger und Baugruppen bei der Vergabe der Grundstücke gleichberechtigt behandeln. Zurzeit werden Großinvestoren aufgrund der größeren Lobby bevorzugt", bemängelt der Architekt.
Und das, obwohl Baugruppen inzwischen ebenso viel oder gar mehr Geld für Grundstücke bereit sind auszugeben als mancher Bauträger. Auch die langen Optionsfristen, die ihnen bis zum Kauf des Grundstücks eingeräumt werden, um das Projekt in Ruhe zu planen, sind meist nicht länger als bei Bauträgern. "80 Prozent der Bauträger erwerben das Grundstück erst nach Ablauf der Optionsfrist", so Burdenski weiter.
Auch Konrad Retzer und Edith Maria Balk bereuen ihre Entscheidung, zusammen mit anderen ein Mehrfamilienhaus gebaut zu haben, nicht. "Zwar war es unter so vielen beteiligten Eigentümern häufig mühsam, den Bauprozess voranzutreiben", räumt Retzer ein. "Im Vergleich jedoch zu gängigen Eigentumswohnungen haben wir viel Geld gespart und werden auch künftig durch unser Passivhaus, das im besten Fall mehr Energie produziert als verbraucht, Kosten sparen."