Prozess gegen Anton Schlecker Enttarnung eines Phantoms
Um kurz vor neun Uhr betritt Anton Schlecker den Sitzungssaal 18 des Oberlandesgerichts Stuttgart. Begleitet wird er von seiner Frau Christa und seinen Kindern Lars und Meike, flankiert von ihren insgesamt acht Anwälten. Es ist der erste öffentliche Auftritt Schleckers seit etwa 18 Jahren.
Nichts am äußeren Erscheinungsbild des 72-Jährigen lässt erahnen, dass dieser Mann einmal Herr eines milliardenschweren Drogerieimperiums war, mit rund 6000 Filialen und mehr als 25.000 Mitarbeitern. Er trägt einen blauen, unauffälligen Nadelstreifenanzug, darunter einen schwarzen Rollkragenpullover. Seine Haare trägt er immer noch wie vor 20 Jahren: An allen Seiten auf dieselbe kurze Länge geschnitten. Nur sind sie inzwischen weiß.
Mit finsterer Miene stellt er sich dem Blitzlichtgewitter der Kameras, das er in all den Jahren so sehr gemieden hat. Es ist der Auftakt des wohl aufsehenerregendsten Wirtschaftsprozesses der vergangenen Jahre. Es geht um die Firmenpleite der Drogeriemarktkette Schlecker im Jahr 2012, als rund 25.000 Mitarbeiter in Deutschland ihren Job verloren.
Das öffentliche Interesse am Schlecker-Prozess ist riesig. Denn nach der Insolvenz standen viele Mitarbeiter auf der Straße. Manche von ihnen freuen sich, weil der Firmenpatriarch nun vor Gericht geradestehen muss. Doch nur wenige ehemalige Mitarbeiter sind am Prozesstag vor dem Gericht in Stuttgart erschienen. Viele "Schlecker-Frauen" wollen wohl nicht an die Vergangenheit erinnert werden, als sie ihren Job verloren.
Der Blick geht zur Decke
Während die 270-seitige Anklageschrift verlesen wird, bleibt Anton Schlecker ruhig und zeigt keine Reaktion. Seine Lippen sind aufeinandergepresst. Ab und zu legt er seine Hände auf den Tisch, faltet sie zusammen und blickt zur Decke.
Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Stuttgart soll Anton Schlecker im Zuge der Insolvenz 20 Millionen Euro in vielen Einzelbeträgen beiseitegeschafft und dem Zugriff der Gläubiger entzogen haben. Und das obwohl er schon von der drohenden Zahlungsunfähigkeit seiner Drogeriemarktkette wusste.
Dabei geht es unter anderem um eine Wohnungsrenovierung seines Sohns Lars in Berlin-Mitte für etwa eine Million Euro, eine Reise der Kinder auf die Karibikinsel Antigua für mehrere Zehntausend Euro sowie Geschenke an vier Enkel in Höhe von jeweils 200.000 Euro. (Eine ausführliche Analyse zu Schleckers Vermögensverhältnissen lesen sie hier.)
Prozess gegen Anton Schlecker: Plötzlich im Rampenlicht
In Relation zu seinem ehemaligen Milliardenvermögen sind dies zwar nur geringe Beträge, doch die Staatsanwaltschaft sieht in Anton Schleckers Verhalten einen besonders schweren Fall des Bankrotts. Denn er soll Vermögenswerte beiseitegeschafft und den Gläubigern entzogen haben, als die Zahlungsunfähigkeit seines Unternehmens bereits drohte. Da Schlecker sein Milliardenreich bis zuletzt als eingetragener Kaufmann geführt hatte, haftet er mit seinem privaten Vermögen. Das Strafgesetzbuch sieht bei Bankrott eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren vor, in besonders schweren Fällen sind sogar zehn Jahre Haft möglich.
Auch Anton Schleckers Kinder Lars und Meike sind angeklagt, die mit ihren Anwälten hinter ihrem Vater im Verhandlungssaal Platz genommen haben. Sie waren Geschäftsführer des Logistikunternehmens LDG, das mit Schlecker eng zusammenarbeitete. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass Schlecker "zum Wohle seiner Kinder" bewusst überhöhte Preise an die LDG gezahlt und sein Unternehmen damit geschädigt hat. Lars und Meike Schlecker sowie ihre Mutter sind unter anderem wegen Beihilfe zum Bankrott angeklagt.
Die Schleckers selbst sagen an diesem ersten Prozesstag kein Wort. Sie wollen sich aber im Laufe des Prozesses äußern. Fürs Erste überlassen sie das Sprechen ihren Anwälten.
Anton Schleckers Anwalt Norbert Scharf weist den Vorwurf des betrügerischen Bankrotts zurück: "Die Insolvenz seines Unternehmens war für ihn schlicht nicht vorstellbar. Die Firma war sein Lebenswerk - und blieb es bis zuletzt", sagte er. Anton Schlecker sei kein skrupelloser Unternehmer, vielmehr sei er "ein schwäbischer Unternehmertyp klassischen Zuschnitts", der nie die Öffentlichkeit und die mediale Präsenz gesucht habe.
Tatsächlich hat Schlecker den größten Teil seiner Karriere fernab der Öffentlichkeit verbracht, hinter den hohen Mauern seiner Villa im schwäbischen Ehingen. Anton Schlecker gab keine Pressekonferenzen, weder auf der Höhe seines Erfolgs, als er mit seiner Drogeriemarktkette enorme Gewinne erzielte, noch auf dem Tiefpunkt, als die Insolvenz verkündet werden musste.
Doch nun muss Schlecker mit seiner Familie jede Woche montags vor Gericht erscheinen und sich der Öffentlichkeit stellen. "Der Sachverhalt, um den es hier geht, ist komplex und verschließt sich einer einfachen und schnellen Beurteilung", sagte Schleckers Verteidiger Scharf.
Monatelang werden sich die Richter durch unzählige Dokumente und Zeugenaussagen wühlen müssen, um herauszufinden, was an den Vorwürfen dran ist. Die anberaumten 26 Prozesstage werden dafür voraussichtlich nicht ausreichen. Für Anton Schlecker wird das die vielleicht größte Strafe sein.