Bertelsmann-Stiftung will internationale Rating-Agentur - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Bertelsmann-Stiftung Neuer Vorschlag für unabhängige Rating-Agentur

Das Projekt einer europäischen Rating-Agentur droht zu scheitern. Die Bertelsmann-Stiftung legt deshalb ein neues Konzept vor: Sie will eine internationale Non-Profit-Gesellschaft, die keinen regionalen Schwerpunkt hat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gütersloh - Es ist der Traum vieler europäischer Politiker. Eine eigene Rating-Agentur soll die Übermacht der amerikanisch dominierten Bonitätswächter brechen. Doch das Projekt droht zu scheitern, weil die Unternehmensberatung Roland Berger offenbar nicht genügend Investoren findet.

Nun schlägt die Bertelsmann-Stiftung ein anderes Modell vor: Die neue Agentur soll international und nicht gewinnorientiert sein. Nach Ansicht der Stiftung ist eine regionale europäische Lösung keine Antwort auf "eine internationale Herausforderung". Ihr Konzept für eine internationale und gemeinnützige Alternative will die Organisation am Donnerstag auf einer Konferenz zu Finanzmarktreformen in Washington präsentieren.

Zum einen sollen neben makroökonomischen Indikatoren auch erstmals sogenannte vorausschauende Anzeichen miteinbezogen werden. Wie ist die soziale Situation in einem Land, und wie erschwert diese möglicherweise eine Rückzahlung der Schulden? Wie hat das jeweilige Land in der Vergangenheit Finanzkrisen gemeistert? Auch Faktoren wie das politische Management und das Korruptionslevel eines Landes sollen mit in die Analyse hineinfließen.

Zudem sieht die Idee vor, die Unabhängigkeit der Rating-Agentur durch ein überstaatliches Kontrollgremium aus Interessenvertretern zu gewährleisten. "Fragwürdige Beurteilungen der Bonität von Staaten haben erheblich zu der jüngsten Finanzkrise beigetragen", so der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, Gunter Thielen. "Wir benötigen dringend eine zusätzliche, unabhängige Institution für die Bewertung von Länderrisiken, und wir müssen die Qualität der Länder-Ratings verbessern." Auf diesem Weg soll einem größeren Teil der Gesellschaft Durchschaubarkeit und Mitsprache zukommen, heißt es im Konzept.

Demnach sollen zu den Länderratings ab dem zweiten Jahr auch unbezahlte Ratings für Institutionen wie IWF und Weltbank hinzukommen. Mithilfe von vertieften Analysen, beispielsweise für Investoren, könnten zusätzlich Einnahmen generiert werden.

Die Rating-Agentur soll INCRA ("International Non-Profit Credit Rating Agency") heißen und auf einem Netzwerk von Büros in Europa, den USA, Lateinamerika und Asien basieren. Die jährlichen Ausschüttungen aus einem langfristig angelegten 400 Millionen US-Dollar-Fonds sollen die Kosten der Arbeit decken. Regierungen, Stiftungen, Unternehmen sowie private Förderer können in den Fonds investieren. Nach fünf Jahren soll die Akzeptanz von INCRA am Markt beziehungsweise bei den Investoren evaluiert werden. Bei negativer Bewertung werde die Institution geschlossen, die Fonds-Einzahler erhielten ihre Gelder zurück.

sys