Computermarkt IT-Riesen starten ins Post-PC-Zeitalter
Smartphones und Mini-Rechner: Das Geschäftsmodell der IT-Riesen ändert sich rasant
Foto: TORU YAMANAKA/ AFPHamburg - Für die IT-Branche ist das eine Art magischer Spiegel: In seiner glänzenden schwarzen Oberfläche sehen IT-Propheten mal die Revolution, mal den Untergang.
Der britische Schriftsteller und Tech-Experte Charles Stross etwa erblickt auf dem Bildschirm die Fratze des Todes. "Der Geruch von Panik liegt in der Luft", schreibt er in seinem Blog . "Die , wie wir sie ein Drittel Jahrhundert lang gekannt haben, beginnt zu sterben." Das iPad sei "Alles-oder-nichts-Vorstoß in einen neuen Markt". Ein "ambitionierter Versuch, in der Post-PC-Ära relevant zu bleiben".
Die Fachzeitschrift "Wired" hat in Apples Wunderflunder eine weniger apokalyptische, aber nicht minder bedeutungsschwangere Vision erspäht: Das iPad könnte die Art, wie wir bedienen und benutzen, vollständig verändern, schrieb das Nerd-Zentralorgan in seiner April-Titelgeschichte "How Tablets change the world", kurz nachdem das iPad auf dem US-Markt gestartet war.
iPad-Verkaufsstart: Warten in München, Jubeln in Sydney
Selten wurde solch Bohei um ein Stück Technik gemacht. Selten hatte ein Gerät, von dem man noch nicht mal weiß, ob die Verbraucher es annehmen, solch symbolische Strahlkraft. Sicher lässt sich nur eins sagen: Die Art, wie wir Computer nutzen, ändert sich schon jetzt rasant. Das iPad ist nicht der Grund dafür, es wird nur bestehende Trends verstärken. Und es zeigt, wie aufgewühlt die Branche ist.
Die Preise purzeln
Seit Jahren schwinden die Margen der PC-Industrie. "Im Durchschnitt liegen sie deutlich unter zehn Prozent", sagt Ranjit Atwall vom Marktforscher Gartner. "Bei großen Computerbauern wie Hewlett-Packard und Dell sind es sogar nur fünf bis sechs Prozent."
In Zukunft dürfte der Druck weiter zunehmen. Denn in den Industrieländern ist der Markt gesättigt. Verbraucher kaufen sich immer seltener einen neuen PC, weil kaum jemand noch schnellere Rechenmonster mit noch größeren Speichern braucht. Entsprechend purzeln die Preise. Einer Gartner-Studie zufolge werden sie von 2010 bis 2014 um durchschnittlich 7,5 Prozent pro Jahr fallen.
Grafiken: PC-Markt im Wandel
Die Hersteller versuchen nun einerseits, den rapiden Preisverfall durch technischen Fortschritt zu kompensieren, leistungsfähige Geräte also immer günstiger herzustellen. Andererseits drängen sie verstärkt in Schwellenländer, in denen die Umsätze rapide steigen. Nach China beispielsweise, wo der PC-Markt im vierten Quartal 2009 um 58 Prozent gewachsen ist. Oder nach Russland, wo die Umsätze im selben Zeitraum um 38 Prozent gestiegen sind.
In reiferen Märkten dagegen lässt sich der Preisverfall nicht mehr durch Wachstum kompensieren. In den USA stiegen die Umsätze laut Gartner 2009 nur um knapp 2,5 Prozent, in Westeuropa um weniger als ein Prozent (siehe Grafiken oben). Und auch im Jahr 2010, in dem die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf den PC-Markt allmählich abnehmen, werden in den Industrienationen keine zweistelligen Wachstumsraten mehr erwartet.
Siegeszug der mobilen Geräte
Da das Wachstum im Westen erlahmt, setzen die PC-Hersteller auf Diversifikation. Sie versuchen, mit immer neuen Geräten neue Begehrlichkeiten zu wecken - und verändern so den Markt. "In den neunziger Jahren gab es einen PC pro Haushalt; heute einen PC oder Laptop pro Kopf. Künftig werden Nutzer mehrere Rechner ganz unterschiedlicher Form besitzen und diese in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen nutzen", sagt David Daoud vom Marktforscher IDC.
Laptops, , und nun Tablets sind also Meilensteine auf dem Weg in eine Multi-Geräte-Ära. Noch im laufenden Jahrzehnt dürfte die Rechenkiste unter dem Schreibtisch zum Nischenprodukt verkommen. "Wir gehen davon aus, dass sowohl Büros als auch Privatpersonen PCs durch Laptops ersetzen", heißt es in einer Gartner-Studie.
Schon jetzt sind tragbare PCs der größte Wachstumsmotor. Im ersten Quartal 2010 wurden weltweit 49,4 Millionen mobile PCs verkauft; die Verbraucher gaben dafür gut 36 Milliarden Dollar aus. Das entspricht einem Anstieg von 43,4 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal 2009. Der Absatz von Netbooks stieg sogar um 71 Prozent.
Weltweiter Laptop-Absatz im 1. Quartal 2010
| Unternehmen | 1. Quartal 2009 | 1. Quartal 2010 | Wachstum auf Jahressicht | ||
|---|---|---|---|---|---|
| Absatz in Mio. Stück | Anteil am Weltmarkt | Absatz in Mio. Stück | Anteil am Weltmarkt | ||
| HP | 7,67 | 22,3% | 9,45 | 19,2% | 23,2% |
| Acer | 6,14 | 17,9 | 9,12 | 18,5% | 48,4% |
| Dell | 4,25 | 12,4% | 5,66 | 11,5% | 33,1% |
| Toshiba | 3,39 | 9,9% | 4,57 | 9,3% | 34,7% |
| Asus | 2,03 | 5,9% | 4,32 | 8,8% | 113% |
Das iPad und andere Tablet-PCs symbolisieren den Übergang in ein mobileres Computerzeitalter besonders deutlich. Sie sind vom Sitzplatz abgekoppelte Universalbildschirme, die sich frei herumtragen lassen. Und sie sind die ersten wirklich portablen Geräte, die sich notfalls auch im Stehen bedienen lassen. Laptops und Netbooks sind nomadische Geräte: Man kann sie mit sich herumtragen, doch um sie anständig zu bedienen, muss man sich irgendwo niederlassen, das Gerät auf dem Schoß platzieren und es aufklappen.
Kampf in den Wolken
Der Boom der Mobilcomputer ist für die PC-Industrie nur ein erster Schritt. Er sorgt zwar auch in reiferen Märkten für neues Wachstum, doch der Margendruck bleibt bestehen. Der Preis für hat sich zwischen 2004 und 2009 ungefähr halbiert. In den kommenden fünf Jahren dürfte er das laut Gartner noch einmal tun. Ein Laptop würde dann Ende 2014 nur noch 40 Dollar mehr kosten als ein vergleichbarer PC. Derzeit sind es noch 150 Dollar.
Eine Ära, in der jeder Verbraucher mehrere Computer hat, stellt obendrein neue Anforderungen an die Geräte. Kunden erwarten, dass ihr Smartphone, ihr Laptop, ihr Tablet und ihr Büro-PC miteinander kommunizieren können. Sie wollen plattformübergreifend auf Inhalte und Anwendungen zugreifen. Cloud Computing lautet das Stichwort (siehe Infobox links).
Konkurrenz für das iPad: Tablet-Rechner von Nokia, HP & Co.
Für die PC-Hersteller bedeutet das einen Kulturbruch: Sie müssen entweder selbst stärker zu Service- und Inhalteanbietern werden oder sich für diesen Bereich mächtige Verbündete suchen. "Wer nur Kistenbauer bleibt, wird mächtig Probleme bekommen", prophezeit Daoud von IDC. Und tatsächlich entwickeln die Hersteller schon jetzt ganz unterschiedliche Strategien für das Multi-Geräte-Zeitalter.
- Hewlett Packard etwa drängt mit Zukäufen in den Markt. Gerade hat der Computerriese den taumelnden Smartphone-Hersteller Palm übernommen. Es gibt Gerüchte, HP wolle mehrere Tablets herausbringen, die mit Palms Betriebssystem WebOS laufen. Zudem engagiert sich HP in zahlreichen Cloud-Computing-Projekten.
- Dell positioniert sich mit seinen Cloud-Computing-Lösungen stark im Geschäftskundenbereich und arbeitet dabei eng mit dem Spezialisten Salesforce zusammen.
- Unterstützung erhalten die Hardware-Hersteller von Microsoft . Der Software-Riese integriert Schritt für Schritt Cloud-Computing-Lösungen in sein Betriebssystem Windows und in die Office-Produkte. Ralph Haupter, der neue Geschäftsführer von Microsoft Deutschland, sprach kürzlich auf einer Presseveranstaltung in Hamburg von den "drei Bildschirmen", die Microsoft erobern will.
- Eine besonders integrierte Strategie fürs Post-PC-Zeitalter aber hat Apple. Der Konzern verwandelt sich zusehends von einer Hardware-Firma mit Software-Arm zu einem Vertriebsspezialisten für Medieninhalte, der die geeignete Hardware gleich mitliefert.
Vorreiter Apple
Schon jetzt bietet Apple Filme, TV-Sendungen, Bücher, Magazine und Musik über den iTunes-Store an. Mit dem iPad hat der Konzern nun eine ideale Schnittstelle geschaffen, die Vertrieb, Einkauf und Konsum bündelt. Inhalte lassen sich auf dem Gerät hochauflösend darstellen, und das Gerät kann man überall mit hinnehmen. Der Kauf der Produkte erfolgt über ein ausgeklügeltes Micro-Payment-System: Ein Klick genügt, um die Waren zu kaufen.
Apples iPhone und nun auch das iPad sind zudem Trendverstärker für die sogenannte App Economy. Die Ära, in der Betriebssysteme oder Universal-Software-Pakete in eingeschweißten Kartons für Hunderte von Euro verkauft wurden, neigt sich dem Ende entgegen. Die Zukunft gehört den virtuellen Läden wie dem App Store, in dem Hunderttausende hoch spezialisierte Mini-Programme zu vergleichsweise günstigen Preisen erhältlich sind. Oder sie gehört Gratis-Programmen, die ohne Installation direkt im Browser laufen, eine Strategie, die vor allem der Suchmaschinengigant Google verfolgt.
Das iPad steht schon jetzt für Software-Vielfalt. Zum Verkaufsstart in Deutschland gibt es in Apples virtuellem Laden bereits 5000 Programme für das Gerät, darunter solche, die Microsofts Word, Excel oder Powerpoint ähneln.
Die besten iPad-Apps: Musik und Murmelspiele
IDC-Experte Daoud hält es daher auch nicht für Zufall, dass Apple Microsoft ausgerechnet in der Markteinführungsphase des iPads in puncto Börsenwert überholt hat. "Strategisch ist Apple für die Umwälzungen der kommenden Jahre am besten aufgestellt."