Funkfrequenz-Auktion Milliardenpoker ums mobile Internet
Funkturm im sächsischen Schwepnitz: Aufbruch in die mobile Zukunft
Foto: MATTHIAS RIETSCHEL/ ASSOCIATED PRESSHamburg - Es ist ein Showdown der Tech-Riesen, ein Spektakel mit weitreichenden Folgen: Die Bundesnetzagentur versteigert ab 13 Uhr zahlreiche Mobilfunkfrequenzen - den Zugang zu jenen seltsamen, unsichtbaren Signalräumen, die das deutsche Informationszeitalter einen gewaltigen Schritt voranbringen sollen.
Das Spektakel steigt an einem denkbar unpassenden Ort: In einer alten, staubigen Ex-Kaserne in Mainz-Gonsenheim, hinter geschlossenen Türen, in getrennten, abhörsicheren Räumen, werden die vier deutschen Netzbetreiber ab diesem Montag ihre Frequenz-Gebote abgeben.
Der Bieterstreit kann Wochen dauern - und teuer werden. Von SPIEGEL ONLINE befragte Analysten prophezeien, dass die Deutsche Telekom , Vodafone , O2/Telefonica und E-Plus/KPN für die Frequenzen insgesamt zwei bis sieben Milliarden Euro hinblättern. Denn die Auktion ist entscheidend für die langfristige strategische Planung der Konzerne. Sie legt die Daten-Überflugrechte im deutschen Luftraum bis Ende 2025 fest. Mit den Frequenzen sichern sich die Netzversorger den Zugang zu einem milliardenschweren Zukunftsmarkt: dem mobilen Internet.
Die Konzerne erwarten, dass durch den Boom mobiler Endgeräte wie Smartphones, Laptops, Netbooks oder Tablet-PC künftig immer mehr Menschen via Mobilfunk im Internet surfen. Nach Angaben der Bundesregierung hat sich das Datenvolumen in Deutschland binnen zwei Jahren verzehnfacht - von 3,5 Millionen Gigabyte im Jahr 2007 auf 33,5 Millionen im Jahr 2009.
Die Telekom, Deutschlands größter Netzversorger, rechnet mit gewaltigen Umsatzsteigerungen beim Verkauf von Datenpaketen. Ihr Umsatz in diesem Sektor lag 2009 bei knapp vier Milliarden Euro. Bis 2012 soll er auf mehr als sechs Milliarden Euro steigen, bis 2015 auf mehr als zehn Milliarden.
Stärkung für den Standort Deutschland
Auch die Bundesnetzagentur, Deutschlands oberste Behörde für die Weiterentwicklung der Infrastruktur, setzt große Hoffnungen in die Megaversteigerung. Ihre Vision ist eine deutsche Datenautobahn. Bis Ende 2010 soll jeder deutsche Haushalt mit mindestens einem MBit pro Sekunde versorgt werden, bis 2014 sollen drei Viertel der Haushalte 50 MBit pro Sekunde bekommen.
Das schnelle mobile Netz soll den Standort Deutschland nachhaltig stärken: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt, dass Breitbandkommunikation bis 2011 ein Drittel zum Produktivitätszuwachs der hochentwickelten Länder beitragen wird.
Tatsächlich ist die Frequenzversteigerung ein gewaltiger Schritt für Deutschland. Aktuell sind für das mobile Internet gut 250 Megahertz Frequenzen reserviert. Durch die Versteigerung kommen jetzt noch einmal 360 Megahertz hinzu - so viel wie in keiner Frequenzauktion zuvor (was die Frequenzen bedeuten: siehe Infobox links). "In Kombination mit verbesserten Übertragungstechniken dürfte die maximale Kapazität des mobilen Internets in Deutschland mindestens um den Faktor fünf wachsen", sagt Torsten Gerpott, Telekommunikationsexperte an der Universität Duisburg-Essen.
Doch das mobile Internet wird nicht nur größer - es wird auch schneller. Die neuen Frequenzen bilden auch die Grundlage für den neuen Übertragungsstandard Long Term Evolution (LTE). Während die aktuell eingesetzte UMTS-Technik Übertragungsraten von 14 Megabit pro Sekunde gewährleistet, soll LTE Raten von bis zu hundert Megabit schaffen, genug, um Videos und Online-Spiele ruckel- und unterbrechungsfrei zu übertragen. "Die Nutzungserfahrung ändert sich dadurch entscheidend", sagt Gerpott. "Das mobile Netz fühlt sich an wie das stationäre Netz zu Hause."
Die Erwartung an die Frequenzversteigerung sind gewaltig - aber sind sie auch realistisch? SPIEGEL ONLINE hat Netzversorger, Analysten, unabhängige Experten und die Bundesnetzagentur ausgiebig zu Deutschlands mobiler Zukunft befragt. Antworten auf zentrale Fragen finden Sie nach dem Klick.
Welche Strategien verfolgen die Bieter in der Auktion?
Die Bundesnetzagentur startet zwar die größte Frequenzauktion aller Zeiten - aber vermutlich nicht die teuerste. Die knapp 50 Milliarden Euro, die die Regierung vor gut zehn Jahren bei der Versteigerung der UMTS-Frequenzen kassierte, werden wohl auf ewig unerreicht bleiben. Seinerzeit trieben überoptimistische Businesspläne, überzogene Unternehmensbewertungen und aggressive Bankenfinanzierungen die Gebote aberwitzig in die Höhe.
Das alles fehlt dieses Mal: Die Businesspläne sind, jedenfalls zum Teil, nüchterner; Investorengeld ist wegen der Finanzkrise kaum da. Hinzu kommt, dass schon jetzt relativ klar ist, welcher Netzversorger sich auf welche Frequenzen stürzt. "Die Bieter verfolgen dieses Mal recht unterschiedliche Strategien", sagt Frank Rothauge, freier Analyst und seit 20 Jahren Beobachter der Mobilfunkbranche. "Mit einem ausufernden Wettstreit ist nicht zu rechnen."
"Die Konzerne werden sich zudem bei der Versteigerung nicht übernehmen", sagt auch Bettina Tratz-Ryan, Mobilfunkexpertin beim Marktforscher Gartner. "Denn nach der Frequenzersteigerung müssen sie noch viele Milliarden in den Ausbau der Netze investieren. Vor allem auf dem Land, aber auch in den Städten müssen sie Dutzende neue Basisstationen bauen, und auch in die Erforschung des neuen Übertragungsstandards LTE müssen sie investieren."
Die Positionen der einzelnen Bieter schätzen die Analysten wie folgt ein:
- Telekom: Die Deutsche Telekom braucht nach Einschätzung des Experten am dringendsten neue Frequenzen. Durch den Exklusivvertrag für Apples iPhone ist ihre Datenübertragung schon jetzt immens hoch. Ob der Konzern allerdings automatisch die meisten Milliarden auf den Tisch legt, ist nicht gesagt. Denn die Telekom verfügt auch über die größte Erfahrung mit dem mobilen Internet. Sie dürfte am besten einschätzen können, wie schnell die mobile Datenübertragung wachsen wird, wie viele Frequenzen sie sich also für den eigenen Machterhalt und -ausbau sichern muss. Als sicher gilt, dass sie zwei von sechs Blöcken der attraktiven 800er-Frequenzen ersteigert (siehe Infobox zu den Frequenzen).
- Vodafone: Deutschlands zweitgrößter Netzversorger hat bisher weniger große Frequenznöte als die Telekom. Allerdings ist abzusehen, dass der iPhone-Exklusivvertrag der Telekom bald fällt - und dass die mobile Datenübertragung rapide weiterwächst. Vodafone dürfte sich wie die Telekom zwei 800er-Blöcke sichern und auch bei den höheren Frequenzen kräftig zulangen.
- O2/Telefonica: O2 ist gegenüber den beiden Marktführern in einer schwachen Position. Das Unternehmen hat in Deutschland um die 15 bis 16 Millionen Kunden, T-Mobile (39 Millionen) und Vodafone (36 Millionen) mehr als doppelt so viel. Durch den kleineren Kundenstamm hat O2 zudem noch mehr Platz auf dem Netz, der Leidensdruck, neue Frequenzen zu ersteigern, ist nicht so groß. Da die Versteigerung die Frequenzaufteilung aber bis 2025 festlegt, muss auch O2 zukaufen, dürfte aber stärker taktieren. Bei den 800er-Frequenzen dürfte das Unternehmen E-Plus die verbleibenden zwei Blöcke wegschnappen. Bei den höheren Frequenzen dürfte der Konzern in den Randbereichen der Frequenzspektren bieten, dort, wo er der Telekom und Vodafone möglichst wenig in die Quere kommt.
- E-Plus: Das Unternehmen hat bei den begehrten 800er-Frequenzen kaum Chancen: Insgesamt kann es kaum mehr als 1,5 bis zwei Milliarden Euro bei der Versteigerung ausgeben. "Wenn Vodafone, Telefonica und die Telekom ernsthaft bieten, hat E-Plus keine Chance", sagt Heike Pauls, Mobilfunkexpertin bei der Commerzbank. Ihr Kollege Rothauge hält es sogar für möglich, dass E-Plus auf einen Bieterstreit bei den 800er-Frequenzen komplett verzichtet - und sich gleich auf die ebenfalls recht begehrten Frequenzen um 2,6 Gigahertz stürzt, die vor allem beim Ausbau des mobilen Internets in den Städten eine große Rolle spielen.
Rettet das mobile Internet die darbenden Netzversorger?
Die Erwartungen an das mobile Internet sind groß: Die Netzversorger wollen durch den Verkauf von Datenpaketen ihre wegbrechenden Umsätze in der Sprachtelefonie kompensieren - und Gewinne generieren, mit denen sich die hohen Kosten beim Netzausbau kompensieren lassen.
Analysten halten diese Hoffnung allerdings für unrealistisch. "Die Rechnung dürfte nicht aufgehen", sagt Stefan Heng, Mobilfunkexperte bei DB Research. "Die Preise bei der Datenübertragung dürften ähnlich schnell purzeln wie bei den Sprachdiensten." Die Hoffnung auf langfristig gesicherte Erlöse sei "naiv".
Milliarden könnten die Netzversorger dagegen verdienen, wenn sie die Übertragung von Datenpaketen priorisieren würden - wenn sie beispielsweise Googles Daten gegen Gebühr schneller weiterleiten würden als die Daten anderer Suchmaschinen. "Dieses Geschäftsmodell verstößt aber gegen den bislang ehernen Grundsatz des Internets, dass alle Daten gleich behandelt werden müssen", sagt Heng. "Und die Aufhebung der Netzneutralität ist letztlich eine politische, keine technische Hürde auf Seiten der Netzbetreiber."
Analysten erwarten daher, dass die Netzbetreiber sich von Grund auf ändern müssen. Die Frage ist: Wollen die Konzerne nur die intelligente Datenautobahn sein - oder selber Dienste anbieten und als Content- oder Service-Lieferant abkassieren?
Der Branchenprimus Telekom hat den Wandel vom Netzbetreiber zum Inhalteanbieter in seiner kürzlich veröffentlichten Strategie 2.0 bereits angedeutet. Internetlösungen fürs Auto, Pay-TV, Internetshopping, schlaue Stromzähler - in allen möglichen Zukunftsmärkten soll der Konzern künftig mitmischen. Zu einem "Multiprodukt-Unternehmen" will Vorstandschef René Obermann die Telekom umbauen.
Heng erwartet, dass die anderen drei Netzbetreiber bald Ähnliches verkünden. "Das ist die Überlebensfrage", sagt er. "Ich sehe keine andere Chance, die Umsatzverluste zu kompensieren."
Allerdings dürfte das schwer werden, denn die Netzausrüster treffen in diesem Markt auf neue, mächtige Gegner: auf Online-Giganten wie Apple , Google oder Microsoft , die mit dem Verkauf von Online-Inhalten und -Diensten jahrelange Erfahrung haben und im Netz starke Marken positioniert haben. "Die Netzwerkausrüster haben im Prinzip nur eine Chance", sagt Gartner-Expertin Tratz-Ryan. "Sie müssen sich starke Kooperationspartner suchen."
Revolutioniert die Frequenzschwemme den Standort Deutschland?
Moderne Kommunikationsnetze sind ein zentraler Faktor im internationalen und regionalen Standortwettbewerb. Schon jetzt sei "zu beobachten, dass die Unternehmen weltweit neue Online-Geschäftsmodelle und Kommunikationsformen anwenden", heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Studie von DB Research. "Auch im privaten Umfeld gewinnen interaktive Web-2.0-Dienste, soziale Netzwerke, Online-Spiele und das Internetfernsehen immer mehr Zuspruch."
Die Bundesnetzagentur verfolgt mit ihrer gewaltigen Frequenzversteigerung zwei Ziele: Sie will die Nutzung von Breitbanddiensten bundesweit vorantreiben - und die Versorgungslücken auf dem Land schließen. Branchenberechnungen zufolge haben ein bis zwei Millionen der insgesamt gut 39 Millionen deutschen Haushalte derzeit keine Möglichkeit, sich einen Breitbandanschluss einzurichten.
Die Bundesnetzagentur will die Unternehmen nun dazu zwingen, den Netzausbau auf dem Land voranzutreiben. Die Konzerne müssen mit den 800er-Frequenzen bis 2016 für rund 90 Prozent der heute mangelhaft versorgten Landbevölkerung eine Breitbandverbindung bereitstellen. Sobald sie diese Verpflichtung erfüllen, dürfen sie die Frequenzen in den Städten nutzen.
Dem schnellen Netzausbau in den Städten räumen Experten gute Chancen ein, dem Ausbau auf dem Land dagegen nicht. "Die Geschäftsaussichten auf dem Land sind für die Konzerne äußerst unattraktiv", sagt Gartner-Analystin Tratz-Ryan. Zwar könnten viele Neukunden gewonnen werden, doch sei nicht gesagt, dass diese das mobile Internet überhaupt nutzen wollen.
Der Netzausbau auf dem Land ist obendrein teuer: Die Konzerne müssten an vielen Orten komplett neue Netzstrukturen aufbauen, während sie in den Städten zum Teil alte Infrastrukturen weiter nutzen können. Ob die Konzerne angesichts sinkender Umsätze diese Milliardenkosten stemmen können, ist fraglich.
Mobiles Internet auf Speed: Wann kommt LTE?
Die Long Term Evolution (LTE), also "langfristige Entwicklung" genannte Technik stellt einen wirklich neuen Schritt dar, denn erstmals steht beim Mobilfunk nicht mehr das Telefonieren im Mittelpunkt. Ausgerichtet ist die Technik für die Datenübertragung - die bis zu hundertmal so schnell sein soll wie bisherige DSL-Internetanschlüsse.
In Stockholm und Oslo gibt es erste LTE-Testnetze, auch in Innsbruck probierte T-Mobile die Technik schon aus. Und auch an der Hardware sollte es nicht scheitern: LTE-Surfsticks für die Internetanbindung von Computern gibt es beispielsweise schon jetzt.
"Der LTE-Aufbau dürfte 2011 beginnen", sagt Gartner-Analystin Tratz-Ryan. Bis die Technik flächendeckend im Einsatz ist, dürften allerdings mindestens fünf Jahre vergehen. "Die Nutzung auf mobilen Endgeräten dürfte erst bei der nächsten oder übernächsten Handy-Generation Thema werden."