Entscheidung der Gläubiger Schlecker wird zerschlagen
Kassenschild bei Schlecker: Die Gläubiger haben entschieden
Foto: Marijan Murat/ dpaEhingen/Berlin - Fast 40 Jahre nach der Gründung wird Schlecker abgewickelt: Der Gläubigerausschuss hat am Freitag die Zerschlagung der insolventen Drogeriemarktkette beschlossen. 13.200 Beschäftigte sind in Deutschland betroffen. Sie sollen voraussichtlich bis Ende Juni die Kündigung bekommen.
Die wichtigsten Gläubiger sähen keine Perspektive für die wirtschaftlich vertretbare Fortführung von Schlecker oder die Veräußerung des Gesamtkonzerns an einen Investor, teilte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz nach der Sitzung des Gremiums mit. Am vergangenen Freitag hatten die wichtigsten Gläubiger den verbliebenen Interessenten eine Woche Zeit gegeben, um ihre Angebote nachzubessern. Am Freitagvormittag lief die Frist ab.
"Die Angebote waren nicht akzeptabel, weil sie deutlich unter einer Zerschlagung lagen", erklärte Geiwitz. "Ich bedaure diese Entscheidung im Hinblick auf die vielen, zum Teil langjährigen Schlecker-Mitarbeiter sehr, die jetzt ihren Arbeitsplatz verlieren", sagte er. Der Insolvenzverwalter will mit dem Betriebsrat über einen Sozialplan für die betroffenen Mitarbeiter verhandeln. Ende März hatten bereits 11.000 Schlecker-Beschäftigte im Zuge der Insolvenz ihren Arbeitsplatz verloren.
Schlecker-Betriebsratschefin Christel Hoffmann trat nach der Entscheidung mit Tränen in den Augen vor die Journalisten. Als Geiwitz ihnen das Aus verkündet habe, hätten die Arbeitnehmervertreter ruhig gestanden, sagte sie. "Wie es weitergeht, muss jetzt die Politik beantworten", sagte Hoffmann. Sie warf Politikern "fehlende Qualifikation, unglaubliche Arroganz und Scheinheiligkeit" vor. Am Widerstand der FDP waren Transfergesellschaften für gekündigte Schlecker-Mitarbeiter gescheitert. Damit wollte der Insolvenzverwalter Kündigungsschutzklagen vermeiden.
Was Geld bringt, wird verkauft
Nun soll die Abwicklung von Schlecker möglichst schnell vollzogen werden. In rund 2800 Filialen in Deutschland solle zeitnah der Ausverkauf gestartet werden, hieß es. Geiwitz will zudem den Verkauf der Auslandstöchter vorantreiben. Das Filialnetz in Tschechien und Frankreich wurde bereits veräußert. Die Gespräche über den Verkauf der weiteren Auslandstöchter sollen zu einem schnellen Abschluss gebracht werden, erklärte Geiwitz. Er will nun auch schnellstmöglich weitere Vermögenswerte wie Logistikstandorte und Immobilien verkaufen.
Mit den Einnahmen werden zunächst laufende Kosten gedeckt, etwa Gehälter, Warenbestellungen aus der Zeit der Insolvenz und die Tätigkeit der Insolvenzverwaltung. Der Rest kommt in einen Topf, der unter den Gläubigern aufgeteilt wird.
Bei Ihr Platz und Schlecker XL soll es weitergehen
Immerhin: Für die deutschen Tochtergesellschaften Ihr Platz mit 3990 Mitarbeitern und Schlecker XL mit 1100 Mitarbeitern gebe es eine eigenständige Zukunft, erklärte Geiwitz.
Schlecker hatte bis zuletzt Verlust gemacht. Der Einstieg eines Investors galt als Grundvoraussetzung dafür, die Kette überhaupt weiterzuführen. Zuletzt waren noch Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen und der US-Investor Cerberus als Interessenten im Gespräch.
Aus für Schlecker: Mit Billig-Image in den Untergang
Die Gewerkschaft Ver.di hat für den Nachmittag zu einer Kundgebung und Demonstration der Schlecker-Frauen vor dem Kanzleramt in Berlin aufgerufen. Als Redner wird auch Ver.di-Chef Frank Bsirske erwartet.
Geiwitz machte zu hohe Personalkosten und schlechte Bedingungen der Lieferanten für das Scheitern des Sanierungsplans verantwortlich. Zudem hätten 4400 Kündigungsschutzklagen Investoren abgeschreckt, darunter auch den Milliardär Berggruen. Er sagte nach Angaben des Insolvenzverwalters in der Nacht zum Freitag endgültig ab. Berggruen habe zudem das mediale Interesse an Schlecker abgeschreckt.
Geiwitz verteidigte zugleich seinen anfänglichen Optimismus. "Das Restrukturierungskonzept war sehr anspruchsvoll, aber grundsätzlich machbar", sagte er. Der Verlust bei Schlecker sei während des Insolvenzverfahrens von über 200 Millionen Euro auf etwa 25 Millionen Euro gedrückt worden. "Das ist einerseits zwar ein großer Erfolg, andererseits aber immer noch ein Verlust - und den darf ein Insolvenzverwalter auf Dauer nicht machen", sagte Geiwitz.
"Schleckers Leistung war das Hinauszögern der Pleite"
Ein früherer Top-Manager von Schlecker sagte, die Pleite des Unternehmens sei schon lange absehbar gewesen sind. "Wenn wir ehrlich sind, dann funktionierten wir ab Mitte der neunziger Jahre wie ein Schneeballsystem. Es ging nur weiter, weil wir es ständig erweiterten", zitierte das "Handelsblatt" einen sogenannten Altdirektor, der zu den engsten Vertrauten von Firmenpatriarch Anton Schlecker gehört haben soll.
Schlecker hatte auf dem Höhepunkt seines Wachstums mit über 8000 Filialen in Deutschland mehr als doppelt so viele Märkte wie die gesamte Konkurrenz. Allerdings erwirtschafteten Rossmann und dm in attraktiveren Lagen und mit einem größeren Sortiment mit der Zeit immer mehr Gewinn, während er bei Schlecker zurückging. "Das ist die eigentliche unternehmerische Leistung von Schlecker, dass er die Pleite so lange hinausgezögert hat", sagte der Altdirektor.