Interview mit Amazon-Deutschland-Geschäftsführer Ralf Kleber - DER SPIEGEL
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Arbeitsniederlegungen Streik lässt Amazon-Chef kalt

Die Kritik am Online-Versandhändler Amazon hat das eigene Haus erreicht: Zum ersten Mal streiken Hunderte Mitarbeiter an zwei Standorten für einen Einzelhandelstarifvertrag - Amazon lehnt das ab. Im Interview verteidigt der Deutschland-Geschäftsführer seine harte Haltung.
Amazon-Beschäftigte in Bad Hersfeld: Streiken für einen Tarifvertrag
Amazon-Beschäftigte in Bad Hersfeld: Streiken für einen Tarifvertrag

Amazon-Beschäftigte in Bad Hersfeld: Streiken für einen Tarifvertrag

Foto: Uwe Zucchi/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es läuft nicht gut für Amazon Deutschland in diesem Jahr: Anfang Februar zeigte eine ARD-Dokumentation, wie das Unternehmen Tausende Aushilfen aus ganz Europa für das Weihnachtsgeschäft anwerben lässt. Die Hilfskräfte, so zeigt es der Film, wurden teilweise mit falschen Gehaltsangaben in die hessische Provinz gelockt, in Feriendörfern untergebracht und von einem Sicherheitsdienst bewacht, dem Verbindungen in die rechtsextremistische Szene nachgesagt werden. Amazon beendete die Zusammenarbeit mit den Dienstleistern.

Kaum hatten sich die Wogen geglättet, stimmten die Beschäftigten in den Versandzentren an den Standorten Bad Hersfeld und Leipzig für einen Streik. Am Dienstag legten Hunderte Mitarbeiter die Arbeit tatsächlich nieder; sie fordern einen Tarifvertrag nach den Konditionen des Einzel- und Versandhandels.

Trillerpfeifen, Gewerkschaftsfahnen, Transparente mit Aufschriften wie "Bekomme ich mehr Lohn, bestell' ich was bei Amazon" - die Proteste dürften dem Ansehen des Online-Händlers weiter schaden. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di spricht von 1700 Beschäftigten, die sich an dem Streik beteiligt haben.

Zwar sprechen das Amazon-Management und Ver.di seit Wochen informell miteinander, angenähert haben sie sich aber nicht. Die Positionen scheinen unvereinbar; ungeachtet der Ver.di-Drohung mit möglicherweise wochenlangen Streiks hält Kleber offizielle Tarifverhandlungen für unnötig - die Kunden seien von den Streiks überhaupt nicht betroffen.

Im Interview nimmt Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber zum Tarifstreit Stellung und spricht über befristete Verträge und das hauseigene Bezahlmodell.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kleber, in den Versandzentren in Bad Hersfeld und Leipzig wird gestreikt: Warum lehnen Sie einen Tarifvertrag ab?

Kleber: Ver.di fordert die Anerkennung des Einzelhandelstarifvertrags, für uns steht der überhaupt nicht zur Diskussion. Deshalb sehen wir auch keine Basis, um über einen Tarif oder eine Tarifpartnerschaft nachzudenken. In den Versandzentren kümmern sich unsere Mitarbeiter um rein logistische Tätigkeiten: Auspacken, Einlagern, Entnehmen und Versenden von Lagerware. Diese Dienstleistungen werden zudem nicht nur für den Einzelhändler Amazon geleistet, sondern für viele tausend Händler erbracht, die unseren logistischen Service in Anspruch nehmen und Amazon als Logistikdienstleister nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Warum wenden Sie dann nicht wenigstens den Logistiktarifvertrag an, der geringere Löhne vorsieht, aber dafür mehr Zuschläge und beispielsweise mehr Urlaubstage?

Kleber: Wir haben ein Vergütungsmodell, von dem wir glauben, dass es in vieler Hinsicht attraktiver ist als das, was ein Tarifvertrag bietet. Wir binden unsere Mitarbeiter in den Unternehmenserfolg ein, wir zahlen zusätzliche Boni, und wir zahlen im Vergleich zu anderen Unternehmen der Logistikbranche bereits am oberen Ende - Mindestens 9,30 Euro plus Boni im ersten Jahr, über zehn Euro im zweiten, plus Unternehmensaktien nach zwei Jahren Betriebszugehörigkeit. Und der Aktienwert hat sich in den letzten fünf Jahren vervierfacht.

SPIEGEL ONLINE: Die Kritik richtet sich ja auch gegen befristete Verträge bei Amazon. Wie viele Mitarbeiter sind bei Amazon befristet angestellt, und gibt es Pläne, das zu ändern?

Kleber: Wir haben an unseren acht Standorten in den letzten 13 Jahren 9000 unbefristete Arbeitsverhältnisse für unsere Mitarbeiter geschaffen. An jedem neuen Standort haben wir die Garantie gegeben, nach drei Jahren mehr als 1000 feste Jobs zu schaffen. Generell ist das Beschäftigungsmodell von Amazon darauf ausgerichtet, die Mehrzahl unserer Mitarbeiter in unbefristete Arbeitsverträge einzustufen - wir zahlen übrigens den gleichen Lohn, egal ob jemand befristet oder unbefristet eingestellt wird. Es geht hier also nicht um Kostenoptimierung, sondern einzig darum, die Kapazitätsauslastung an einem Standort zu steuern.

SPIEGEL ONLINE: Könnten sie unternehmensweite Zahlen nennen? Ver.di spricht davon, dass am Standort Bad Hersfeld 2000 von 3300 Mitarbeitern befristet beschäftigt sind.

Kleber: Das ist schlicht falsch. Das Logistikzentrum in Bad Hersfeld besteht seit 1999 - unser ältester Standort - und dort stehen mehr als 85 Prozent der Mitarbeiter in unbefristeten Arbeitsverhältnissen. Unternehmensweit geben wir keine Zahlen bekannt. Ich kann aber sagen, dass wir allein in den letzten zwölf Monaten mehr als 3000 Menschen in unseren festen Mitarbeiterstamm übernommen haben. Die Zeitarbeit spielt übrigens nur im Saisongeschäft um Weihnachten eine Rolle, derzeit haben wir nur rund 140 Mitarbeiter, die über Zeitarbeitsagenturen ursprünglich an uns vermittelt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es denn zu diesem Streik? Sie haben im Februar gesagt, Sie wünschen sich mehr Betriebsräte in Ihrem Unternehmen - was ist in der Kommunikation schiefgelaufen?

Kleber: Die Gründung von Betriebsräten geht prima voran: Mittlerweile sind an allen acht Standorten Betriebsräte entweder schon etabliert oder aktiv in der Gründung. Konkret: An vier Standorten gibt es die Betriebsräte schon, an den anderen vier ist bereits zu Wahlen aufgerufen worden. Insofern wurde mein Wunsch erhört. Die Zusammenarbeit mit den Betriebsräten läuft problemlos und gut; nur sprechen wir weniger über Streiks als über allgemeine Verbesserungen des Arbeitsumfeldes, das ist business as usual.

SPIEGEL ONLINE: Ver.di sagt, der Streik könne über Wochen durchgehalten werden - wie lange hält Amazon durch?

Kleber: Was wir im Moment sehen ist, dass sich einige hundert Ver.di-organisierte Mitarbeiter an einer Aktivität beteiligen, zu der Ver.di aufgerufen hat. Darüber hinaus will ich nicht spekulieren.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Streik für die Kunden, werden die länger auf ihre Bestellungen warten müssen?

Kleber: Derzeit sehen wir überhaupt keine Auswirkungen auf die Auslieferung von Kundenbestellungen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie denn auf die Streikenden zugehen und ihnen ein Angebot machen?

Kleber: Wir können nicht zu einem Tarifvertrag über Tätigkeiten verhandeln, die wir gar nicht ausführen.