Jahresendrallye: Flucht ins Risiko - DER SPIEGEL
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Jahresendrallye Flucht ins Risiko

Kurz vor Weihnachten spekulieren Börsianer auf eine Jahresendrallye. Doch Anleger haben das monatelange Plus beim Dax bereits teuer bezahlt. Wer jetzt noch Aktien kauft, investiert aus Mangel an Alternativen - und flieht ins Risiko.
Börsenhändler in Frankfurt: Warten auf das Christkind
Börsenhändler in Frankfurt: Warten auf das Christkind

Börsenhändler in Frankfurt: Warten auf das Christkind

Foto: ddp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Kinder warten aufs Christkind, Anleger auf den Kursspurt zum Jahresschluss. Die jährlich ausgerufene Jahresendrallye gehört zum Grundinventar an der Börse, sie weckt Hoffnung in dunklen, kalten Dezembertagen. Doch im Gegensatz zum Weihnachtsfest stellt sich die Rallye zum Ausklang des Jahres höchst selten ein - je mehr Analysten vorher von ihr künden, desto geringer ist in der Regel die Chance auf Kursgewinne. So gerät auch in diesem Jahr zur Nebensache, ob der Dax wegen neu entflammter Sorgen um Dubai, Griechenland und die Euro-Zone das Jahr 2009 nun bei 5700 oder 5800 Punkten abschließt.

Der Jahresschlusskurs ist eine Randnotiz. Seit März ist der Dax   um mehr als 60 Prozent gestiegen - und Anleger und Sparer haben für diese von Staatshilfen und Geldschwemme getragene Kurserholung bereits teuer bezahlt. Investoren werden mangels Alternativen dazu gedrängt, höhere Risiken einzugehen.

Anlagedruck entsteht zum Beispiel durch Minizinsen. Wer dem Ratschlag "Cash is King" folgte und seit Januar 20.000 Euro auf dem Tages- oder Festgeldkonto angelegt hat, kann bei einem Zinssatz von durchschnittlich 1,5 Prozent zum Jahreswechsel eine Zinsgutschrift von 300 Euro erwarten - abzüglich Steuern. Das macht wenig Lust auf klassische Zinsanlagen, zumal die Inflation in Deutschland im November bereits leicht gestiegen ist. Real bleibt also noch weniger übrig. Die Niedrigzinspolitik der Notenbanken hat Geldinstitute gerettet und Börsen gepäppelt, aber sicherheitsorientierten Sparern geschadet.

Neben Festgeldsparern müssen auch Versicherungskunden leiden. Die Erträge aus Lebensversicherungen dürften in diesem Jahr mager sein und gegenüber dem Vorjahr in vielen Fällen sogar sinken - wenn sich der Garantiezins angesichts niedrig verzinster Anleihen überhaupt noch lange halten lässt. Die Assekuranz konnte vom Aufschwung an den Börsen kaum profitieren, denn ihre Risikomodelle zwangen viele Versicherer dazu, ihre ohnehin niedrige Aktienquote kurz vor dem Kursaufschwung weiter zu reduzieren.

Die Inflation vernichtet Sparguthaben

Ein drittes Druckmittel, um Sparer in höhere Risiken zu treiben, ist die Warnung vor Inflation. Mittelfristig könnte die gigantische Geldmenge, die Notenbanken und Regierungen weltweit in den Kreislauf gepumpt haben, für eine Teuerung von rund fünf Prozent sorgen, warnte in dieser Woche Thomas Mayer, der designierte Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Selbst wenn dies nicht in den kommenden zwei Jahren geschehe, ist das Risiko stark steigender Preise auf mittlere Sicht hoch: Inflation gibt Regierungen die Möglichkeit, ihre riesigen Staatsdefizite abzuschmelzen. Doch gleichzeitig vernichtet sie Sparguthaben.

Wie sollen Sparer darauf reagieren? Sie könnten die Anlagenklasse wechseln und in Gold oder Aktien flüchten. Doch damit tauschen sie nur ein Risiko gegen ein anderes. Denn beide Flucht-Anlageklassen sind bereits stark gestiegen.

Und nun noch die Probleme bei Staatsanleihen. Griechenland wurde wegen seiner ausufernden Verschuldung von der Ratingagentur Fitch in seiner Kreditwürdigkeit heruntergestuft, Spanien droht ebenfalls ein Abstieg. Die Renditen griechischer und spanischer Staatsanleihen zogen in dieser Woche an - was im Umkehrschluss bedeutet, dass die Kurse der entsprechenden Anleihen gefallen sind. Steigende Renditen auf Anleihen erfreuen nur Neueinsteiger: Wer bereits Staatsanleihen im Depot hat, erleidet dagegen Kursverluste.

"Staatsanleihen sind in der aktuellen Situation riskant"

"Staatsanleihen drängen sich im aktuellen Umfeld nicht als Anlagealternative auf", sagt Michael Rottmann, Leiter Zins- und Währungsstrategie bei Unicredit. Bei soliden Schuldnern wie der Bundesrepublik werden für eine zehnjährige Staatsanleihe derzeit 3,1 Prozent Zinsen gezahlt. Bei fünfjähriger Laufzeit sind es 2,2 und bei zweijähriger Laufzeit 1,2 Prozent Zinsen.

"Bei deutschen Staatsanleihen mit zweijähriger Laufzeit dürfte nach Inflation kaum noch etwas übrig bleiben", sagt Rottmann. Zudem bestehe bei Staatsanleihen stets das Risiko von Kursverlusten, sollten die Zinsen wieder steigen. Auch Eric Le Coz, Fondsmanager bei der Fondsgesellschaft Carmignac, meint, dass Staatsanleihen in der aktuellen Situation "sogar riskant sind."

Griechische Staatsanleihen locken derzeit zwar mit einer Rendite von 5,7 Prozent. Doch das sei nur etwas für Anleger, die die zehnjährige Laufzeit auch durchhalten und davon überzeugt sind, dass die EZB kein Land der Eurozone fallen lassen werde, sagt Rottmann. "Die Aufteilung der Geldanlagen wird im kommenden Jahr nicht einfacher", sagt der Experte von Unicredit. "Die Unsicherheit bleibt groß".

Staatsanleihen riskant, Festgeld niedrig verzinst, Erträge aus Versicherungen dürftig: Viele Anleger wählen in dieser Situation die Flucht nach vorn und kaufen Aktien und Rohstoffe. Nicht, weil der von Staatshilfen und Steuergeld genährte Aufschwung sich schon selbst tragen würde, sondern weil Geld billig ist und mittelfristig Geldentwertung droht.

Nach neun Monaten mit steigenden Kursen ist das eine Flucht ins Risiko.