Lufthansa-Passagiere: Gestrandet in Terminal 1 - DER SPIEGEL
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Lufthansa-Passagiere Gestrandet in Terminal 1

Der Streik der Lufthansa-Piloten ist auf wenig Solidarität bei den Passagieren gestoßen. Die Reisenden reagierten genervt auf die zahlreichen Flugausfälle, viele schimpften über die Gutverdiener im Cockpit. Doch die Gescholtenen wollten die harsche Kritik nicht auf sich sitzen lassen.
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Streik am Montag: Ausnahmezustand an Flughäfen

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Lufthansa

Vor dem Aviation Center am Flughafen Frankfurt wartet ein Großraumtaxi. Das Taxameter läuft, mehr als 40 Euro zeigt es bald an. Eine Gruppe Piloten habe sich von ihm zur Demo fahren lassen und dann gesagt, er solle hier warten, sagt der Fahrer.

Auch sonst wirkt der Aufmarsch der Flugzeugführer nicht gerade wie der wütende Protest von Menschen, die um die blanke Existenz kämpfen. Leise plaudernd marschieren die Piloten in ihren schicken Uniformen durch den Regen. Die Schilder, die einige nach oben halten, sind mit dem gleichen, ordentlichen Schrifttyp bedruckt. Sätze wie "Kein Ausverkauf bei der Lufthansa" stehen in grauen Buchstaben darauf. Ansonsten geben sich die Demonstranten gegenüber Journalisten vornehm zurückhaltend, Fragen werden höflich aber bestimmt zurückgewiesen: "Bitte wenden Sie sich an unseren Pressesprecher."

Am Abend dann einigten sich die Pilotenvereinigung Cockpit und die Lufthansa darauf, den Streik bis zum 8. März auszusetzen. Dennoch wird es schwierig sein, den Menschen im Land begreiflich zu machen, dass festangestellte Arbeitnehmer mit einem Jahresverdienst von 100.000 Euro oder mehr mit ihren Arbeitsbedingungen nicht zufrieden sind.

"Keine Ahnung, wo unser Gepäck ist"

Dementsprechend waren am Vormittag auch die Reaktionen: Die junge Frau, die im Frankfurter Flughafen-Terminal verzweifelt versucht, den Schiebewagen mit den drei dicken Reisetaschen aus seiner Blockade zu lösen, sieht jedenfalls nicht so aus, als ob sie für den Arbeitskampf Verständnis hat. Sie ist sichtlich mit ihrer Geduld am Ende.

Von Sonntagnacht an bis Montagabend waren mehr als , rund zwei Drittel aller Flüge der Kranich-Airline fielen aus. Auch die Verbindung, die die Frau mit Mann und Sohn gen Norden nehmen wollte. "Das Auto steht in Hamburg und irgendwie müssen wir heute Nachmittag noch die letzte Fähre nach Hiddensee erreichen", sagt sie mit einer vor Müdigkeit schon rauen Stimme. Die Kleinfamilie kommt gerade aus Bali, hat die Nacht durchgemacht. "Muss man das so machen", fragt die Frau in Richtung der Piloten.

Auch die drei kanadischen Studentinnen, die durch die Abflughalle des Terminals 1 hasten, wirken ziemlich hilflos. Sie kommen aus Singapur, nun ist der Weiterflug nach Brüssel ausgefallen, erklärt eine der jungen Frauen hektisch. "Und wir haben keine Ahnung, wo unser Gepäck ist", sagt sie, bevor sie von ihren Freundinnen weitergezogen wird.

Gegen solche Fälle konnte die Lufthansa wenig machen. Dabei hat sich die Airline nach Kräften bemüht, dem Mega-Streik die Wucht zu nehmen. Piloten aus dem Management sollten für die streikenden Kollegen einspringen, noch immer gibt es einen Notfallflugplan, der im Internet einsehbar ist und ständig aktualisiert wird, denn auch am Dienstag könnte es noch immer zu Flugausfällen kommen. Lufthansa-Kunden können Tickets umsonst umbuchen oder stornieren, sie können damit auch einfach in den Zug der Deutschen Bahn steigen, die mit der Airline kooperiert.

Doch wenn mehr als 4000 Piloten in den Ausstand treten, ist selbst ein Großkonzern wie die Lufthansa überfordert. Am Hamburger Flughafen etwa funktionierte der Notfallflugplan nicht, weil Crews für Ersatzflüge einfach nicht auftauchten. In Frankfurt bildeten sich schon morgens um sieben lange Schlangen im Reisezentrum der Bahn und vor den Ticketschaltern der Lufthansa. Viele Reisende, die aus dem Ausland kamen und in Frankfurt umsteigen mussten, strandeten in der Stadt am Main. Sie waren von dem Streik völlig überrascht.

"Wenig Solidarität mit der Gesellschaft"

Aber auch diejenigen, die informiert und vorbereitet waren, sind sauer. "Wir mussten ein Meeting in Oberursel absagen, um wie geplant heute noch nach Turin zu kommen", sagt der Mitarbeiter eines Flugzeugteilehändlers. "Wir müssen jetzt erst einmal nach München fahren und dann von dort aus fliegen."

"Lästig" sei das, findet sein US-Kollege, der normalerweise in Peking lebt und nur diese eine Woche in Europa auf Dienstreise ist. Der Terminplan sei schließlich genau durchgeplant. Auch ein Däne, der mit Frau und Tochter gerade aus dem Urlaub in Indien kommt und weiter nach Kopenhagen muss, hat keinerlei Verständnis für die Piloten. In anderen Unternehmen verzichte das Personal in diesen Zeiten sogar auf Gehalt. "Mit Streik kommt man aus der Krise nicht heraus."

Solche Stimmen sind oft zu hören an diesem Morgen. Rudolf Vallendar findet, die Piloten zeigten "wenig Solidarität mit der Gesellschaft". Der 71-Jährige ist mit seiner Kirchengemeinde aus Ahrweiler angereist, die Gruppe ist auf dem Weg zu einer Studienreise nach Israel. Mitten in der Nacht sind sie extra aufgestanden. Doch der Flug nach Tel Aviv ist ausgefallen. Jetzt stehen die Pilger mit ihren beigen Sonnenmützen müde vor dem Check-in-Schalter, der junge Pfarrer will irgendwo einen Ersatzflug für den Nachmittag organisieren. Vallendar findet, dass die Piloten ihre Forderungen nicht "mit solcher Brutalität" durchsetzen sollten, auch wenn das Recht auf Streik wichtig sei.

Manche Passagiere zeigen Verständnis

Es gibt aber auch den ein oder anderen, der Verständnis für die Piloten hat. Ein Polizeibeamter etwa, der gerade in Las Vegas geheiratet hat, ist nicht nur wegen des freudigen Ereignisses gelassen. Es sei richtig, gegen einen drohenden Jobabbau zu protestieren, findet der 54-Jährige. Dass Piloten ein gutes Gehalt verdienten, findet er richtig: "Sie tragen hohe Verantwortung und ihre Ausbildung ist teuer." 65.000 Euro müssen angehende Piloten für ihre Lehrzeit zahlen - zum Teil aus eigener Tasche, selbst bei der Lufthansa.

Die Piloten selbst wollten die Kritik an ihrem Arbeitskampf nicht ohne Widerspruch hinnehmen. Bei der Demonstration in Frankfurt äußerten sich schließlich doch einige, trotz des von der Gewerkschaft ausgegebenen Schweigegebots.

"14 Tage im Monat bin ich unterwegs, schlafe nicht im eigenen Bett. Ich arbeite quer durch Zeit und Raum", beschreibt einer seinen Alltag. Neben der Belastung für die Familie sei das auch körperlich hochanstrengend. Schon wegen der ständigen Zeitverschiebungen. Ein anderer erklärt, dass es meist ruhig zugehe auf den Flügen - aber wenn etwas passiere, seien eben Hochleistung und schnelle Entscheidungen gefragt.

Entscheiden wird nicht die Vernunft

Tatsächlich geht es den Piloten gar nicht ums Geld, zumindest nicht vorrangig. Die Vereinigung Cockpit hat der Lufthansa sogar eine Nullrunde angeboten. Die Gewerkschaft fordert dafür, dass der deutsche Tarifvertrag auch für ausländische Flugzeugführer gelten soll, die für die Lufthansa oder eine ihrer Tochtergesellschaften fliegen. Man fürchtet, dass deutsche Piloten sonst zunehmend durch ausländische Kollegen ersetzt werden. Die Lufthansa sieht in der Forderung dagegen eine unzulässige Einflussnahme auf betriebliche Entscheidungen.

Allerdings verdienen Lufthansa-Piloten sehr viel mehr als Kollegen bei der Konkurrenz. Und so dreht sich die Debatte letztlich doch um die Frage, welche Bezahlung angemessen ist - und ob sich die Gehälter in einem immer härter werdenden Wettbewerb durchhalten lassen.

Inzwischen wurde der Streik zwar unterbrochen, doch geeinigt haben sich die Parteien noch nicht. Am Ende wird wohl nicht der gesunde Menschenverstand siegen - sondern die Streitpartei mit der größten Verhandlungsmacht. Und weil sich zwei mächtige Gegner gegenüberstehen, steht es derzeit unentschieden. Immerhin hat es der Konzern geschafft, zumindest am Frankfurter Flughafen das ganz große Chaos zu vermeiden. Am Mittag ist der Streik in der Main-Stadt schon zur Routinearbeit geworden, die Wartezeiten an den Schaltern halten sich in Grenzen, und die Kunden reagieren in weiten Teilen zusehends ruhig auf die Probleme.

Auch die Pilgergruppe aus Ahrweiler hat sich von der ersten Enttäuschung erholt. Für den Nachmittag wurde ein Ersatzflug gefunden. So kommt die Truppe zwar erst in der Nacht in Israel an - das offizielle Programm der Tour beginnt aber ohnehin erst am Dienstagmorgen.