Mega-Pipeline durch USA: Obamas schmutziges Öl - DER SPIEGEL
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Keystone XL: Amerikas umstrittene Mega-Pipeline

Foto: Pablo Martinez Monsivais/ AP

Mega-Pipeline durch USA Obamas schmutziges Öl

Die US-Regierung will eine 3200 Kilometer lange Ölpipeline genehmigen, sie führt von Kanada bis nach Texas. Doch Umweltschützer und Anwohner protestieren immer lauter gegen das Vorhaben. Präsident Obama steht unter Druck - noch im letzten Wahlkampf hatte er selbst das Projekt kritisiert.
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Allaura Luebbe ist zum ersten Mal in Washington. Doch alles, was sie zu sehen bekommt, ist ein fensterloses Souterrain. Es macht ihr nichts: Sie ist ja nicht als Touristin aus Nebraska in die Hauptstadt gekommen, hat die Distanz von 2500 Kilometern nicht aus Vergnügen zurückgelegt .

Die 16-jährige Farmerstochter steht unsicher an einem Mikrofon in einem rappelvollen Saal. Mindestens 500 Leute sitzen da, wenn nicht mehr, und starren sie an. Die zur Rechten jubeln ihr zu. Die zur Linken buhen sie aus.

Unter Tränen erzählt Luebbe vom Leben in Nebraska. "Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es ist, sich da sein Auskommen zu verdienen", sagt sie. "Aber ich liebe unsere Farm. Sie ist mein Heim. Mein sicherer Ort."

Luebbe trägt Jeans, Turnschuhe, Karohemd. Ihre blonden Haare sind strähnig, schließlich hat sie 14 Stunden lang angestanden, um einen Redeplatz zu bekommen, hat sogar die Nacht hier verbracht. Jetzt geht es um alles.

Sie schielt nach links zu denen, die gebuht haben. "Dass eine ausländische Firma uns alles wegnehmen will, wofür wir so hart gearbeitet haben", schluchzt sie, "tut mir weh." Sie stockt. "Und Krebs will ich auch nicht bekommen." Mehr Buhrufe, dann sogar Gelächter.

Die da lachen, sind meist grobschlächtige Kerle in orangefarbenen Westen. "Wir bauen Amerika", steht darauf, darüber LIUNA, das Kürzel für die Laborers' International Union of North America, die Bauarbeitergewerkschaft. Deren Geschäftsführer Chris Engquist sitzt abseits und schüttelt den Kopf. "So ein Quatsch", knurrt er, während er Allaura zuhört. "Hier geht es um 20.000 Jobs."

Und damit wäre er im Ansatz auch schon umrissen, dieser gigantische Konflikt, der seit Monaten in der tiefsten US-Provinz schwelt und am Freitag schließlich Washington erreichte, um in einem Konferenzzentrum unweit des Weißen Hauses so richtig persönlich zu werden.

Gewerkschaften fürchten um Arbeitsplätze

Es geht um eine Ölpipeline. Eine geplante Mega-Pipeline, fast 3200 Kilometer lang soll sie werden, von Kanada quer durch die USA führen, bis hinunter an den Golf von Mexiko, durch insgesamt sechs US-Bundesstaaten: Montana, South Dakota, Nebraska, Kansas, Oklahoma und Texas (siehe Grafik links).

Keystone XL heißt das Sieben-Milliarden-Dollar-Projekt des kanadischen Energiekonzerns TransCanada. Ab 2013 soll es bis zu 830.000 Barrel Rohöl pro Tag aus Nordamerikas größtem Ölsandvorkommen auf den Weltmarkt schaffen.

TransCanada bewarb sich bereits 2008 beim US-Außenministerium um die Lizenz. Das Ministerium gab im August nach einer internen Umweltstudie grünes Licht, die endgültige Entscheidung soll bis Jahresende fallen. Die Regeln schreiben aber vor, dass zuvor noch öffentliche Anhörungen stattfinden, vor allem in den betroffenen Regionen und Orten.

Und damit eskalierte die Lage.

Anwohner, Farmer, Ureinwohner, Umweltschützer, Kommunalpolitiker, Kongressabgeordnete: Über die letzten Wochen hinweg formierte sich eine immer lautere Koalition aus Pipeline-Gegnern. Sie prophezeihen Natur-, Klima- und Gesundheitsschäden und greifen nun auch US-Präsident Barack Obama direkt an, der Keystone XL im Wahlkampf 2008 noch kritisiert hatte.

Seinerzeit hatte der US-Präsident das Öl aus Alberta noch als Teersand bezeichnet - in Anspielung auf die teure, aufwendige und vor allem hochgradig umweltschädliche Methode, mit der es gefördert wird. In die Erde werden unterirdische Hohlräume gegraben, dort wird heißes Gas hineingepumpt, bis die ölige Schlacke nach unten sickert und sich wie in einer Badewanne sammelt. Anschließend wird das schwere Öl abgepumpt. Zurück bleiben riesige verheerte Landstriche - und Millionen Liter verschmutztes Wasser, das in den Boden zu versickern droht.

Die Genehmigung für Keystone XL ist für Obama gleich aus zwei Gründen problematisch. Erstens hatte er sich lange als Öko-Präsident zu positionieren versucht - und große Initiativen zum Ausbau der erneuerbaren Energien angekündigt. Der Bau einer neuen Ölpipeline steht im Widerspruch zu dieser Linie. Zudem bekommt Obama Druck aus den eigenen Reihen. Mitglieder der Demokraten drohen bereits, Obamas Wahlkampf im kommenden Jahr nicht zu unterstützen, sollte er das Keystone-Projekt genehmigen.

Aber auch die Befürworter mobilisieren. TransCanada hat eine teure PR-Firma engagiert. Die Gewerkschaft LIUNA, sonst auf Seiten der einfachen Leute, hat ihre eigene Kampagne angestoßen: "Die Pipeline ist gut für die Wirtschaft."

Es ist ein klassischer Konflikt legitimer, doch scheinbar unvereinbarer Interessen, verschärft durch die US-Rezession. Denn hier ballen sich Reizthemen, die immer akuter werden: lokale Wirtschaftskrise, globale Klimakrise, Strukturwandel, Energiewende, Wall Street gegen Main Street, gutes Öl gegen schmutziges Öl.

Alle Umweltgruppen sind dagegen

Die Fronten prallten am Freitag aufeinander, bei der letzten der sechs Anhörungen. Die vorherigen hatten in den betroffenen Bundesstaaten stattgefunden, abseits der Kameras und breiterer Aufmerksamkeit. Nun aber drängeln sich ein Dutzend TV-Teams im Ronald Reagan Building in Washington, wo das Außenministerium die letzte Anhörung abhält.

Ironie des Schicksals: Auf der anderen Straßenseite liegt das Protest-Camp der Occupy-Wall-Street-Aktivisten - welche die Pipeline sofort mit auf ihre Wutliste setzen.

Allaura aus Nebraska ist nicht alleine. Sie hat ihre Mutter Susan Luebbe mitgebracht, ihre Freundin Jane Kleeb und den Rancher Randy Thompson. Zu viert sind sie angereist, um sich wie so viele andere hier ihre Angst vor Keystone XL von der Seele zu reden.

"Wir Farmer sind stolz auf das, was wir tun", sagt Susan Luebbe mit bebender Stimme. Die Pipeline werde das Ökosystem zerstören, das Trinkwasser verpesten. "Sie bedroht unsere Lebensgrundlage. Die Konzerne lügen uns an, die Regierung will uns das Land wegnehmen. Doch wir werden kämpfen. Dies ist Krieg."

Randy Thompson gibt das Klischee eines Farmers ab: Stetson, Jeans, Cowboystiefel. "Wir in Nebraska sind gelassene Menschen", sagt er. "Das hat sich in den letzten Monaten geändert. Wir haben das Gefühl, dass wir den Wölfen zum Fraß vorgeworfen werden, und zwar für die Privatinteressen der Ölindustrie."

Alle großen US-Umweltgruppen lehnen Keystone XL ab, darunter die National Wildlife Federation, der Sierra Club und der Natural Resources Defense Council. Sie monieren, dass die Pipeline ein besonders korrosives Rohöl transportieren soll, das die Rohre zerfresse und nur schwer zu säubern sei.

"Krasse Konstruktionsfehler"

Im August und September demonstrierten Tausende vor dem Weißen Haus, darunter Hollywood-Star Daryl Hannah. Der Protest ist parteiübergreifend: Unter den Gegnern sind der republikanische Gouverneur Nebraskas, Dave Heineman, sowie der republikanische Senator Mike Johanns und sein Kollege Ben Nelson, ein Demokrat. Die University of Nebraska beendete sogar ihr Sponsorenverhältnis mit TransCanada, nachdem der Konzern bei Football-Spielen ausgepfiffen worden war.

Die Keystone-Kritiker verweisen auf Lecks in bestehenden Pipelines. So flossen im Sommer mehr als 20.000 Barrel aus einer aus Kanada kommenden Röhre im Bundesstaat Michigan und verseuchten den Kalamazoo River. "Dass die Pipeline birst und Öl ins Trinkwasser fließt", sagt Sarah Hodgdon, die Naturschutz-Chefin des Sierra Clubs, "ist keine Frage des Ob, sondern nur eine Frage des Wann."

TransCanada hält dagegen, dass Keystone XL als sicherste Pipeline Nordamerikas geplant sei, dank 57 Sonderauflagen der Regierung. Auch schaffe das Vorhaben direkt 20.000 und indirekt 18.000 Arbeitsplätze. Die Pipeline werde die Konjunktur beleben, indem sie die USA unabhängiger mache von Nahost-Öl und so die US-Benzinpreise senke - ein Argument, dem die Kritiker widersprechen.

"Wir brauchen diese Jobs so dringend", sagt Gewerkschaftler Engquist. 600 Mann hat er für die Anhörung aktiviert, 150 sitzen im Saal, 450 demonstrieren vor der Tür. "Wir leisten Qualitätsarbeit", versichert er: "Diese Pipeline wird nicht leckschlagen."

Doch TransCanada steht in einem schlechten Ruf. Der Pipeline-Inspektor Michael Klink berichtet von "krassen Konstruktionsfehlern" bei anderen TransCanada-Projekten: "Vieles wurde vertuscht." Sollte es keine neuen, härteren Sicherheitsnormen geben, sagt er, drohe "das schlimmste Pipeline-Unglück der Geschichte".

Auch werfen die Gegner dem Ministerium vor, mit TransCanada unter einer Decke zu stecken. Der Vorwurf kommt nicht von ungefähr: TransCanadas Chef-Lobbyist in Washington, Paul Elliott, war 2008 Vizewahlkampfmanager für die damalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, die jetzt Außenministerin ist.

TransCanada wehrt sich. Die Proteste haben den Konzern bereits Millionen gekostet, das Projekt ist ein Jahr im Verzug. "Dies ist eine Belastung für uns", sagt CEO Russ Girling. "Das belastet unsere Beziehung zu den USA." Schon heißt es, TransCanada könnte das Öl stattdessen an China liefern.

Vier Stunden lang hört das Außenministerium am Freitag beide Seiten an. Rund 50 Anwesende kommen zu Wort, die meisten sind Gegner des Projekts. Dann endet die Sitzung, obwohl sich mehr als hundert weitere Redner gemeldet haben. Allaura und ihre Freunde fliegen noch am selben Tag nach Nebraska zurück: "Unsere Farm braucht uns."