Milliardär Branson Der Herr des Fliegens
Hamburg - Es regnete, und der Wind fegte über die Wüste - doch widriges Wetter kann einen Richard Branson nicht erschüttern. Und so wurde es trotz allem am Montagabend ein Termin ganz nach seinem Geschmack: Der Milliardär hatte in ein großes Zelt am Mojave Airport & Spaceport rund hundert Kilometer nördlich von Los Angeles geladen. Dort stellte er bei Gratis-Champagner und -Wodka in einer hollywoodreifen Show vor rund 800 geladenen Gästen das erste Exemplar seines privat entwickelten Raumschiffs "SpaceShipTwo" vor.
"Wir wollen, dass dieses Programm ein ganz neuer Beginn in der Ära der kommerziellen Raumfahrt wird", sagte er in der ihm angeborenen Unbescheidenheit. Und kündigte gleich noch an, dass er in anderthalb Jahren mit seiner Familie zum ersten privaten All-Urlaub aufbrechen wolle. Ab 2012 soll seine Firma Virgin Galactic (Motto: "Wir machen Weltraumflüge erschwinglich") dann kommerzielle Trips anbieten.
Für rund 135.000 Euro pro Person, so der Plan, könnten sechs Weltraum-Touristen einen zweistündigen Abstecher ins All unternehmen: Zunächst katapultiert ein Trägerflugzeug die Kapsel in rund 15 Kilometer Höhe, dort löst sich diese dann und fliegt mit rund 3200 Stundenkilometern ins Weltall. Während einer rund fünfminütigen Schwerelosigkeit können die Reisenden schließlich ihre Sitze verlassen und aus 110 Kilometern Entfernung auf die Erde blicken, bevor es schon wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geht. 300 Frühbucher haben sich für den Ausflug angeblich bereits einen Platz reserviert. Und 80.000 Schwerelose in spe sollen auf der Warteliste stehen.
Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer für Branson
Noch ist der private Flug ins All zwar mehr Utopie als Realität - aber immerhin bekam Bransons derzeitiges Lieblingskind schon mal einen Namen. Zum krönenden Abschluss der Montagabend-Show taufte Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger das 18 Meter lange Gefährt, das einem modernisierten Spaceshuttle im Kleinformat ähnelt, auf den symbolträchtigen Namen Virgin Space Ship (VSS). Dabei lobte er Branson pflichtgemäß als einen "außergewöhnlichen Visionär". Der Luftfahrtpionier Burt Rutan, der das VSS gebaut hat, wollte in der Lobhudelei nicht nachstehen und nannte den Schulabbrecher Branson "einen der großartigsten Weltraumingenieure aller Zeiten".
Milliardär Richard Branson: Visionär oder Schaumschläger?
Großes Event, den Markennahmen Virgin perfekt platziert und sich als ganz großer Visionär präsentiert - Branson, der mit seinen 59 Jahren, heller Jeans, dunkler Lederjacke und längerem blonden Haar stets ein bisschen aussieht wie ein in die Jahre gekommener Jon Bon Jovi, hat es mal wieder allen gezeigt - und seine Konkurrenten, die wie Amazon-Gründer Jeff Bezos an ähnlichen Projekten für kommerzielle All-Flüge arbeiten, erneut auf die Plätze verwiesen.
Somit war die Montagabend-Show wie so oft ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für Richard Branson. Denn was aus seiner Ankündigung wird, in 18 Monaten selbst ins All zu starten und später Tausende Menschen im Jahr dorthin zu katapultieren, spielt in der aktuellen Euphorie keine Rolle. Der Traum von der Schwerelosigkeit ist so groß, dass niemand konkret nach den möglichen Schwerkräften bei der Umsetzung fragt. Eigentlich sollte das "SpaceShip Two" bereits in diesem Jahr zum Jungfernflug abheben. Das ganze Projekt ist also mindestens zwei Jahre in Verzug. Gut möglich, dass es zu neuen Verzögerungen kommt, denn erst in den kommenden Monaten wird sich in vielfachen Realitätschecks zeigen, ob und wann aus der Vision Wirklichkeit wird.
So unsicher die Zukunft des Projektes auch ist, Branson wird auf jeden Fall davon profitieren. Denn im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Publikums spielt er nicht in einer Champions League gegen irgendwelche Konkurrenz, sondern in seiner eigenen Liga. Es gibt keinen zweiten Businessprofi, der es so sehr versteht, die PR-Maschinerie stets am Laufen zu halten.
Fans und Gegner stehen sich unüberwindbar gegenüber
Branson hat damit schließlich seit vier Jahrzehnten Erfahrung. Ihn reizten immer etablierte Märkte, in denen seine Firmen der mächtigen Konkurrenz am Anfang heillos unterlegen waren. Sein Pluspunkt war die Andersartigkeit, die Neugierde weckte. Das war schon 1969 so, als Branson einen Versandhandel für Billigplatten gründete und ihn aufgrund seiner Jungfräulichkeit in Sachen Wirtschaft schlichtweg - und für die damalige Zeit provokativ - Virgin nannte. Und es war Mitte der achtziger Jahre nicht anders, als er mit der Fluggesellschaft Virgin Atlantic die stolze British Airways herausforderte.
Anders sein reichte jedoch nicht, um für ausreichend Aufmerksamkeit zu sorgen. Deshalb half Branson stets nach. "Ich habe mich zum Affen gemacht, um Virgin bekannt zu machen", sagt er über sich. In der Tat hat er ein enormes Talent zur Selbstvermarktung und eine ausgeprägte Fähigkeit, Menschen zum Fremdschämen zu animieren: Als Virgin eine Brautmodenkette eröffnete, erschien Branson natürlich im Brautkleid. Und als sein Mobilfunkanbieter Virgin Mobile in die USA expandierte, inszenierte er sich in einer modernen Adam-Interpretation mit einem Nacktkostüm auf dem Times Square - an entsprechender Stelle mit Handy bedeckt. Konsequenterweise nannte Branson seine Autobiographie "Geht nicht gibt's nicht".
Keine Frage: Niemand lässt Branson wirklich kalt, auch wenn sich Fans und Gegner schier unüberwindbar gegenüberstehen. Während die Bewunderung seiner Anhänger so weit geht, dass der Brite in Umfragen nach den größten Vorbildern sogar vor Jesus landet, können die Gegner angesichts dieser Ergebnisse wohl nur "Oh Gott!" rufen. Zusätzlich brandmarken sie ihn gerne als Heißluftproduzenten.
Doch Branson hat es mit Geschick und Aufmerksamkeit immerhin zu einem geschätzten Vermögen von 2,5 Milliarden Dollar gebracht. Er ist Herr über ein Imperium aus rund 150 Firmen mit 50.000 Mitarbeitern und 13 Milliarden Euro Umsatz. Auch wenn Airlines und Mobilfunkanbieter noch immer für das Gros des Umsatzes sorgen, hat Branson sein Reich in den vergangenen Jahren immer mehr diversifiziert. Inzwischen gehören ihm auch Finanzdienstleister, Hotels und Fitnessstudios. Außerdem setzt er, ganz Menschenfreund, auf Klimaschutz und erneuerbare Energien.
Er ist nur nach außen ein Business-Hippie
So beeindruckend seine Geschichte vom Schulabbrecher zum Milliardär auch ist - selbst dem Selfmade-Messias Branson gelingt längst nicht alles. Eifrig bemühte er sich in seiner Heimat Großbritannien um die Pleitebank Northern Rock. Die Übernahme sollte seiner Sparte "Virgin Money" zum Durchbruch verhelfen. Sogar bei Gordon Brown wurde er persönlich vorstellig, doch der Premierminister verstaatlichte die Bank lieber, als sie in Bransons Hände zu geben. Absolute Seriosität gehört trotz des Erfolgs dann eben doch nicht zu seinem Markenkern. Auch die derzeitige Krise der Luftfahrt geht nicht spurlos an Virgin vorbei. Zudem leidet die Sparte eh schon unter der Liberalisierung des Luftverkehrs zwischen Europa und den USA.
Doch unterschätzen sollte Branson niemand. Als sein Erzrivale British Airways im vergangenen Jahr eine Allianz mit American Airlines schmieden wollte, schickte Branson Hilferufe an die Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain. Wenn das Geschäft nicht läuft, wie bei Virgin Mobile in den USA, wird es eben wieder abgestoßen: Vor wenigen Monaten verkaufte Branson den US-Mobilfunker an den Konkurrenten Sprint. Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende.
Nach außen den Business-Hippie zu geben, im Innern aber ein knallharter Geschäftsmann zu sein - das gehört zu Bransons Erfolgsgeheimnis. Entsprechend haben in seinem Firmenkonglomerat neben ihm vor allem ehemalige Unternehmensberater und Investmentbanker das Sagen.
Branson will auch Satelliten ins All schicken
Der Chef selbst verhält sich wie ein Risikokapital-Investor. Präsentiert jemand eine Idee, findet sie "Dr. Yes" (interner Name) grundsätzlich erstmal gut. Doch stets gilt das Prinzip "Cool und Cash". Denn ein Zuschussgeschäft darf kein Firmenbestandteil sein. Jedes Investment muss binnen drei Jahren mindestens 100 Millionen Pfund Umsatz machen und 30 Prozent Kapitalrendite bringen. Und bevor Branson irgendwo einsteigt, muss klar sein, wie er (mit Gewinn) wieder rauskommt.
So verrückt sein Gerede von den Weltraumflügen deshalb auch vielen scheinen mag: Seine Ambition, diese Vision wahr werden zu lassen, wird ihn wohl so lange antreiben, bis sie umgesetzt ist. Zumal die Fliegerei wohl der einzige Bereich ist, bei dem den Milliardär mehr bewegt als die reine Rendite. Schließlich durchzieht diese Faszination sein Leben: Erst gründete er Virgin Atlantic, dann versuchte er mehrmals, im Heißluftballon die Welt zu umrunden, und nun will er mit Virgin Galactic in neue Dimensionen vorstoßen. Von diesem Plan wird er sich schon aus emotionalen Gründen nicht abbringen lassen - möge an Rückschlägen noch kommen, was wolle.
Wahr ist aber auch, dass Branson die Präsentation in der Wüste dringend brauchte. Damit schafft er nach dem Formel-1-Einstieg mal wieder positive Nachrichten. Bis er selbst und später andere Weltraumtouristen abheben, wird er weiter für Schlagzeilen sorgen. Langweilig wird's bestimmt nicht: So soll der Preis von 135.000 Euro für ein Weltraumticket schnell sinken. Und später will Branson neben Touristen auch Satelliten ins All schießen.