Paul Achleitner: Der Mann hinter John Cyran - DER SPIEGEL
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Deutsche Bank-Chefaufseher Paul Achleitner Der Herr der Krisen

Die Vorstandsrochade bei der Deutschen Bank zeigt, wer in Deutschlands größtem Geldhaus wirklich das Sagen hat. Nämlich Aufsichtsratschef Paul Achleitner - auch wenn der joviale Österreicher das jederzeit bestreiten würde.
Paul Achleitner: Der Chefaufseher ist erst einmal aus der Schusslinie
Paul Achleitner: Der Chefaufseher ist erst einmal aus der Schusslinie

Paul Achleitner: Der Chefaufseher ist erst einmal aus der Schusslinie

Foto: Michael Gottschalk/ Getty Images
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Es war eine Art Werbebrief, zu dem sich Paul Achleitner nach dem Paukenschlag vom Sonntag bemüßigt fühlte. John Cryan, so schrieb der Oberaufseher der Deutschen Bank an die vom plötzlichen Rückzug ihrer Führungsriege überraschten Beschäftigten, sei nicht nur ein erfahrener Banker. Er stehe auch "persönlich und beruflich für die Werte", die nötig seien, um die Deutsche Bank wieder voranzubringen.

Eine Wende zum Besseren, die sich auch Achleitner bereits auf die Fahnen geschrieben hatte, als er 2012 den Chefposten des Aufsichtsrats übernahm. Im selben Jahr, in dem mit Anshu Jain und Jürgen Fitschen ein neues Führungsduo an der Spitze des Vorstands antrat.

Eine Wende, auf die die Aktionäre des größten deutschen Geldhauses noch immer warten.

Statt eines umfassenden Kulturwandels sind es vor allem Negativschlagzeilen, mit denen die Deutsche Bank auffällt. Für die Manipulation des Referenzzinssatzes Libor zahlte sie kürzlich 2,3 Milliarden Euro. Steuerbetrug beim Handel mit CO2-Zertifikaten ist ein Thema. Und der Verdachtsfall auf mögliche Geldwäsche in Russland, in den die Deutsche Bank verstrickt sein soll, nimmt auch immer größere Dimensionen an.

"Das öffentliche Bild der Deutschen Bank ist derzeit stark angeschlagen und beschädigt", brachte es Achleitner Ende Mai bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank auf den Punkt - rund drei Jahre nach seinem Einzug in das Kontrollgremium. "Niemand kann mit dem äußeren Erscheinungsbild sowie mit der Entwicklung des Aktienkurses zufrieden sein."

Auch wenn es bisher vor allem das Führungsduo Jain und Fitschen war, das vorne in der Schusslinie stand: Angesichts der nicht enden wollenden Skandale und mageren Zustimmungsquoten für den Vorstand von zuletzt nur noch knapp über 60 Prozent stellten immer mehr Investoren auch die Frage, ob denn der Chefaufseher seine Arbeit richtig mache.

Emsige Facharbeit - doch jetzt ist Krisenmanagement gefragt

Zwar betonte Achleitner immer wieder, dass er sich in Sachen Strategiefindung eher als Moderator sehe. Und "auf den Tisch hauen eher für ein Zeichen von Schwäche"  halte. Doch die Strategie des gut vernetzten ehemaligen Allianz-Vorstands, der versucht, mithilfe von regelmäßig tagenden Fachausschüssen der Herausforderungen Herr zu werden, reichte vielen nicht aus.

Zu groß war vielen auch das Verständnis Achleitners für das umstrittene Investmentbanking. Als ehemaliger Deutschland-Chef von Goldman Sachs kennt Achleitner die Chancen und Risiken, die ein starkes Investmentbanking mit sich bringt. Es ist die Sparte, die über Jahre die höchsten Gewinne für das Geldhaus eingefahren hat - und deren Angestellte fürstlich entlohnt wurden. Gleichzeitig steht das Investmentbanking auch wie kein anderes Segment für das moralische Versagen der Bank: Die "Regenmacher" haben mit ihren teils fragwürdigen Deals dem Geldhaus einen Großteil der milliardenteuren Altlasten und Rechtsstreitigkeiten eingebrockt, unter denen die Bank bis heute leidet. Auch einer Aufspaltung der Bank, von vielen Beobachtern gefordert, stellte sich Achleitner stets entgegen.

Den aktiven Krisenmanager, der im Hintergrund die Fäden zieht und durchregiert, will Achleitner bis heute nicht geben. Laut offizieller Lesart waren es Jain und Fitschen selbst, die Achleitner ihr Ausscheiden antrugen. Sie gehen nun. Achleitner bleibt.

Und wie es scheint, steht der joviale Österreicher zu seinen Überzeugungen. Sonst wäre kaum zu erklären, dass mit John Cryan erneut ein Investmentbanker das Ruder bei Deutschlands größtem Geldhaus übernehmen soll.

Die Revolution bleibt aus

Einen radikalen Kurswechsel erwarten Experten von Cryan nicht. Chefaufseher Achleitner hat sich mit der Personalie aber erst einmal selbst aus der Schusslinie manövriert.

Die Aktionäre jedenfalls setzen große Hoffnungen auf den Neubeginn in der Vorstandsebene: Die Aktien der Deutschen Bank   schossen am Montag zeitweise um bis zu acht Prozent in die Höhe. Der Börsenwert des Instituts stieg damit um gut drei Milliarden Euro.

Und auch was die Sorgen und Nöte der deutschen Volksseele angeht, kann Achleitner mit seiner Neubesetzung punkten. Kaum war der Wechsel publik, beeilte er sich zu betonen, dass Cryan anders als Jain, der in kritischen Situation dann doch lieber aufs Englische zurückgriff, sehr gut deutsch spreche.