Hugh Hefner: Der Pascha und die Sex-Illusion
"Playboy"-Verkauf Häschen unterm Hammer
Auch twittert. Der Über-Playboy, Herrscher über Häschen und manischer Träger von Seidenpyjamas, hat im hohen Alter von 83 Jahren die Freuden des virtuellen Netzwerkens entdeckt. Seine drei neuen Freundinnen haben es ihm beigebracht - Crystal, 23, und die Zwillinge Kristina und Karissa, 20. Seitdem zwitschert "Hef" über sein Leben im Playboy Mansion: "Bastele an meinem Sammelalbum", "Spiele 'Uno' mit den Playmates", "Crystal gewann beim Domino".
Es ist eine beschauliche Realität hinter der Sex-Illusion. Das Playboy Mansion, Hefners sagenumwobene Lasterhöhle in Beverly Hills - 29 Zimmer, Weinkeller, Zoo, Voliere und jene berüchtigte Jacuzzi-"Grotte" - wirkt wie ein familienfreundliches, etwas modriges Relikt alter Party-Eskapaden, zu dem sich jeder für 100 Dollar im Jahr Zutritt erkaufen kann .
Im Obergeschoss räkelt sich Hefner, Erfinder und Verleger des legendären US-Busenblatts , wie immer den ganzen Tag lang auf seinem Riesenbett, unter dem Porträt seines ersten Playmates Marilyn Monroe. Er besteht weiter darauf, jedes Nacktfoto, jeden Artikel, jede Karikatur persönlich abzuzeichnen. Für die anderen Pflichten habe er Viagra: "Ohne das könnte ich dieses Leben nicht leben", gibt er zur Protokoll.
Leider sieht es inzwischen so aus, als brauche auch der "Playboy" selbst Hilfe. Das Männermagazin, das Tabus brach und Trends setzte, ist mittlerweile so greise wie sein Gründer. Überrollt von Gratis-Sex im Internet und der Medien- und Anzeigenkrise, fuhr der börsennotierte Verlag Playboy Enterprises 2008 156 Millionen Dollar Verlust ein. Auch im laufenden Jahr wird es rote Zahlen geben: Für die ersten drei Quartale vermeldete das Unternehmen 23,5 Millionen Dollar Miese.
Kaufpreis mindestens 300 Millionen Dollar
Das Häschenreich wankt - und Hefner ist wohl endlich bereit, sich von seinem Lebenswerk zu trennen, von dieser Popkultur-Ikone, die er vor 56 Jahren gegründet hat. "Sollte ich verkaufen müssen", schwor er noch 2008, "wäre mein Leben zu Ende." Heute sieht er das pragmatischer: "Ich bin nicht mehr 30", offenbarte er der "New York Times" jüngst. "Ich muss über den Fortbestand des Magazins nachdenken."
Der "Playboy" wird also verkauft. Zwei Interessenten buhlen nach Informationen der "Los Angeles Times" und anderer US-Medien um Hefners Erbe - auf der einen Seite die private Beteiligungsgesellschaft Golden Gate Capital im Verbund mit Jim Griffiths, dem früheren Playboy-Unterhaltungschef. Auf der anderen Seite steht die Iconix Brand Group, eine Holdinggesellschaft für feine Fashion-Marken wie Mossimo, Skechers, Ecko und Sean John, die Kollektion des Hiphop-Moguls Sean Combs.
Der "Playboy" wird domestiziert. Beide Firmen, so heißt es, stünden schon seit einem Jahr mit dem Verlag in Verhandlungen. Im Gespräch sei ein Kaufpreis von mindestens 300 Millionen Dollar. Golden Gate managt neun Milliarden Dollar Kapital über Beteiligungen an Software- und IT-Firmen, Finanzdiensten und bekannte Konsummarken wie Eddie Bauer. Iconix machte voriges Jahr fast 217 Millionen Dollar Umsatz, ein gutes Drittel mehr als 2007.
Rautenpullis und Reizwäsche, bald unter einem Dach? Griffiths will Playboy Enterprises demnach als Vorstandschef führen, Golden Gate Capital wäre der stille Mehrheitseigner. Das letzte Wort aber hat Hefner, der rund 70 Prozent der stimmberechtigten Playboy-Aktien kontrolliert. Da er bis heute das "öffentliche Gesicht" des Konzerns ist, auch mittels der Reality-Show "The Girls Next Door", die den Alltag im Playboy Mansion dramatisiert, ist anzunehmen, dass er dem "Playboy" als Aushängeschild weiter erhalten bliebe.
Kontrapunkt zur Prüderie Amerikas
Ein Managementwechsel kann dem "Playboy" nur guttun. Gerade erst kappte das Magazin seine Garantieauflage für Anzeigenkunden von 2,6 auf 1,5 Millionen Exemplare - ein Bruchteil der sieben Millionen, die es zu seiner Blütezeit Anfang der siebziger Jahre hatte. Alle Versuche, Anschluss zu halten, schlugen bisher fehl, ob mit Pay-TV, DVDs, digitalem Content oder "Playboy"-Nightclubs. Hefners Tochter Christie, die den Verlag seit 1982 geführt hatte, ging Ende des vergangenen Jahres.
Ein tiefer Sturz für eine Marke und einen Mann, die einst die sexuelle Revolution im Alleingang vorangetrieben hatten - auf brillante oder anrüchige Weise, je nach Ansicht. "Dieser Kerl war einer der Hauptakteure beim Wandel der amerikanischen Kultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts", sagt Robert Thompson, Professor für Popkultur an der Syracuse University, über Hefner. "Und nicht nur, weil er ein Magazin mit nackten Frauen hatte." Hefner zeigte den Männern in der ganzen Welt, was sie anziehen, trinken, lesen und fahren sollten.
Was 1953 mit einer halbnackten Marilyn Monroe begann, war bald das erfolgreichste "Adult"-Magazin der Welt - und ein kultureller Wegbereiter. Das "Bunny", das Häschen-Logo, avancierte zum Symbol eines aufgeschlossenen Lifestyles, die Partys im Playboy Mansion waren ein Kontrapunkt zur Prüderie Amerikas.
Doch dann gab es Sex plötzlich überall, im Fernsehen, im Theater, schließlich im Internet - völlig umsonst. Der "Playboy" verlor seine Einzigartigkeit, sein Gütesiegel des Verruchten, doch zugleich Luxuriösen. Das Häschen wurde alt.
Tapfer spinnt der Altmacho seine Tausendsassa-Rolle fort
Hugh Hefner ließ sich trotzdem nicht bremsen. In ewiger Seidenrobe, Pfeife im Mundwinkel, spielt er unbeirrt die Rolle des Paschas, dem die Jahre nichts anhaben können. Die Reality-Show "The Girls Next Door" verklärt sein angebliches Liebesleben, er ist bis heute Stammgast in den Supermarkt-Postillen, und ein biografischer Film soll die Legende zementieren, an der selbst die peinlichen Enthüllungen einer Ex-Freundin nicht kratzen konnten.
"Hefs" Konzern freilich versank immer tiefer in der Krise. Die Macho-Allüren waren bald nur noch traurig, das Flagschiffmagazin selbst wurde von zwölf auf zehn Ausgaben pro Jahr gestutzt. Der "Playboy", lästerte der Londoner "Independent" zuletzt, werde intern längst nicht mehr als Verdienstquelle gesehen, sondern allenfalls als "Publicity-Generator".
Am Ende siegt eben immer das Geld, ohne das sich selbst die muffige Phantasiewelt des Playboy Mansions nicht aufrechterhalten lässt. Im März warf Hefner die benachbarte Villa seiner Noch-Gattin für 28 Millionen Dollar auf den Markt, verkauft wurde sie im August für 18 Millionen Dollar. Einen Monat später reichte er die Scheidung ein, sie wird ihn teuer zu stehen kommen. Das "Los Angeles Business Journal" berichtete, auch beim Personal des Mansions werde gespart - immer ein schlechtes Omen.
Unterdessen spielt Hefner - der sich zur ewigen Ruhe schon 1992 eine Gruft neben dem Grabmahl Marilyn Monroes gekauft hat - die Tausendsassa-Rolle brav weiter. In seinem jüngsten Twitter-Eintrag berichtete er über das tolle Wochenende im Playboy Mansion. Hauptattraktion am Samstagabend war der alte Kino-Thriller "Eine verhängnisvolle Affäre".