Siemens-Konkurrent General Electric Groß, größer, Größenwahn
Siemens-Konkurrent General Electric: Groß, größer, Größenwahn
Foto: MIKE SEGAR/ ReutersJack Donaghys Ambitionen kannten keine Grenzen. Der selbstverliebte Manager aus der TV-Satire "30 Rock", gespielt von Alec Baldwin, kleidete seinen Größenwahn gerne in krude Bonmots. Etwa: "Ehrgeiz ist die Bereitschaft, die Dinge, die du liebst, zu töten und zu fressen, um zu überleben." Und: "Geschäfte machen mich geil." Oder nur: "Ich bin Gott."
Der fiktive Donaghy arbeitet für eine echte Firma - das US-Industriekonglomerat General Electric (GE), dem das TV-Network NBC gehörte, auf dem "30 Rock" lief. Donaghys reales Alter Ego, GE-Vorstandschef Jeff Immelt, soll darüber gnädig gelacht haben. Denn auch er hegt ähnlich globale Träume - die jetzt aber plötzlich, in einer ebenso filmreifen Wendung, zum größten Vabanquespiel seiner Karriere werden.
Monatelang hat Immelt heimlich über die Übernahme des französischen Konkurrenten Alstom verhandelt. Der Deal im Wert von bis zu zwölf Milliarden Dollar sollte murrende Investoren befrieden, die eine Stärkung der GE-Industriesparte fordern. Doch dann plapperte jemand die transatlantischen Top-Secret-Gespräche aus - und prompt grätschte der deutsche GE-Rivale Siemens dazwischen.
Seither kämpft Immelt an mehreren Fronten um sein Lebenswerk - gegen Siemens, gegen die Wettbewerbshüter und gegen die öffentliche Meinung in Frankreich. Weshalb er am Montag als Klinkenputzer beim französischen Präsidenten François Hollande vorsprach - nur um selbige Klinke dann Siemens-Boss Joe Kaeser in die Hand geben zu müssen.
Siemens-Chef Joe Kaeser: Prompt dazwischen gefunkt
Foto: Sean Gallup/ Getty Images for Siemens AGDass Immelts teure Transaktion zu seinem teuersten Flop werden könnte, wäre zwar nicht der erste Rückschlag für den 58-jährigen Multimillionär. Doch eine Absage könnte seine Karriere diesmal vorzeitig beenden und auch böse Folgen haben für GE - lange einer der unerschütterlichsten Mischkonzerne der Welt, mit einem Börsenwert von 244 Milliarden Dollar.
Weder GE noch sein Management sind solch unerwartet scharfen Gegenwind gewöhnt. Der hünenhafte Immelt, der im 53. Stock des GE Buildings residiert, dem Kronjuwel des New Yorker Rockefeller Centers, steuerte GE durch die Folgen der 9/11-Anschläge und überstand selbst die Konzernkrise während der Rezession 2009 - wenn auch angeschlagen.
Dabei sollte ihm die eigene Unternehmensgeschichte eine Lehre sein. Immelts legendärer Vorgänger Jack Welch, einst "Manager des Jahrhunderts" ("Fortune"), verhob sich 2001 an einem noch größeren Deal: Sein Fusionsversuch mit dem Luftfahrtkonzern Honeywell scheiterte an den EU-Kartellwächtern. Zwei Monate später humpelte Welch in Pension.
Déjà-vu? Die zwei Deals unterscheiden sich im Detail, doch die Lektion ist für Kritiker die gleiche, damals wie heute: Groß, größer - Größenwahn.
TGV gegen ICE: Wer gehört bald wem?
Foto: Marijan Murat/ picture alliance / dpaSchon jetzt gibt es wenig, das GE nicht herstellt. Sein Sortiment reicht von Glühbirnen über Kühlschränke, Mikrowellenherde, Software, Flugzeugtriebwerke, Kraftwerksturbinen und Röntgengeräte bis zu Lokomotiven - eine Palette, die auch "60 Rock" gerne auf die Schippe nahm: Dort war Jack Donaghy bei GE anfangs "Vizepräsident für Ostküstenfernsehen und Mikrowellenherd-Programmierung".
Mit dem Alstom-Coup riskiert Immelt eine der letzten uramerikanischen Erfolgsstorys. 1892 gegründet von Glühbirnenerfinder Thomas Edison, ist GE als einzige der zwölf Originalfirmen im Dow-Jones-Index noch übrig. In der Marketingbranche gilt es als eine der weltbesten Marken, ist in der Liste jedoch um zwei Plätze auf Rang sechs zurückgefallen, nach Apple, Google, Coca-Cola, IBM und Microsoft.
Die Wall Street klagt schon länger, dass GE ihr Sand in die Augen streue, mit obskuren Bilanzen und "den üblichen Spielchen", so Kolumnist Joe Nocera ("New York Times"), der Immelt als tricksenden "Zauberer von Oz" titulierte, als die Fassade 2009 zu bröckeln begann und die Kreditkrise in einem Jahr 269 Milliarden Dollar des GE-Marktwerts auffraß.
Ein weiteres Spielchen sind die Steuern: GE ist einer von 26 Top-Konzernen, die in den vergangenen fünf Jahren keine US-Steuern zahlten, sondern sogar noch Rückvergütungen einstrichen. Von 2008 bis 2012 erfreute sich GE eines Steuersatzes von minus sieben Prozent! Und auch für 2013 fordert es fast 6560 Millionen Dollar zurück.
Steuern hin oder her: Noch in dieser Woche soll sich in Frankreich das Schicksal für GE und Immelt entscheiden. Und am Ende könnte Jack Donaghy wieder mal Recht behalten: "Es gibt keine schlechten Ideen", proklamierte der. "Nur gute Ideen, die furchtbar danebengehen."