Streit über Energiekurs Atomgegner stören RWE-Hauptversammlung
Streit über Energiekurs: Atomgegner stören RWE-Hauptversammlung
Foto: Roland Weihrauch/ dpaEssen - Hauptversammlungen sind meist eher dröge Veranstaltungen mit langatmigen Reden. Doch die Debatte um den Atomausstieg hat dem Energiekonzern RWE am Mittwoch ein äußerst turbulentes Aktionärstreffen beschert. Etwa 200 Kernkraftgegner störten die HV. Einige von ihnen bewarfen Aktionäre mit Wollknäuel und verzögerten mit Sitzblockaden den Beginn der Veranstaltung.
Einzelne Anleger zeigten sich erzürnt vom Anti-Atomkraft-Protest. Aktionäre versuchten, Plakate von Aktivisten abzureißen, es kam auch zu kleineren Handgemengen. Sicherheitskräfte führten die Demonstranten schließlich aus dem Saal. Auch RWE-Chef Jürgen Großmann bekam den Zorn der Atomkraftgegner zu spüren. Mit Trillerpfeifen und lauten Protestrufen störten sie immer wieder seine Rede. An verschiedenen Stellen im Saal enthüllten Aktivisten Plakate mit den Aufschriften "RWE abschalten" und "Atomprofite? Schluss jetzt!".
Großmann selbst zeigte sich davon unbeeindruckt und verteidigte vor den etwa 5000 Aktionären das bisherige Geschäftsmodell des RWE-Konzerns. "Wir betreiben Kernkraftwerke, und dazu stehen wir", sagte er. Es gebe keine Rechtsgrundlage für das vorübergehende Abschalten der Altreaktoren. Denn Kernkraftwerke erfüllten die geltenden Sicherheitsanforderungen. Auch auf die Klage des Konzerns gegen das Atom-Moratorium der Bundesregierung ging Großmann ein. Schon im Aktionärsinteresse sei dieses Vorgehen unvermeidlich.
RWE-Aktionärstreffen: Hauptversammlung wird zur Anti-Atom-Demo
Für den Konzern bedeute die Abschaltung der Reaktoren Verluste im niedrigen dreistelligen Millionenbereich, erklärte der Vorstandschef. Bei RWE stammten nach Unternehmensangaben 2010 knapp 15 Prozent des betrieblichen Ergebnisses von 7,7 Milliarden Euro aus der Kernkraft. Somit lag der Ergebnisbeitrag aus der Kernenergie bei etwa 1,16 Milliarden Euro.
Aktionäre fordern Kurswechsel
Dialogbereitschaft ließ der RWE-Chef nur kurz erkennen. "Wenn es der feste Wille der Mehrheit der deutschen Bevölkerung und der sie vertretenden Politik ist, zukünftig auf Kernkraft zu verzichten, werden wir uns dem nicht verschließen." Allerdings warnte er, ein solcher Schritt werde Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe verursachen.
Aus den Reihen der Anteilseigner erntete Großmann für seine Pro-Atom-Rede Applaus. Doch nicht alle stützen den Kurs des Vorstands. Bei einem Treffen kommunaler Aktionäre einen Tag vor der Hauptversammlung zeichnete sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ein breiter Konsens für einen raschen Atomausstieg ab. Mit ihren Regionalverbänden halten diese Anteilseigner rund 25 Prozent der RWE-Aktien.
Auch auf der Hauptversammlung forderten einige Aktionärsvertreter die RWE-Führung auf, ihren atomfreundlichen Kurs zu überdenken. Zwar begrüßten die Aktionärsschützer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz ausdrücklich die Klage gegen das Atommoratorium. Andere bedeutende Anleger äußerten dagegen Zweifel am Vorgehen Großmanns. So warnte Hans-Christoph Hirt von der Vereinigung institutioneller Privatanleger, der Konzernlenker setze mit seinem Konfrontationskurs Reputation und Akzeptanz des Essener Energiekonzerns aufs Spiel.
Andere Aktionärsvertreter kritisierten die Pläne des Konzerns zum Bau neuer Kernkraftwerke im Ausland: "Neues Geld für derartige Hochrisikotechnologien wird es mit unserer Unterstützung nicht geben", sagte ein Vertreter des Investmentfonds Union Investment. Hintergrund: Die "Wirtschaftswoche" hatte berichtet, die polnische Regierung wolle RWE als Partner für den Bau eines AKW gewinnen. In einem Bericht der "Westfälischen Rundschau" hieß es, der Vorstand habe beschlossen, sich mit 20 Prozent am Bau eines AKW in den Niederlanden zu beteiligen. RWE hat dies inzwischen zurückgewiesen.