Teldafax-Pleite: Die Unvermögenden - DER SPIEGEL
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Teldafax-Pleite Die Unvermögenden

Selten gab es in der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte eine größere Insolvenz: Bis zu 750.000 Gläubiger hinterlässt der Energie-Discounter Teldafax, offenbar wussten die Behörden frühzeitig von der drohenden Pleite und unternahmen nichts. Wie konnte es nur so weit kommen?
Teldafax-Zentrale in Troisdorf bei Bonn: "Das kann nicht funktionieren"
Teldafax-Zentrale in Troisdorf bei Bonn: "Das kann nicht funktionieren"

Teldafax-Zentrale in Troisdorf bei Bonn: "Das kann nicht funktionieren"

Foto: Oliver Berg/ dpa
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Der Brief, der die hochfliegenden Pläne einer kleinen Gruppe wohl geltungsbedürftiger Herren hätte beenden können, umfasste bloß drei Seiten. Am 9. Juli 2009 schrieb der dreiköpfige Vorstand des Energie-Discounters Teldafax seinem Aufsichtsrat, dass nach gründlicher Prüfung der Tatbestand der Zahlungsunfähigkeit festgestellt worden sei. Sollten nicht noch kurzfristig Geldgeber auftauchen, müsse bald ein Antrag auf Insolvenz gestellt werden.

Doch so laut die Alarmglocken in diesem Augenblick auch schrillen mochten, die Reißleine zog man erst zwei Jahre später. Bis dahin hieß es: weitermachen. Und das, obwohl die Behörden offenbar ebenfalls seit 2009 von der drohenden Pleite wussten.

Nach dem Aldi-Prinzip wollte das Unternehmen aus dem rheinischen Troisdorf den Energiehandel in Deutschland revolutionieren - und scheiterte damit schließlich im Frühsommer 2011 auf ganzer Linie. Die Aufarbeitung der Rekord-Pleite, die in den kommenden Monaten ansteht, könnte daher zu einem Lehrstück über Gier, Größenwahn und Unvermögen werden. Nie zuvor hat eine bankrotte Firma in der Bundesrepublik mehr Gläubiger hinterlassen als Teldafax - bis zu 750.000 sollen es nach Schätzungen des Insolvenzverwalters sein.

Abstruses Geschäftsmodell

Und wenn sich endgültig erweisen sollte, was der frühere Finanzvorstand des Unternehmens im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE beschreibt, dann war die Insolvenz kein Betriebsunfall, sondern die logische Folge eines abstrusen Geschäftsmodells. "Ich habe einige Zeit gebraucht, um mir Klarheit zu verschaffen", so Alireza Assadi, "aber dann wusste ich: Das kann nicht funktionieren."

Seinen Ausführungen zufolge gab Teldafax Strom und Gas über weite Strecken billiger an die Kunden ab, als man die Produkte eingekauft hatte. Und so feierte sich die Firma mit Hunderttausenden Abnehmern zwar als "größter unabhängiger Energiedienstleister" Deutschlands, doch eigentlich brachte sie jeder zusätzliche Vertragsabschluss näher an den Rand des Ruins.

Gleichzeitig brauchte die Firma jedoch neue Abnehmer. Die Vorauszahlungen der neuen Kunden erleichterten den Einkauf der Energie. Teldafax warb mit prominenten Namen, dem des Fußballbundesligaclubs Bayer Leverkusen und dessen Manager Rudi Völler etwa. Und auch als es der Firma finanziell schon sehr schlecht ging, kam sie ihren Sponsoring-Verpflichtungen stets nach: Den schönen Schein durfte nichts trüben - Assadis Warnungen indes verhallten ungehört.

Einen Dummen finden

Irgendwann sei es seinen Vorstandskollegen eigentlich nur noch darum gegangen, so der frühere Finanzexperte, einen ausländischen Investor aufzutun, dem man den maroden Laden hätte verkaufen können. Kurzum: Das Management suchte einen Dummen, doch fündig wurde es nicht. Russen, Araber, Asiaten - niemand mochte einsteigen.

Assadi aber, der sich intern für ein hartes Sanierungskonzept stark und damit unbeliebt gemacht hatte, schasste der Aufsichtsrat im Oktober 2009. Das Geschäft ging also weiter - und neue Kunden kamen in Scharen.

Einer von ihnen war Rolf Wehner, 60. Den Krankengymnasten aus dem hessischen Baunatal lockten wie so viele andere auch die günstigen Strom- und Gasangebote. Erst im März 2011 verlängerte er seinen Vertrag bei Teldafax. Nun sagt Wehner: "Da hätte ich schon skeptisch sein müssen, denn bei denen hatte es schon länger gekriselt." Aber die Einsparung sei schließlich nicht zu verachten gewesen. 2200 Euro statt vorher 3000 musste er für das Gas in seiner Praxis zahlen. Natürlich ein Jahr im Voraus, "das war der Deal."

Wehner rechnet nicht damit, dass er die etwa 1000 Euro, die Teldafax ihm noch schuldet, erstattet bekommt. "Das Geld habe ich abgeschrieben." Vielmehr empöre ihn aber, so sagt er, dass "solche Machenschaften überhaupt möglich sind. Das ist doch unglaublich." Dieses Geschäftsgebaren dürfe nicht ungestraft bleiben, sagt Wehner. Er hoffe, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Bonn wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung und des gewerbsmäßigen Betrugs.

Manager im Knast

Marcus Strotkötter von der Gläubigerschutzvereinigung Deutschland schätzt, dass Teldafax "konservativ gerechnet, seinen Kunden und Gläubigern mindestens eine halbe Milliarde Euro" schuldet. Den Betroffenen macht er dabei allerdings nicht viel Hoffnung: Am Ende werde lediglich eine geringe Quote zu ihrem Recht kommen, "auf keinen Fall mehr als zehn Prozent".

Der Gründungsvorstand von Teldafax, Michael J., hatte bereits in den neunziger Jahren Tausende Immobilienanleger um viele Millionen Euro gebracht. Ein Gericht bescheinigte ihm 2008 in einem Urteil eine "erhebliche kriminelle Energie und eine besonders habgierige Gesinnung". Inzwischen sitzt J. im Gefängnis. Für SPIEGEL ONLINE waren weder er noch sein Anwalt zu erreichen.

Indes sucht Klaus Barth, der frühere Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, der eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht beantwortete, via Internet-Karriereportal eine neue "Herausforderung". Der Berliner mit den Interessen "Motorradfahren und Camping" bietet demnach "umfangreiche Erfahrungen in der Energiebranche" und kann "im Marketing-Bereich sagen, was geht und was nicht geht".

Dass bei Teldafax fast nichts mehr geht, werden Tausende geprellte Kunden spätestens am 8. November im Kölner Kongresszentrum erfahren - auf der vielleicht größten Gläubigerversammlung in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Die Manager jedoch, gegen die sich die Wut der Betroffenen richtet, werden dann ganz sicher nicht dort sein. Sie haben bestimmt andere Termine.