Führungsprobleme bei Tesla Musks Batterie ist leer
Elon Musk
Foto: Joshua LOTT / AFPDie Börse ist grausam. Kaum hatte Tesla-Chef Elon Musk sein tränenreiches Interview in der "New York Times" gegeben , setzten viele Wertpapierhändler an ihren Monitoren einen kurzen Befehl ab: "verkaufen". Bis zum Handelsschluss am Freitag stürzte der Tesla-Kurs an der Nasdaq um neun Prozent ab. Zurück aus dem Wochenende setzten die Börsianer am Montag die Degradierung fort. Zeitweilig taumelte die Aktie unter der Schwelle von 300 Dollar. Binnen zwei Wochen hat sie damit über ein Fünftel ihres Werts verloren.
Es waren Festtage für die "Short-Seller", die sogenannten Leerverkäufer, die Musk inbrünstig hasst - und denen er gedroht hat, sie fertigzumachen. Denn diese Händler wetten auf den Niedergang des E-Autobauers. Sie verkaufen Tesla-Aktien, die sie noch gar nicht besitzen, in der Hoffnung, die Aktie bei Fälligkeit zu einem niedrigeren Kurs einkaufen zu können. So wollen sie Profit einstreichen aus der Differenz zwischen Einstands- und Verkaufspreis. Am vergangenen Freitag verdienten die Leerverkäufer laut der Analysefirma S3 Partners am Tesla-Kursverfall eine Milliarde Dollar. Und es war ausgerechnet Musk selbst, der seinem Lieblingsfeind zu dem Etappensieg verhalf.
Denn das einstündige Interview, das Musk zu Hause in Los Angeles gab, hat die Börsianer und die Tesla-Fangemeinde gleichsam verunsichert. Unterbrochen von Tränen gewährte der 47-Jährige der Öffentlichkeit tiefe Einblicke in seine Schlafprobleme, seinen Schlafmittelkonsum, seine 120-Stunden-Wochen und seine insgesamt offensichtlich labile Verfassung.
Kritiker sehen sich durch das Interview, das eher an eine Therapiesitzung erinnerte, bestärkt. Sie warnen, dass Musks Führung dem Unternehmen inzwischen mehr schadet als nützt. "Angesichts seiner jüngsten Vorstellung kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendein Investor bei gesundem Verstand oder irgendein unabhängiges Aufsichtsratsmitglied will, dass er CEO bleibt", sagte der frühere Vizechairman von General Motors, Bob Lutz, im Sender CNBC. "Elon ist müde, er ist ausgebrannt. Er hat offensichtlich einige emotionale Probleme."
Tatsächlich tritt Musk sehr anders auf als seine Managerkollegen aus der traditionellen Detroiter Autoindustrie. Aber genau das hat ihn befähigt, zu schaffen, was viele für unmöglich hielten, als er Tesla 2003 gründete. Er brachte ein Elektroauto auf den Markt, das die Kunden begeistert und mehr als ein Nischenprodukt ist.
Nun aber könnte das Ausnahmetalent in die Falle tappen, die vielen Unternehmern droht, nachdem aus ihrer Idee ein börsennotierter Konzern geworden ist. Ausgerechnet die Eigenschaften, die sie so weit gebracht haben, werden zum Risikofaktor für die Stabilität ihrer Unternehmen: die Portion Größenwahn ("Unser ehrgeiziges Ziel ist es, 2022 unsere erste Frachtmission zum Mars zu schicken."). Der Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit. Die Sturheit, Warnungen in den Wind zu schlagen. Die Bereitschaft, Regeln zu verletzen.
Mehr Wunschdenken als geplantes Projekt
Die Hoffnung, mit der Medien, Analysten und Investoren Musk in den vergangenen Jahren begegneten, schwindet nun merklich. Er hat versprochen, nun soll er liefern, so die neue Logik.
Musk aber schert sich um die Lehren von Managementgurus bislang ebenso wenig wie um die Ratschläge seines eigenen Aufsichtsrats - etwa, wenn es darum geht, das halsbrecherische Twittern doch besser einzustellen. Er habe nichts zurückzunehmen, sagte er der "New York Times" zu dem Tweet, der die jüngsten Chaoswochen eingeleitet hatte. Darin hatte er aus dem Nichts angekündigt, sein Unternehmen von der Börse nehmen zu wollen. Seitdem allerdings ist deutlich geworden, dass es sich dabei mehr um Wunschdenken als um ein durchgeplantes Projekt handelt - vielleicht sogar eine "Fantasie", wie das "Wall Street Journal" anmerkte.
Mancher Beobachter hält Musks Gewohnheit, eine wenig fundierte Ankündigung nach der anderen abzusetzen, für Methode. Musk "ähnelt dem Präsidenten der Vereinigten Staaten in der Art, wie er die Medien benutzt", sagte Dave Lyons, der einst zwölfte Mitarbeiter von Tesla, in der "Washington Post".
15 Jahre Tesla: Vom E-Auto-Hype zum Hyperloop
Seinen Tweet zur geplanten Reprivatisierung von Tesla, der die Märkte in Wallung versetzte, verfasste Musk nebenbei auf dem Weg zum Flughafen. Doch die Idee, sich damit der lästigen Analysten und Short Seller zu entledigen, hegt er schon seit Langem. Das Geld dafür, so hat er inzwischen konkretisiert, soll vom saudischen Staatsfonds kommen, der ein Vermögen von 230 Milliarden Dollar verwaltet. Und tatsächlich ist der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman gegenüber Tech-Deals grundsätzlich nicht abgeneigt. Noch im Frühjahr besuchte er das Silicon Valley. Fraglich ist nur, wie belastbar seine vermeintliche Zusage ist.
Die Idee, Tesla zu privatisieren, "klingt eher wie ein Sabbatical von der Realität", schrieb dazu der britische "Economist". Der Höhenflug der Tesla-Aktie, die Musks Tweet kurzfristig bis auf 387,46 Dollar hochtrieb, erwies sich jedenfalls als kurzes Vergnügen gegen die Short Seller. Stattdessen ermittelt nun die Börsenaufsicht SEC wegen eines möglichen Verstoßes gegen Informationsregeln, und mehrere Investoren haben Klage eingereicht.
"Herkules remixed"
Musk hat seiner Fangemeinde versprochen, der Durchbruch bei Tesla stehe kurz bevor. Im dritten Quartal dieses Jahres werde das Unternehmen, das noch kein einziges Mal einen Jahresgewinn erzielt hat, Profite ausweisen und Cashflow generieren. Die Experten des "Wall Street Journal" fürchten hingegen, dass die jüngsten Turbulenzen die Fahrt in den finanziellen Engpass beschleunigen werden. Schon bald könne dem mit zehn Milliarden Dollar verschuldeten Unternehmen das Geld ausgehen. Zum Ende des zweiten Quartals habe Tesla zwar Barmittel von 2,2 Milliarden Dollar in der Kasse gehabt, aber allein im ersten Halbjahr seien 1,8 Milliarden Dollar an Cash-Reserven verbraucht worden.
Mit seinen überzogenen Versprechungen macht sich Musk selbst zur leichten Beute für Short Seller. Die Investmentbank J.P. Morgan hat ihr Kursziel für die Aktie zum Jahresende von 308 auf 195 Dollar runtergesetzt.
Das Magazin "Wired" aus San Francisco, selbst erklärtes "Sprachrohr der digitalen Generation", sagt noch Schlimmeres voraus. "Elon Musk ist gebrochen, und wir sind es, die ihn gebrochen haben." Der Tesla-Chef sei der "Herkules remixed". Er habe die ihm auferlegten Arbeiten gemeistert, Raketen auf Schiffen gelandet und ein wundervolles erschwingliches Elektroauto geliefert. "Aber die Anstrengung hat ihn anscheinend verrückt werden lassen. Und nun droht er, das zu zerstören, was er geschaffen hat."
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, Elon Musk habe in dem Interview mit der "New York Times" über "seinen Marihuanakonsum" gesprochen, das ist jedoch falsch. Vielmehr sprach Musk über den Gebrauch eines Schlafmittels, dass er Marihuana nehme, dementierte er explizit.
Zudem wurde Elon Musk in einer früheren Fassung als "Tesla-Gründer" bezeichnet. Auch diesen Fehler haben wir korrigiert.