Teure Impfstoffe: Pharmachef liest seiner Branche die Leviten - DER SPIEGEL
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Teure Impfstoffe Pharmachef liest seiner Branche die Leviten

Klare Worte eines Pharmamanagers: Der Chef von GlaxoSmithKline wirft seinem Industriezweig vor, er handle oft unsozial. Das Unternehmen will einen Impfstoff für Entwicklungsländer stark verbilligen - und verspricht, das sei mehr als "eine einmalige philantropische Geste".
GlaxoSmithKline-Chef Witty: "Strategie, um unser Geschäftsmodell zu ändern"
GlaxoSmithKline-Chef Witty: "Strategie, um unser Geschäftsmodell zu ändern"

GlaxoSmithKline-Chef Witty: "Strategie, um unser Geschäftsmodell zu ändern"

Foto: ? Toby Melville / Reuters/ REUTERS
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London - Kritik an der Pharmaindustrie ist an sich nichts Ungewöhnliches. Dass jedoch ein Pharmamanager seine eigene Branche kritisiert, hat Seltenheitswert. Eine solche Kollegenschelte wagte jetzt der Chef des britischen Pharmakonzerns GlaxoSmithKline (GSK), Andrew Witty, in der Londoner "Times". Die Arzneimittelhersteller hätten sich bislang zu oft "wie losgelöst von der Gesellschaft" verhalten, schrieb Witty in einem Beitrag für die Zeitung. "Um auf Dauer erfolgreich zu sein, müssen wir auf eine Weise handeln, die im Einklang mit der Gesellschaft und ihren Erwartungen ist."

Wittys Kritik kam nicht zufällig gerade jetzt: Am Montag gab GSK bekannt, dass es den Preis für einen Impfstoff gegen Durchfallerkrankungen durch Rotaviren in Entwicklungsländern um 67 Prozent senken will. Eine Impfdosis soll damit noch 2,50 Dollar kosten, die komplette Impfung eines Kindes 5 Dollar. Witty sagte, es handle sich "nicht um eine Spielerei oder eine einmalige philantropische Geste, sondern eine konzertierte Strategie, um unser Geschäftsmodell zu ändern."

Den Preisnachlass gewährt GSK der Impfallianz GAVI, die ab kommenden Montag in London eine Geberkonferenz abhält. Dort sollen insgesamt 3,7 Milliarden Dollar für Impfprogramme eingesammelt werden, die bis 2015 rund vier Millionen Kindern in Entwicklungsländern das Leben retten könnten. Deutschland steuert in diesem Jahr 20 Millionen bei, für 2012 ist eine Erhöhung auf 30 Millionen geplant. Jährlich sterben mehr als 500.000 Kinder an Durchfallerkrankungen, die durch Rotaviren ausgelöst wurden.

Schon vor einigen Monaten hatten GSK und Pfizer   angekündigt, dass sie GAVI stark verbilligte Medikamente gegen Lungen- und Hirnhautentzündungen anbieten wollten. Zur Konferenz werden nun laut "Times" von verschiedenen Konzernen weitere Zusagen für verbilligte Impfstoffe erwartet. Der Pharmakonzern Merck & Co.   kündigte bereits an, er wolle seinen Impfstoff gegen Rotaviren auf fünf Dollar pro Dosis verbilligen. Sobald mindestens 30 Millionen Dosen bestellt seien, werde der Preis auf 3,50 Dollar sinken.

Der britische Entwicklungshilfeminister Andrew Mitchell lobte die Ankündigung von GlaxoSmithKline. "Ich hoffe, die gesamte Branche wird dem Weg folgen, den Andrew Witty und GSK bahnen." Auch die Bill&Melinda-Gates-Stiftung, der größte Geldgeber von GAVI zeigte sich zufrieden. Der Microsoft-Gründer und seine Frau teilten mit, der Rabatt für die Impfstoffe gegen Rotaviren freue sie besonders, "da der Schock darüber, dass jährlich 500.000 Kinder an einer vermeidbaren Krankheit sterben, uns zur Arbeit für weltweite Gesundheit bewegt hat".

dab/Reuters