Turkish Airlines: Rot-Weiß in den roten Zahlen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Turkish Airlines Rot-Weiß in den roten Zahlen

Der Aufstieg von Turkish Airlines war lange eng verbunden mit dem Erfolg von Staatspräsident Recep Erdogan. Plötzlich ist der Höhenflug des Unternehmens vorbei. Ist die Gesellschaft in Ungnade gefallen?
Flugzeuge von Turkish Airlines in Istanbul (Archiv)
Flugzeuge von Turkish Airlines in Istanbul (Archiv)

Flugzeuge von Turkish Airlines in Istanbul (Archiv)

Foto: © Murad Sezer / Reuters/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man stelle sich einmal vor, die Jets der Lufthansa würden mit einem Kranich auf einer schwarz-rot-goldenen Heckflosse durch die Welt fliegen - als Zeichen für die Verbundenheit mit Vaterland und Regierung. In Deutschland wäre das undenkbar. Schließlich ist der Lufthansa-Konzern seit gut 20 Jahren privatisiert. Außerdem legt das Management Wert auf seine Unabhängigkeit.

Doch es geht auch anders. Das zeigt ein Blick auf die Türkei und auf ihren Nationalcarrier Turkish Airlines. Das Land und seine Fluglinie - sie gehört noch immer zu knapp der Hälfte dem Staat - verhielten sich wie siamesische Zwillinge. Einer konnte und wollte nicht ohne den anderen. Das drückt sich auch in den Symbolen aus: Bei der türkischen Flagge prangt eine weiße Mondsichel auf rotem Stoff, im Emblem der Fluglinie taucht die Form bei einem symbolisierten Vogel wieder auf, ebenfalls auf knallrotem Hintergrund.

Die Symbiose brachte beiden Seiten Vorteile. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan diente das schnell wachsende Unternehmen als Beleg für seine erfolgreiche Wirtschaftspolitik und die Fortschrittlichkeit seines Landes. Zwischen 2005 und 2015 stiegen die Passagierzahlen von 14 auf 62 Millionen Gäste. Im Gegenzug räumte Erdogan dem Nationalcarrier Bremsklötze aus dem Weg wie hohe Gebühren, Abgaben oder Flugverbote während der Nacht. Zudem lässt er einen gigantischen neuen Großflughafen im Norden Istanbuls bauen.

Doch ausgerechnet die Nähe zu dem autokratischen Staatsführer wird für die Airline und ihr Management nun zur Belastung, womöglich sogar zur Bedrohung. Bereits nach den Anschlägen auf den Flughafen Istanbul und dem versuchten Putsch im Sommer brachen die Umsätze und Verkehrszahlen von Turkish Airlines ein. Vor allem Touristen mieden und meiden das Land und weichen auf vermeintlich sichere Regionen der Welt aus.

Normalerweise erholt sich die Nachfrage nach solchen Ereignissen bald wieder. Das ist dieses Mal anders, und Schuld daran ist auch Erdogan. Mit seiner autokratischen Politik, Massenverhaftungen und Drohungen wie der Einführung der Todesstrafe vergrault er ausgerechnet die Klientel, die er für das weitere Wachstum seines Nationalheiligtums dringend braucht: Geschäftsreisende und Umsteiger, die mit Turkish Airlines über Istanbul nach Indien oder China fliegen.

Neuer Chef Bilal Eksi

Neuer Chef Bilal Eksi

Foto: Turkish Airlines

Genauso schnell wie es mit Hilfe des Staatspräsidenten einst bergauf ging, geht es nun bergab. In Branchenkreisen wird schon gemunkelt, die Fluglinie könne in diesem Jahr bis zu einer Milliarde Euro Verlust erwirtschaften. Vergangenes Jahr stand die Zahl noch für einen Gewinn in gleicher Höhe. Die Hauptleidtragenden dürften wie so oft die Beschäftigten sein. Sie sind in der Türkei ohnehin viel leichter zu kündigen als beispielsweise in Deutschland. Rund ein Dutzend Langstreckenjets hat die Gesellschaft schon aus dem Verkehr gezogen, Flugziele wurden gestrichen, darunter auch drei Städte in Deutschland. Außerdem sollen bestellte, neue Jets später ausgeliefert werden.

Der neue Chef Bilal Eksi soll es nun richten und Turkish Airlines wieder zu alter Größe verhelfen. Er plant ein Sparprogramm und will bis zu 1500 Mitarbeiter in den Urlaub schicken oder kündigen. Den alten Chef Temel Kotil hat Erdogan entsorgt, offenbar, weil er ihn verdächtigte, eine größere Anzahl von Symphatisanten der ihm verhassten Gülen-Bewegung im Unternehmen geduldet zu haben. Kotil galt als enger Vertrauter des Staatspräsidenten. Genutzt hat es ihm am Ende wenig.