Turkish Stream: Wladimir Putins Plan, Erdogans Vorteil - DER SPIEGEL
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Türkisch-russischer Pipeline-Deal Wer dominiert hier wen?

Zwei Alphatiere machen Geschäfte: Die Präsidenten Putin und Erdogan haben den Bau einer Gaspipeline beschlossen. Am längeren Hebel sitzt die Türkei.
Putin, Erdogan
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Putin, Erdogan

Foto: OZAN KOSE/ AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wladimir Putin ist bekannt für raubeinige Auftritte. Die Teilnehmer des Weltenergiekongresses in Istanbul erlebten einen ganz anderen russischen Präsidenten: konziliant, gar nicht konfrontativ im Ton. "Russlands Energieexport garantiert das erfolgreiche Funktionieren vieler Volkswirtschaften der Welt", rief Putin.

Sein Land werde "in der Energiebranche auch weiter konstruktiv mit allen interessierten Parteien zusammenarbeiten, auf Basis gleichberechtigter Partnerschaft und gegenseitigen Nutzens". Putin klang wie der Chef eines Konzerns, der um die Gunst eines besonders wichtigen Großkunden wirbt.

Das Ziel der Avancen war der Gastgeber: Russland hat mit der Türkei ein Regierungsabkommen über den Bau einer Gaspipeline durch das Schwarze Meer unterschrieben. 2019 soll das erste Gas strömen. Putin machte bei seinem Besuch in Istanbul ein weiteres Zugeständnis: Türkische Bauern dürfen nun wieder Tomaten und Obst nach Russland liefern. Der Kreml hatte die Strafen 2015 wegen des Abschusses eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei verhängt. Dieser wirtschaftliche Druck zwang Erdogan zum Einlenken: Er bekundete im Juli gegenüber den Angehörigen des getöteten russischen Piloten sein Beileid.

Warum will Russland die neue Pipeline?

Russland will die Ukraine beim Gasexport umgehen - und steht dabei unter Zeitdruck. Seit dem Ende der Sowjetunion kontrolliert die Ukraine die wichtigsten Transitkorridore für russisches Gas, Moskau fühlt sich seit dem "Gaskrieg" 2009 erpressbar durch Kiew. Alternativrouten sollen den Gastransit über ukrainisches Territorium auf null senken.

Der Bau der Ostseepipeline Nord Stream nach Deutschland war der erste Schritt. Der Aufbau eines vergleichbaren Korridors nach Südosteuropa kommt aber seit Jahren nicht voran. Erst holte sich Moskau mit seinem South-Stream-Projekt bei der EU eine Abfuhr: Bulgarien zog sich von dem Projekt zurück, auf Drängen der EU-Kommission.

Entnervt und frustriert beerdigte Putin South Stream dann vor zwei Jahren - nur um umgehend mit Erdogan Ersatz zu präsentieren. "Turkish Stream" soll nicht nur die Türkei versorgen, sondern auch Weiterexporte Richtung Westen möglich machen. Griechenland hat großes Interesse, auch Italien liebäugelt mit der Idee.

Die Zeit drängt für Russland: 2019 enden die laufenden Transitverträge mit der Ukraine. Dann soll auch das erste Gas durch die neue Türkei-Pipeline fließen, haben Putin und Erdogan vereinbart.

Ist die Türkei wirklich interessiert?

Die Türkei ist - nach Deutschland - der wichtigste Abnehmer russischen Gases. Der Verbrauch wird in den kommenden Jahren wohl weiter steigen. Zudem ist der geplante Verlauf der Pipeline für die Türkei attraktiv: Sie soll türkisches Festland im Gebiet Istanbul erreichen, einem wichtigen Ballungsgebiet. Die Blue-Stream-Leitung, die bereits seit mehr als einem Jahrzehnt Gas aus Russland liefert, endet dagegen in Ankara.

Begibt sich die Türkei in Abhängigkeit von Russland?

Im Konflikt um den abgeschossenen Kampfjet hat der Kreml Erdogan mit wirtschaftlichem Druck zum Einlenken gezwungen. Im Fall der geplanten Pipelines sind die Machtverhältnisse umgedreht. "Die Türkei sitzt am längeren Hebel", sagt der deutsche Energie-Experte Roland Götz. Das Land kontrolliere de facto den für Russlands Exporte wichtigen Korridor durch das Schwarze Meer und "kann seinen Inlandsbedarf zur Not auch ohne Turkish Stream decken".

Ankara hat sich für Moskau schon früher als sperriger Verhandlungspartner erwiesen. Die Gespräche über Turkish Stream lagen bereits auf Eis bevor im November 2015 der russische Kampfjet an der Grenze zu Syrien abgeschossen wurde: Gazprom hatte zehn Prozent Preisnachlass geboten, die Türkei wollte mehr. Energie-Experte Götz sieht die Türken in einer guten Verhandlungsposition, "weil sie auch mehr Gas aus anderen Regionen beziehen könnten: Aserbaidschan, Iran, auch die Kurdengebiete im Irak fördern Gas".

Russische Beobachter halten das für nicht wahrscheinlich. Rund um die Türkei gebe es zwar alternative Lieferanten. Diese "haben aber entweder zu wenig freie Kapazitäten oder es fehlt ihnen die Infrastruktur für einen Ausbau des Türkei-Geschäfts", sagt Maria Belowa von der Moskauer Energieberatung Vygon.

Was bedeutet der Deal für die EU?

Ursprünglich war "Turkish Stream" als Mammutprojekt geplant, bestehend aus vier Röhren, Gesamtkapazität: 63 Milliarden Kubikmeter pro Jahr, das ist fast doppelt soviel, wie die Türkei insgesamt verbraucht. In Istanbul einigten sich Erdogan und Putin auf eine deutlich abgespeckte Variante: zwei Röhrenstränge, 30 Milliarden Kapazität. Auch das ist mehr, als die Türkei braucht. Russland spekuliert weiter darauf, Gas über den Brückenkopf Türkei weiterleiten zu können, auf den Balkan und bis nach Italien.

Bereits vor Jahren hat Russland eine Kompressorstation am russischen Ufer des Schwarzen Meeres mit einer Kapazität von bis zu 60 Milliarden Kubikmeter errichtet. Die Moskauer Gas-Analystin hofft, dass Moskau die Widerstände der EU-Kommission mit der Zeit überwinden und "Turkish Stream" Schritt für Schritt auf vier Stränge erweitern könne.

Die Widerstände dagegen sind in Europa groß. "Die EU-Kommission geht schon gegen direkte Gasgeschäfte mit dem Kreml auf die Barrikaden", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter eines europäischen Energiekonzerns. "Da werden sie über den Zwischenhändler Erdogan nicht begeistert sein."